Ausgabe 
(31.5.1894) 22
 
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nämlich in der Znchtlosigkeit derJngend, ganz verzweifelndan einer Besserung, ein Strafgericht Gottes erblicken znmüssen. Solche und ähnliche Zeugnisse könnten wir ausdem VII. Bande Janssens noch eine große Mengehinzufügen.

Der Unterschied der Bildungsstätten der Jesuiten von denen der alten Orden lag darin, daß die altenOrden meistens ihre Zöglinge zn Religiösen erzogen,wahrend die Jesuiten die Jugend auf weltliches wie auftheologisches Studium vorbereiteten, zu weltlichen wiegeistlichen Berufsständen heranbildeten. Dannzog diesatzungsmäßige Unentgeltlichkeit des Unterrichts dieSöhne der minder bemittelten Stände zn den Jesuiten-schulen", währenddie höheren Stände" vonder Ur-banität und Disciplin und Lehrfähigkeit" der Jesuiten -collegien angezogen wurden. Dies bezeugt uns wiederumein Jesuitenfeind, Zirngiebl. Und Nuhkopf bestätigt uns:In den Jcsuitencollegien wurde die Jugend ohne großeKosten, und die ärmere ganz frei, sehr sorgfältig, sanftund milde behandelt und erzogen. Die Jesuiten betrugensich als gütige Bäter: sanftes Zureden, herzliche Vor-stellungen vertraten die Stelle der körperlichen Strafen,die höchst selten bei ihnen waren. Sie konnten also aufdie größte Anhänglichkeit der Zöglinge, die sie entlassenhatten, zuverlässig rechnen. In ihren Kollegien herrschteeine Sittenreinigkeit, welche man vergeblich auf den pro-testantischen Schulen und Universitäten suchte. Alanwußte nichts von schimpflichen Züchtigungen, denn dieverwahrlosten und ganz verdorbenen, bei denen ihresanfteren Mittel nichts halfen, litten sie nicht weiterunter ihren Alumnen, und schickten sie wieder zn ihrenEltern. Bei ihnen selbst konnte nicht leicht eine solcheSittenlosigkeit und Verwahrlosung eintreten, weil sie allesmit der größten Vorsicht entfernten, was die Einbildungs-kraft der ihnen anvertrauten Jugend hätte irre leiten undbeflcckenoderihrenSittcnhätte schädlich werdcnkönnen. DieSorge für die Reinlichkeit und Ordnung in den Zimmernder Zöglinge, im Anzüge und in ihrer kleinen Oekonomiewar musterhaft, und die Pflege, welche die krankenAlumnen genossen, nicht minder genau und herzgewinnend.Ueberall standen sie unter der Aussicht ihrer Lehrer, welchesie selbst bei ihren Spielen und körperlichen Bewegungen,denen gewisse Stunden angewiesen waren, nie aus denAugen ließen." Also da haben wir das ganze Geheimnißder großen Zugkraft, welche heute wie vor 300 Jahrendie Jesuitenschulen ausüben und ausübten. Der heiligeJgvatins hat eben verstanden, Ernst und Milde in derrichtigen Weise in seiner Lehrmethode zu paaren.Allessoll mit Maß je nach Verhältniß der Personen, des Ortesund der Zeit geschehen", heißt es in einer Instruktiondes hl. Jgnatius an die nach Jngolstadt entsandtenJesuiten . Auf die Erholung von Geist und Körper, aufdie Erhaltung von Gesundheit wurde ebensowohl gesehen,wie auf ernste Wissenschaft. Die Ancifernng des be-rechtigten Ehrgeizes und die Furcht vor der Schandesollten an die Stelle von Strafen treten.

In Köln gründeten die Jesuiten im Jahre 1544daS erste Colleg und übernahmen drei der städtischenGymnasien. Rektor des CollegS war der hervorragendek. Fr. Coster. Oeffentliche Prüfungen, öffentliche Schüler-vorträge, öffentliche und Privatdisputationen waren damalsschon für Lehrer und Lernende eine rege Aneiferung. 1558zählten die Schulen beiläufig 600 Zöglinge und 60 Con-victoristen, 1578 840, 1581 über 1000.

