Ausgabe 
(7.6.1894) 23
 
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Milden, theils um andere studierende Jünglinge zuihrem künftigen Berufe zu erziehen". Aber auch inDillingen blieben Excesse ärgster Art nicht aus, und alskeine Ermahnungen und Verwarnungen fruchten wollten,übergab der Cardinal unter Widerspruch seines Dom-kapites die Universität den Jesuiten . Auch das Kollegiumzum hl. Hieronymus wurde den Jesuiten unterstellt.Jetzt wuchs die Zahl der Studenten mit jedem Jahr;auch Protestanten kamen hinzu. Der calvinistische DichterFortunat v. Jnvulta, Landvogt von Fürstenau in Grau-bünden , welcher selbst in Dilltngen studirt hatte, mußtebekennen:Die Lehrmethode der Jesuiten , ihren Fleißund ihre Sorgfalt kann ich nur loben und billigen."Ein protestantischer Polemiker beehrte 1593 die Jesuiten in Dillingen mit folgendem freundschaftlichen Erguß:Die Dillingcr Jesuiter sind wohl mit als die allcr-gefährlichsten im Reiche anzusehen, denn sie sind überalle Maßen gelehrt und unverdrossen im Unterrichtund Predigen, als sie dann vom Teufel mehr noch als Anderewerden instigirt, das abgöttische Papstthum mit allenMitteln und Künsten der Jugend und Erwachsenen ein-zubilden, zwacken dem Evangelium ungezählte Seelen abund sind so mitsammt ihrem Anhang verzweifelte Buben,denen man nicht leicht zu Leib rücken kann."

Im Jahre 1605 belief sich die Zahl der Hörer auf730 und zwei Jahre darauf auf 1660. Die Zahl derConvictoren stieg auf 250, unter denen sich 118 Mit-glieder verschiedener Orden befanden.

In Würzburg belief sich die Zahl der neuge-gründeten Universität, besonders durch den berühmtenFürstbischof Julius Echter gefördert, im Anfang derGründung auf 900 Studenten. Doch, da auch hierJuristen waren, auf welche die Jesuiten keinen Einflußhatten, blieb Würzburg auch nicht ganz frei von grobemUnfug der Studenten.

Dies ist in kurzer, knapper Schilderung ein Bildder Lehrtätigkeit der Jesuiten in Deutschland vor300 Jahren. Janssen hat in unwiderleglicher Weise be-wiesen, daß die Jesuiten wahrhaft segensreich gewirkthaben. Es waren Netter in einer Noth, wo Niemandmehr Hilfe wußte. Und diese damaligen Helfer verbanntman heutzutage aus ihrem Vaterland! Das ist der Dankder Welt! Unser kurzer Auszug möge doch das Interessenoch weiter wecken, den 7. Band Janssens selbst zurHand zu nehmen und zu studieren; bereuen wird diesNiemand; denn er bietet zu viel des Interessanten.

Religiöse und monumentale Kunst.

(Schluß.)

II.

Als eine neue, erfreuliche Erscheinung müssen wires begrüßen, daß in neuester Zeit auch bedeutenderechristliche Künstler ihre neuesten Werke durch öffentlicheAusstellungen der allgemeinen Besichtigung und Kritikunterstellen. Hiedurch finden sie ja am besten Gelegen-heit, ihr Können vor einem größern kritischen Publikumzu dokumentären und sich zu empfehlen.

