Ausgabe 
(21.6.1894) 25
 
Einzelbild herunterladen

Emmerich.) Das schwierige Problem, das sich der Künstler jselbst durch Auslosung der sonst beliebten Gruppirung derApostel in drei Einzelgruppen gestellt, hat derselbe durcheine wohlberechnete und doch zwanglos erscheinende Com-position, sowie die übrigen künstlerischen Ausgaben derfestlichen Drapirung, der Farbeubchandlung und Per-spektive mit grosser Gewandtheit und feinem Geschmackgelöst. Eine feierlich ernste, hochdramatische Stimmungliegt wie ein überirdischer Hauch auf dieser Abendmahls-sceue. Zu dieser trägt auch der so ansprechende feineharmonische Farbenaccord des Ganzen, dessen ungemeinwarm leuchtenden Ton gleichsam die in der Mitte desSaales herabhängende Lampe entzündet, deren Licht inverstärkter Kraft von der Gestalt des Heilandes und imsanften milden Glänze von den farbigen Festkleidern derJünger widerstrahlt, nicht wenig bei. (Auf dieses be-deutende, echt religiöse, weil von tief religiöser Em-pfindung gesättigte, Kunstwerk werden wir noch einmalbesonders zurückkommen.)

Das Fngel'sche Gemälde hätte keinen besseren Platzfinden können, als neben dem Bilde Nr. 1068, einerFlucht nach Eghptcn", indem diese Nachbarschaft dermalerischen Wirkung des erstem nur zu statten kommt,aber freilich auch zugleich einen schnellen Umschwung dererhabenen in die komische Stimmung bewirkt. Man siehtauf der kolossalen Lcinwandfläche die etwas schmutzig hell-gelbe Farbenmischung der Wüste ausgebreitet, die in un-endlicher Ferne vielleicht erhaben wirken kann. In ihrerMitte entdeckt man bei näherm Zusehen ein Tnrco-ähn-liches Mäunlein, das einen Esel mit einer daraufsitzendenFraucngestalt mit Kind führt. Der verhältnismässiggroße Esel ist das Plastisch Dcntlichste auf dem ganzenBilde. (Schluß folgt.)

Orlando dr Lasso.

Zn seinem 300jährigen Todestag (14. Juni).

Von A. Graf.

(Schluß.)

Im Jahre 1572 sehen wir den Meister wiederunermüdlich thätig in München , besonders beschäftigtmit dem IMtrooiniuwr Unmass, fünf Bänden in großFolio, gedruckt auf eigene Kosten des Herzogs. DieBände sind dedizirt dem Herzog, Papst Gregor XIII. ,dem Bischof von Augsburg , dem Abte von Weihen-stephan bei Freising und dem Abte von SL. Emmeranin Ncgcnsbnrg. Sie enthalten u. a. die fünfstimmigePassion, neun vierstimmige Lektionen aus Job, dreiLektionen für die Matutin von Weihnachten , mehrereMagnificat, sodann ziemlich viele deutsche neue Gesängencbsteinem muntern französischen Liebchen", ein gnaaizMa-inölo.

Karl IX. von Frankreich hatte Heimweh nach unsermMeister und erließ an ihn die Aufforderung, ganz nachParis überzusiedeln und Kapellmeister an seinem Hofe zuwerden mit sehr hohem Gehalte. Orlando wollte nichtvon München fort, der Herzog selbst aber rieth ihm, dieglänzende Stelle anzunehmen, sei es aus Mitleid fürden sehr niedergedrückten König, fei es, daß er glaubte,Orlando könne sich in Paris noch weiter vervollkommnen.Orlando ging schweren Herzens, und als er in Frankfurt den Tod des Königs von Frankreich , der am 30. Mai1574 eintrat, erfuhr, kehrte er sofort leichten Herzensnach München zurück, wo der Herzog selbst ein Gedichtauf die «Perle seiner Kapelle" verfaßte.

