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Ueber die frühchristlichen Thiersymbole vonAchmim-Pcmopolis in Oberägypten und inden Katakomben.
Studie von vr. G ustav A. Müller, MuscmuSbevollm. undHerausgeber der „Aittiquitätcu-Zeitschrist" in Strnßburg i. E.
(Schluß.)
Die Taube.
Das Bild der Taube ist eines der beliebtesten Sym-bole der altchristlichen Monumente, und seine Deutungläßt ebensoviele schöne Gedanken zu, als seine Darstellungeine mannigfaltige ist. Wir müssen den Leser bezüglichder einzelnen Katakombcnbilder auf die einschlägige Lite-ratur verweisen und können einleitend nur auf allgemeineGesichtspunkte eingehen. Um das Vorkommen der Taubeim christlichen Ideen- und Bilderkreis zu verstehen, be-dürfen wir keineswegs, wie Hasen clever aus Oppo-sition gegen die angebliche „Schule De Nossi's" gewollthat, die Belehrung des klassischen Heidcnthnms. Auchhier gilt inutatis umkaMia Wilperts Entwurf, daßdie alten Christen, die Menschen waren wie ihre heid-nischen Mitbürger, die Taube ebensogut gekannt habenals Letztere, und wenn auch Hasenclcver gewiß Rechthat, auch für das Heidenthum die Taube, sei es alsirgend ein Sinnbild, sei es als bloßes „Ornament", zubeanspruchen, so ist dabei nicht zu vergessen, daß dieChristen die Symbolik ihrer Taube aus dem eigenenGlaubenssonds, ans den heiligen Schriften ableiteten. Wasist schließlich, um mit dem weisen König zu reden, neuunter der Sonne? Es ist nicht das Ding an sich, sonderndie Idee, die ein Zeichen oder Bild zum geistigenEigenthum erhebt. Den Streit über „das Ding"halten wir für geistlos, denn auch hier ist's der Geist,der lebendig macht. Ob die Taube, wie VictorSchnitze will, ursprünglich der Arche Noahs angehört,sich aber schon frühzeitig von derselben ablöst, ohne jedochihre Bedeutung als eines Sinnbildes des Friedens auf-zugeben, ob sie ferner allmählich nur „rein ornamental"erscheint — oder ob man mit Hasen clever den um-gekehrten Gang der Entwicklung annimmt, es könnte ansich gleichgültig bleiben, wenn daraus nicht ein Haupt-moment gemacht würde und die Wahrheit nicht inFrage stünde. So aber hat Hasenclevers Theorie— erst Ornament, dann Sinnbild und Noahs-Taube —eine Tendenz als Spitze, indessen Schultze immerhin,vorab auch religions- oder kirchcngeschichtlich beachtet, einediscutable kunstarchäologische Erklärung bietet. Die Wahr-heit liegt wohl auch hier in der Mitte. Wir finden esfür höchst lächerlich, den reichen altchristlichen Jdcenkrcisan Schablonen zu binden und zu sagen: von da bisdahin biblisches Bild, von hier bis dort Symbol, vondamals bis jetzt Ornament.
Es genügt, für die Katakomben: zu constatiren,daß das Bild der Arche Noahs mit der Taube —speciell im Hypogaion der Flavier — bis in das ersteJahrhundert hinein zu datiren und dasjenige derTaufe Jesu mit der Taube als Symbol des heiligenGeistes in der Krypta von S. Lucina nicht viel jüngerist. Hieran reihen sich, ideell wie zeitlich, andere Bildermit anderen Details.
