Busch seinem Werke diesen sinnlich-geistigen Doppel-charakter, der die eigentliche und lebensvolle Kunst-schönheit begründet, gegeben. Frei und leicht ist dieHaltung und Bewegung der nobel und großfaltig dra-pirten Figuren^, die gleichwohl in symmetrisch-schönenGruppen zu einer großen, einheitlichen Komposition zu-sammengeschlossen erscheinen. Originell und geschmackvollist die das Bildwerk einrahmende Architektur, derenSäulen rosengezierte Kapitäle haben, und deren Dachein leichtes, von Rosenguirlanden, auf denen Vögel sitzen,durchzogenes Gesims überragt.
Die Netable ist somit in der That eine bedeutendekünstlerische Leistung und das Vorzüglichste, was HerrBusch auf dem Gebiete der kirchlich-religiösen Kunstbisher zu schaffen in der Lage war. Sie interefsirt um-somehr, als sie einmal eine originale, von dem stereo-typen Pyramidenschema unserer modernen, meist monströsenAltarbauten durchaus abweichende Arbeit darstellt, die,wenn auch oder gerade well so einfach in der Anlage,durch die lebendige, einheitliche Gesammtwirkung, sowieden klaren und ansprechenden Ausdruck ihres Gedankensden Beschauer fesselt und erfreut. Möchte diese Schöpfung,in der Idee und Form sich vollständig deckend, nicht dazuverdammt sein, als bloße Atelierzierde zu verstäuben,sondern bald zum würdigen Schmucke eines Gotteshausesund, wie sie selbst als die Offenbarung eines tief religiösempfindenden Künstlergcmülhes erscheint, zur Erbauungfrommer Christenleute in edlerm Metalle ausgeführtwerden können.
Eine in Lindenholz geschnitzte Diadonna mit demJesusknaben ist die nur wenig geänderte und etwaskleiner ausgeführte Kopie jener bereits den Altar derneuen Kapelle der Missionsschwestern in Tntzing zierendenMarienstntue. Sie ist als Himmelskönigin aufgefaßt,die, gleichsam auf der Wolke herabgeschwebt, das in ihrerHand stehende, die Beter segnende göttliche Kind hält.Man weiß nicht, soll man mehr das mit lebensvollsterWahrheit und Schönheit dargestellte Kind oder die mitköniglicher Anmuth und Würde erscheinende Mutter be-wundern. Freilich erzielt das fein polychromirte größereOriginal (zwar nicht so in Tntzing selbst, wo es nichtdas rechte Licht hat!) eine bei weitem intensivere Wirkung,als diese bis jetzt farblose Holzstatue, die, mit einem zier-lichen Baldachin versehen, zu einem Hansaltar sehr ge-eignet ist. Erklärte doch eine gefeierte Dichterin vondem erstem: „Ich muß es nur sagen, welch' große Freudedas schöne Werk. . täglich bereitet. Es muß dem KünstlerSegen bringen, denn die Leute beten gern davor. . . siefinden, daß hier etwas Anderes ist, als gewöhnlich . . .auch hat es der Künstler sicher mit Andacht gemacht.. ."Ein competentcres Urtheil über das künstlerische, undefi-nirbare Etwas des genannten Bildwerkes könnten wirwohl nicht beibringen.
Als das allerglücklichste EinzelbildwerkBnsch's möchtenwir feine „matsr araaUilis" bezeichnen. Sie ist ganzim künstlerischen Sinne jener bekannten „schönsten deutschenMadonnenfigur des Mittelalters" im Germanischen Mu-seum (der Nest einer Krenzigungsgrnppe eines unbekanntenMeisters allerersten Ranges!) gehalten. Die feine, sprechendeBewegung des Körpers, gehoben durch die fließende, an-schmiegende Gewandung, stimmt genau zu dem mit ent-zückender Klarheit ausgedrückten poetischen Gedankeninhalt,der sich in dem seligen, etwas nach oben gerichteten Blickeder großen Augen des zugleich dem Kinde zugeneigten Hauptesund dem sanften Drucke, mit dem sie jenes mit beiden
Armen an sich preßt, dem dieses wiederum mit Blick undBewegung entgegenkommt, offenbart. Nur das Gefältedes obern, über die Brust gehenden Theiles der Ge-wandung dünkt uns etwas zu kleinlich behandelt.