So brachte dieser Tag nach Verlauf von kaumeinem Jahre der Bildhauer Herr Georg Busch wiedereine ganze Sammlung neuer Werke, theils in Thonmodellirt, theils in Holz geschnitzt, in dem unternSculpturensaale" des Münchener Kunstvereines zur Aus-stellung. Der Wochenbericht derM. N. N." nennt sieeine in allen Theilen wohlgelungene" und besonders die

triptychonartige Skizze" zu einem Altaraufsatzbe-deutend". Doch das WortSkizze" gibt von der ge-nannten, zu einer Netable wie geschaffenen Arbeit eine falscheVorstellung. Sie ist dies ebensowenig, als das neulichim Kunstverein leider im schattigen Ecken-Halbdunkelhängende, im hellen Tageslicht aber nichts weniger denn alsSkizze" erscheinende farbenfrische, feingestimmte, lieb-liche Bild derhl. Jungfrau mit dem Jesusknaben in-mitten einer kleinen Schaar von Verehrern", welches derMaler Herrmann Lang ausgestellt hatte. Nur den einenMangel hatte es gewiß wieder in Folge seiner

Billigkeit daß der Maler sich nicht Zeit genommen

hatte, das sonst farbenschöne rothe Gewand der Madonnanach der Natur zu zeichnen, sondern es gleich aus demKopfe gemalt hatte.

Die Arbeit von Busch ist nämlich ein in natürlicherGröße gedachtes und genau zu copirendes, auf das

Sorgfältigste in Thon durchmodellirtes Originalmodell, daszur Ausführung als Altaraufsatz in Holz oder auch Steinsehr geeignet ist. Die Mitte der Netable bildet eine

Nische, deren vortretende Säulen einen Spitzbogenbaldachintragen. Unter diesem sitzt auf einem dreistufigen Thronedie hl. Jungfrau, die mit seliger Liebe und Innigkeitauf ihr Kind mit ein wenig zu ihm hingeneigtem Haupteherabblickt, während dieses in kindlich unmuthiger Haltung,das Köpfchen an ihre Brust lehnend, zu ihr aufschaut.Die Mutter, im Untergcwande, Mantel und auf dieArme herabhängenden Schleier, erscheint in naturalistischfreier und zugleich nichts weniger als stilloser Draperie,und auch das Kind ist wenigstens um den Leib in einfaltenloses Tuch gehüllt, das zwar erst durch die poly-chrome Ausführung zur Wirkung kommen wird. Rechtsund links schließt sich an diesen Baldachin je ein Flügelmit hohlkehlenartigem, von Säulen getragenem Halb-gewölbe. In jedem derselben vertheilen sich theils knieend,theils stehend je acht mnsizirende und singende Chor-knaben. Man kann nichts Interessanteres sehen, als dieseschön und originell gruppirten, in Haltung und Gewandungin einer gewissen edlen und vornehmen Größe erscheinendenKnaben mit dem ernst sinnigen und zugleich freudig an-dächtigen Ausdruck der fein durchgeistigten Köpfe.

Solche Beispiele im Vergleich mit andern auch noch soformgerechten, selbst formenschönen Darstellungen belehrenuns, daß es zur vollen, uns ergreifenden und auf die Daueransprechenden Wirkung eines Bildwerkes unerläßlich ist,daß der Künstler ihm einen specifisch individuellen Cha-rakter, gleichsam eine persönlich empfindende Seele mit-zutheilen versteht, indem er seinem Gegenstände nur aufGrundlage naturalistischer Sondererscheinung jenen höhernkünstlerischen, stilistisch-idealen Zug einzuverleiben versucht. Beide Seiten im Verein, beide Qualitäten in innigerDurchdringung: die naturalistische Wahrheit oder indi-viduelle, lebendige Wirklichkeit und zugleich die Subli-mirung der gemeinen, d. i. der gewöhnlichen, realenNatur oder der idealisirende Stil, können erst das voll-giltige, moderne Kunstwerk constituiren; bei einem christ-lichen, bezw. kirchlich-religiösen ist ihr Vorhandensein un-erläßlich. Die glückliche Abwägung und die verständniß-volle Ausgleichung beider Seiten als charakteristische Zügebilden den Maßstab für die größere oder geringere Werth-schätzung eines Werkes als Kunstschöpfung. Die bloßephantasielose Kopie der Natur ist keine Schöpfung unddas rein phantastisch willkürliche und unnatürliche Ge-bilde kein echtes Werk der Kunst.

Mit sicherm Blick und glücklicher Hand hat Herr