Wir dürfen als bekannt voraussetzen, daß die Taubeals Symbol der christlichen Seele gilt, vorzüglich nachderen Eingang in den ewigen Frieden. In gleicherWeise ist sie das Bild des heiligen Geistes, sowohl»historisch" wie bei der Taufe Christi, als auch symbolisch-
dogmatisch als Symbol der heiligenden, die Gnadeu-unschuld erhaltenden Wirkungen. So ist sie auch dasBild der gläubigen Seele im Allgemeinen, und je nachihrem Vorkommen und manchen Details symbolisirt siedie Apostel, die Märtyrer, die Kirche, die Unsterblichkeitund, mit dem Oelzweig im Schnabel, den himmlischenFrieden, in letzterer Beziehung sichtlich schöpfend aus derinhaltsreichen Symbolik, die in der Geschichte llloahsliegt. Die Taube, die aus einem Gefäße trinkt, die aneiner Weintraube pickt, ist ein schönes Sinnbild derSeele, die sich labt an der Seligkeit der Ruhe in Gott .
Von den reichen Variationen der Katakombcnbilderthun wir einen Blick auf die Darstellungen vonAÄmim, die uns manches Neue, sicherlich viel In-teressantes bieten.
Zunächst darf gesagt werden, daß auf den christ-lichen Denkmälern von Achmim die Taube als häufigesSymbol erscheint. Bloße Ornamentik reprüscntirt sievornehmlich erst auf spätbyzantinischen Stoffen. Sodannkönnen wir auch für Aegypten der christlichen Symbolikder Taube ein hohes Alter zuerkennen, wenn auch —wir müssen uns angesichts der Verschleuderung der Fundein aller Herren Länder vorsichtig ausdrücken — daSerste und zweite Jahrhundert nicht wie in den Ka-takomben auf den erreichbaren Funden in Betrachtkommen wird.
Zu den ältesten Tnubcndarstcllungcn von Achmim rechne ich, der Art des Stoffes wie der einfachen Sym-bolik nach, den von Forrer abgebildeten Besatzrest, deruns zwei Tauben rechts und links von einemKelche zeigt. Ich halte das Mittelstück im Kelche fürein Brod — analog dem nächsten Bilde — und denKelch als gläsern gedacht. Aller weiteren Sinnbild-lichkeit unbeschadet, dürfte doch auch hierin ein Gedankeder Encharistie, an das himmlische Mahl, das uns denseligen Frieden verheißt, nicht abzuweisen sein. DaSBild mag noch in das III. Jahrhundert gesetzt werden,indessen das nächste sicherlich eine offenere Darstellungdes beginnenden IV. Jahrhunderts ist. Von — aller-dings ornamental wirkenden — Kreuzen umgeben, nippenzwei Tauben von Brod und Kelch. Das euchar-istische Brod liegt hier über dem Kelche. Dem Endedes IV. Jahrhunderts zuzutheilen sind die nächsten zweiBilder: Tauben und Fische, sowie zwei aus einemmit Edelsteinen gezierten Gefäße trinkendeTauben auf einem äußerst farbenprächtigen Gewand-stück der Sammlung Forrer. Daß ich mit Recht dieTaube in Beziehung zur Encharistie bringe, beweist eine„rohe Leinwandstickcrei", wo wir die Taube zwischeneucharistischen Broden erblicken. Da die Künstlervon Achmim , vorab seit dem V. Jahrhundert, wohin dasStück gehört, es „mit der Farbengabe nicht genau nahmen",wollen wir den Umstand, daß auf dem Original dieWeihbrode roth mit weißen Kreuzen erscheinen,nicht dogmatisch oder dogmcngcschichtlich deuten, so naheuns die Versuchung liegt, darin eine „Synkrasie" von„Leib und Blut" des Heilandes zu erblicken. Erwähntsei noch Forrers Beobachtung von „sich schnäbelndenTauben" auf spätbyzantinischen, freilich auch arabische»Stoffen.
Auffallend genug ist es den Kennern der Achmim-funde, daß die Arche Noahs mit der Taube, sowie dieTaube mit dem Oelzweig ähnlich wie in den Kata-komben noch nicht beobachtet worden ist. Hingegen istein Umstand, den schon Forrer betont hat, anscheinend