Ein anderes, ebenfalls in Holz geschnitztes Bildwerkstellt einen sehr ideal gehaltenen Engeljüngling dar, der,talarartig schön gewandet, einem Kinde als Führer dient,mit der ausgestreckten Rechten ihm den Weg zeigend. Erist eine modifizirte Variation eines größcrn bestellten,in seiner feinen Polychromirung prächtig erscheinenden„Schutzengels". Noch ein unmuthiges Christkindlein, dasmit Liebe suchendem Blick beide Aermchen dem Betrachterentgegenstreckt, gehört hieher. Mit einer Gloriole vonEngelköpfchen — Relief des giebelförmigen Hintergrundes
— um das Haupt und auf der Wolke stehend, dient esals Schmuck eines kleinen Hängealtars.
Von ganz anderer, höchst komisch-naturwüchsiger Artist ein kleines Genrestückchen, ein ungeberdiger „Schrei-hals", der, obgleich er seiner ihn tragenden Schwesterin die Haare gerathen und sie zum Greinen bringt, dennochunwillkürlich dem Zuschauer ein lustiges Lachen abringt.
Auch noch vier Portraitbildnisse, zwei Vollbüstenund zwei Hochreliefs, von großer Lebenswahrheit undorigineller Auffassung gehören zu der vorwürfigen Aus-stellung. Von diesen fällt das des vr. Konstantin vonWnrzbach (österr. Negierungsrath, bekannter Verfasser desgroßen biographischen Lexikons berühmter Oesterreicher undeiner Biographie des ch Malers v. Steinle) durch diemehr malerische Behandlung des männlich-schönen undsinnigen Kopfes auf, während die des Dichters MartinGreif und jene des Malers Gebhard Fngel sich durchenergische, lebensvolle Charakteristik der geistigen Per-sönlichkeit auszeichnen.
Nachschrift. Zum Schlüsse müssen wir noch einmalauf den im Beginne dieses Artikels (Nr. I) genanntenKunflschriftstcller und Maler Friedr. Pecht zurückkommen.Nachdem Obiges schon geschrieben, kam uns die Nr. 100
— Morgcnblatt — der „Allgemeinen Zeitung " zurHand. Dieselbe enthält im Feuilleton „MünchenerKunst" eine bemerkenswerthe Corrcctur seiner früherenAnschauung, welche ihm seinerzeit die Münchener christlicheKunst einflößte, und zugleich eine kompetente Bestätigungunserer eigenen, im Vorstehenden gegebenen Kritik. HerrPecht zeigt sich von den geschilderten Produkten der christ-lichen Kunst fast noch begeisterter als unsereins. Erschreibt unter anderm — von der Tutzinger Madonna,sie sei „von einer naiven Lieblichkeit und Reinheit desAusdrucks bei Mutter und Kind, wie man sie nur beiden besten Altdeutschen trifft. Ja, das ist urdeutsch .. .daß man auch nicht die Spur von Einfluß der Antikemehr sieht und sich um so mehr an der seltenen Innig-keit dieser Auffassung freut. Da sage einer noch,daß das Christenthum nicht mehr lebendigunter uns sei, wenn die kirchliche Kunst nochsolche Blüthen zu treiben vermag. .... Fastnoch merkwürdiger ist dann ein gothisches Altarwerk, . .in der Mitte die Madonna ... zu ihren beiden Seitengroße Gruppen von singenden und musizircnden Knaben. . . wiederum von einer naiven Anmuth, wie sie hierdirect an Luca della Robbia's reizende Kindergruppeuerinnert. . .. Dieser Altar ist in seinem Reichthum vondirect der Natur abgelauschten Kindercharakteren nochfast ein größeres Meisterstück als die eben beschriebeneHimmelskönigin. Und dabei trotz allen Stilgefühls keineSpur von akademischer Kälte" rc. F. Festtng.