Wir haben eben gesagt, daß Orlando ziemlich vieledeutsche Lieder componirte. Ueber diese sagen die Monats-hefts für Musikgeschichte:In die Leichtigkeit des welt-lichen Liedes wollte er sich nicht recht schicken. SeineNatur war auf das Grandiose eingerichtet, uud solchezarte Blüthen faßte er viel zu fest an und benahm ihnenden Duft." Wir können hier sofort auch seine erotischenund bacchantischen Lieder erwähnen, deren Texte mitunterfrivol sind. Er componirte hier leider auch nach demGeschmack der Zeit, in der er lebte, wie es auch Pa-lestrinn in seiner ersten Schaffcnsperiode that. Esgenügt, darauf hinzuweisen, daß Orlando diese Kompo-sitionen später selbstNarrenspossen" nannte, und daßspäter aus vielen dieser Lieder der anstößige Text durcheinen dezenten ersetzt wurde. Man hat seiner Zeit denAusdruck gehört:Welche Orlandiadel" und verstanddarunter Trinkgelage, bei denen leichtfertige Lieder desOrlando gesungen wurden. Die Lieder 183 asian-8ons sind dedizirt an einen französischen Edelmann,und wollen wir eines der besten dem Texte nachbeisetzen:

Dcus gut bonum v'mum ereavit

vlno rcbutlli>te8 «Lxiiis äolors muletavltIcillot iiror'sus istis ditotloetumIkoe niuzuüm guietum iurviueui loctulll.

Es Möge auch die Berballhornung dieses Liedesseitens mehrerer Schriftsteller angefügt sein, sie lautet also:

Ollus gui bonmn vlmim koeistiLL ex vollem multa capit» clvlei'e eroastivL Ilübis guLC8iimu8 intollvetumUt snltem xossimus inveoire Ivotum.

So macht man auf eigene Faust aus einem xein

Nach München zurückgekehrt, arbeitete Orlando mitriesiger, fast unglaublicher Kraft an neuen Werken undentfaltete dabei die größte Vielseitigkeit. Wir erwähnenvon seinen damaligen Compositionen nur: einen Banddreistimmiger lateinischer Motetten, gewidmet den HerzogenWilhelm, Ferdinand uud Ernst, neun zweistimmige Ge-sänge und Jnstrumentalsätze, gewidmet dem Herzog Wil-helm, den dritten Theil der fünfstimmtgenDeutschenLieder", zumal wir fein Hauptwerk IMtrooiniuui Llnsicesoben schon angeführt haben.

Am 24. Oktober 1579 verlor Orlando durch denTod seinen fürstlichen Gönner Albert, nachdem letzterersechs Monate früher dem Meister noch einen lebens-länglichen jährlichen Gehalt von vierhundert Gulden aus-gesetzt hatte mit der speziellen Bedingung, daß Niemanddas Recht habe, diese Summe zu verkürzen. Der Nach-folger in der Regierung, Wilhelm V. der Fromme, bliebdem Meister gerade so gewogen, wie sein Vorgänger,und dieser Umstand bewog Orlando sicherlich zumalwir seine Dankbarkeit schon kennen einen glänzendenRuf seitens des Kurfürsten August von Sachsen nachDresden nicht anzunehmen, sondern ihm andere vorzüglicheMusiker zn empfehlen. So blieb Orlando in München und arbeitete unermüdlich weiter, mehr, als seine physischenKräfte erlaubten. Der Herzog wollte ihm Ruhe, Urlaubgönnen, allein er war die Arbeit so gewohnt, daß er aufden Urlaub verzichtete,weil im got gcsundt geb, kin undmig er nit feiern" sagte der thätige Meister zum Herzog.Er componirte weiter, unterrichtete unermüdlich seineChorknaben und richtete seine Gesundheit zu Grunde.Als seine Frau von seinem Landgute Geising zurückkehrte,war er so geistesabwesend, daß er sie nicht erkannte. DieFrau begab sich an den herzoglichen Hof, und der Herzog