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Zu seinem hundertsten Todestage nach seinemLeben und seinen Werkengeschildert von A. G.
Es ist ein mitunter verfehltes Leben, das wir imNachfolgenden zu schildern versuchen, denn die sittlicheHaltung und Würde fehlte Bürger mitunter oft, und oftbedeutend. Er war theils selbst daran schuld, indem ersich allzusehr gehen ließ, allzusehr der Sinnlichkeit sichüberließ, anderntheils waren aber auch gerade in derJugendzeit falsche Freunde daran Schuld, daß er auffalsche, schlüpfrige Bahnen gerieth, auf welchen erschlüpfrig lebte und schlüpfrig wirkte. Doch auch einverfehltes Leben und Wirken kann für den verständigenLeser von Interesse sein, und dann hat Bürger durchmehrere seiner sehr guten Dichtungen — wir brauchennur allein seine „Leonore" zu nennen — sich doch unterdem deutschen Volke einen so volksthümlichen Namen er-rungen, daß er bei seinem wiederkehrenden hundertstenTodestag verdient, wieder aufgefrischt zu werden.
Bürger selbst schrieb: „Da ich durch meine poetischenWerke und einige Vorfälle meines Lebens einen ziemlichallgemein bekannten Namen in meinem Vaterland erlangthabe, so kann ich mir leicht vorstellen, daß mein Lebennicht unbeschrieben bleiben wird. Damit nun bei einerkünftigen Beschreibung meines Lebens nicht romanisirtwerde, damit niemand mehr sich selbst und seine Kunst,als mich darstelle, so entschließe ich mich vielleicht noch,das Geschäft lieber selbst zu übernehmen." Bürger hatdies nun unterlassen, Biographen aber hinreichend ge-funden, welche theils mehr, theils weniger „romanisirten",was wir vermeiden wollen, indem wir Bürger so schil-dern, wie er war, nicht wie er hätte sein sollen in seinemLeben sowohl, wie in seinem Wirken und Dichten. ObigeSätze Bürgers scheinen dem bekannten Philosophen undsogenanntem Philanthropen Jean Jacques Rousseau ent-nommen zu sein, zum Theil wenigstens, welcher in seinenOonksss. luv. X also schreibt: „fls kuvois cjn'on rasxsiAiioib äaas ls xrrUlis Laus äes Iruits si xsnLsiadlastlso aux raisas, st guslquskois si äiflorrussHus, raul^rs 1s raal, äoat js as voulois riea tuirs,js vs xoavois qus Zugnsr easors L ras raoatrsrtsl Has j'stois."
Bürger wurde im Jahre 1748 zu Molmerswende im Fürstenthum Halberstadt geboren, und zwar nachseiner eigenen Angabe „in der ersten Stunde des JahreSunter den Gesängen, womit man nach alter Sitte dasangekommene neue Jahr vom Kirchthurm herab zu be-grüßen pflegte." Nach andern ist er schon vor Mitter-nacht auf die Welt gekommen. Sein Vater war Pastor,seine Mutter eine sehr begabte Frau, aber sehr roh,worüber sich der Sohn in späteren Jahren sehr miß-billigend äußerte. „Meine Eltern hielten mich anfangsfür einen erzdummen Jungen." Bis in sein zehntes Jahrlernte er weiter nichts, als lesen und schreiben, hatte aberbesondere Freude an der Bibel und am Gesangbuch,speziell an den Psalmen, Propheten und an der Offen-barung des heil. Johannes. Einen merkwürdigen Zugfindet man bereits an dem Knaben, seinen Hang zurEinsamkeit, seine Freude an dem Dunkel der Nacht unddem stillen „heiligen" Dunkel der Wälder. DaS La-teinische wollte ihm absolut nicht in den Kopf hinein,
der Vater hatte wohl Zeit zur Bequemlichkeit und zumRauchen seines „Tobaks ", keine Lust aber, seinen Sohnzu unterrichten, und schickte ihn im Alter von 12 Jahrenzum Großvater nach Ascherslcben, um die dortige Stadt-schule zu besuchen. Auch hier ging es mit dem Lateinschlecht, er warf sich schon aufs Dichten und sabrizirtedie „Feuersbrünste von Aschersleben", welche wenigstensEines zeigen: richtiges Reim- und Silbenmaß. EinStreit des Großvaters mit dem Rektor der Schule wegeneiner großen Schliugelei des Enkels und der darauf-folgenden etwas derben Bestrafung war der Anlaß, daßBürger auf das Pädagogium nach Halle kam.
Sein Aufenthalt hier fällt in die letzten drei Jahredes siebenjährigen Krieges. Ost waren die nöthigstenLebensmittcl kaum um schweres Geld zu haben, oft gingein Lehrer durch, denn „es gebe anjetzo kein besseresLeben, als das Soldatenleben", und nicht weniger alssiebzehn Lehrer soll Bürger während der kurzen Zeit, inder er am Pädagogium weilte, gehabt haben, gewiß all-zuviel und deßhalb auch allzu ungesund. Ein Zeugnißüber ihn besagt: „Einen Anfang der Furcht Gottesscheint er zu haben, Studia hat er fleißig getrieben.Das äonurn äiäustnsura ist nicht ungeschickt, Sitten sindwohlanständig, das re§1inen, hofft man, wird sich auchnoch finden." Trotzdem er einigemal krank geworden,hielt er dennoch mehrmals bei festlichen Gelegenheitenordentliche Sermone und verfertigte auch oarurinnlatina.
Im Jahre 1764 bezog er die Universität Halle,um dort nach dem Willen seines Großvaters Theologiezu studieren. Sein Vater starb, und der Großvaterwollte mit aller Gewalt aus dem Enkel einen Geistlichenmachen. Theologie war aber dem Enkel ganz zuwider,doch widersetzte er sich anfangs nicht dem Großvater,von dem er jetzt ganz und gar allein abhängig war, undpredigte selbst einmal in einer Dvrfkirche bei Halle.Doch bald hing er die Theologie an den Nagel undschloß sich an die Philologen an, besonders an den etwaslockeren, übel berüchtigten Klotz, der einen sehr schlimmenEinfluß auf ihn ausübte und ihn in sein wüstes, aus-schweifendes Leben mit Hineinriß. Ganz entrüstet riefihn der Großvater zurück, doch muß es dem geliebtenEnkel gelungen sein, dessen Zorn zu besänftigen, denner erlaubte ihm einen Studienwechsel, und Bürger gingan Ostern 1768 nach Göttiugen und sollte dort Juris-prudenz studieren.
Während er im Anfang ziemlich eifrig dem Studiumoblag, besonders dem der Pandekten, ging das Halle 'scheLeben auch bald wieder in Göttingen von vorne an. Erzog zu der Schwiegermutter des Professors Klotz undtrat so wieder in die alten Verbindungen mit letzterem,und „diese Verbindungen, sagt Althof, konnten wederauf sein Studieren, noch auf seine Sitten Vortheilhaftwirken; er verlor allmählig den Hauptzweck seines Auf-enthaltes so sehr aus den Augen, daß der Großvater,der alles erfuhr, nach und nach seine Hand von ihmabzog und ihn, den er für einen ohne Rettung ver-lorenen Menschen ansah, ganz ohne Unterstützung ließ.Einer seiner nachherigen besten Freunde sagt, Bürger seidamals in einer Lage gewesen, daß mau ihn habe kennenund schützen Müssen, um sich seinem Umgänge nicht zuentziehen."
Indeß nahmen sich seiner jetzt wackere Freunde an,