Von Köln aus verpflanzten sich die Jesuiten nach

Trier, Koblenz, Main; und Heiligenstadt , und hattenüberall blühende Gymnasien und Lyceen mit zahlreichenSchülern. Unter Mohnheim und Fabrizius,der deutscheCicero" genannt, hatte die fürstliche Schule in Düssel-dorf noch 17002000 Schüler, im Jahre 1581 abernur noch 100. Mohnheim suchte die Schule zu einerPflanzstätte des Protestantismus zu machen. Mit derNeuerung wurde auch der Grund zum Verfall der fürst-lichen Schule gelegt, und die Schüler bezogen die Jesuiten-schulen.

In Emmerich hatte das Gymnasium 1559 noch2000 Schüler, Anfang der 90er Jahre sank die Zahldurch Krieg und Krankheit auf 50 herab. Dann imJahre 1593 übernahmen die Jesuiten dasselbe, und dieZahl stieg trotz des Krieges wieder aus 300 und um1606 auf 400.

In Münster übernahmen im Jahre 1588 dieJünger Loyola's die dortige, dem Verfall sich immermehr zuneigende Domschule. Sie begannen den Unter-richt mit 300 Schülern; im darauffolgenden Jahr wardie Zahl auf 900 angewachsen und 1592 sogar auf 1100und bei Beginn des 30jährigen Krieges auf 1300. Eskamen protestantische Schüler her aus Bremen, Hamburg und Lübeck und aus Preußen und Holland . An dasGymnasium schlössen sich später theologische und philo-sophische Vorlesungen.

B. Sökeland zeichnet die Jesuitenschulen in Münster also:Die Blüthe des Münsterffchen Gymnasiums unterden Jesuiten füllt in eine höchst schreckliche Zeit bürger-licher Zwietracht und mancherlei Elends. In den letzten20 Jahren des 16. Jahrhunderts wetteiferten Pest undKrieg, die Leiden Westfalens voll zu machen. Die Pestraffte, fast alle 23 Jahre wiederkehrend, Tausende hin;der Krieg wurde in den Niederlanden zwischen Holländernund Spaniern geführt, und verbreitete sich von da ausüber Westfalen, welches, theilweise ohne Wehr und Ver-theidigung und den Naubzügen der Holländer wie derSpanier preisgegeben, fast ärger zertreten wurde, alsder eigentliche Schauplatz des Kampfes." Das war alsoeine harte Lage für die Erzieher der Jugend, und doch:Erfreulich und tröstend", fährt Sökeland fort,ist aufjeden Fall bei der Betrachtung der oft mit Trauer er-füllenden Geschichte dieser Zeit der Gedanke, daß ohnedie Jesuiten die Schulen dieser Stadt gänz-lich würden in Verfall gerathen fein, währendsie unter den Jesuiten blühten und eine Zahlvon mehr als 1000 Schülern zählten, undferner der Gedanke, daß die Jesuiten eswaren, welche die Gebäude errichteten, derenwir uns noch jetzt erfreuen, und das Ver-mögen sammelten und sparten, welches nochjetzt unsern Lehranstalten reichliche Mittelgewährt." Wohl zn merken ist bei diesem Zeugniß,daß Sökeland keineswegs ein Jesnitenfreund ist.

Achnlich wie in Münster ging es in Paber born.

(Fortsetzung folgt.)

Religiöse und monumentale Kunst.

(Fortsetzung.)

Nachdem die Kirchen so vieler Kunstschätzs undMittel zn Neuanschaffungen durch die Säcularisation be-raubt wurden, so sollten die Vertreter des Volkes in dengesetzgebenden Körpern zunächst nur solche aus den Taschendes letztern fließende Mittel bewilligen, welche auch wiederI zu allgemeinen, dem Volke direct dienenden Kunstzwecken