Ausgabe 
(28.6.1894) 26
 
Einzelbild herunterladen

202

wie Biester, Sprengel und besonders Boie, eine französischgeschulte diplomatische Natur, der Bürgers Talent erkannteund sein Möglichstes that, dasselbe zu fördern und denjungen Dichter wieder auf gute Wege zurückzuführen.Die materielle Unterstützung lieferte der gute, allzeit be-reite Gleim. Bürger nahm wieder den besten Anlauf,studierte fleißig die alte Literatur, die englischen Volks-lieder, aus denen er später so viel für seine eigenenBalladen schöpfte, und besonders auch Shakespeare . Zurdamaligen Zeit kam auch im zweiten Jahrgang desMusenalmanachs Bürgers Lied:Herr Bacchus ist einbraver Mann", welches unverändert, so wie es nieder-geschrieben worden war, bekannt gemacht wurde. Damalsschrieb Boie an Gleim: »Bürger lebt jetzt auf eine un-tadelhafte Art, und ich verspreche der Nation von seinenTalenten nickt wenig; gelitten haben sie bei seiner vorigenLebensart, aber zerstört sind sie nicht. Ich glaube, daßder Eintritt in die feine und gesittete Welt ihn jetzt zueinem vollendeten Mann machen und leicht das Noheabschleifen würde, das ihm noch von seiner vorigenLebensart übrig geblieben ist." Bürger hing mit großerLiebe an Gleim, was aus seinen vielen Briefen trefflichhervorgeht; oft freilich redet er ihn an mit überschwäng-lichen Worten als den «allerbesten Mann" undsingt z. B.:

Fürwahr! fürwahr i ich sprängeZu Dir in'S HöllearcichUnd bäte Gott , zu richtenBarmherzig, und doch nurDie Hölle zu vernichten,

Um Deinetwillen nur."

Im Jahre 1772 brachte es Bote nach vielenSchwierigkeiten dahin, daß die Herren von Uslar Bürgerdie Stelle ihres Justizamtmauns im Gerichte Alten-Gleichcn bei Göttingen übertrugen. Die Freunde sahenwohl ein, daß für den so lebhaften Geist diese Stellenicht recht Passe; allein Bürger griff mit beiden Händennach der Stelle, einestheils, um der materiellen Nothentrissen zu werden und um mehr Ruhe zu großemgeistigem Schaffen zu gewinnen. Der gute Großvater,von dem wir oben gesehen, daß er seine Hand vom Enkelganz zurückgezogen, weil er glaubte, Hopfen und Malzseien an letzterem verloren, söhnte sich wieder aus, öffnetewieder seine milde Hand, bezahlte die Göttinger Schulden,so daß Bürgerfrei" war, und sandte auch dem neuenJuflizamtmann Geld. Da er aber dem Enkel nichttraute, so erhielt er die Unterstützungen durch Vermitt-lung Boie's. Dieser war eine Zeit lang abwesend, undein Dritter, dem Geld an Bürger gesandt wurde, unter-schlug nach und nach die Summe von siebenhundertThalern (damals eine sehr hohe Summe), so daß Bürgerwieder sehr in materielle Klemme kam. Dieser Mannwar der würtiembergische Hofrath Lifte zu Gelliehausen,früher selbst Uslarischer Beamter. Die Zerrüttung derökonomischen Umstünde dauerte fort bis an das Ende desDichters und hatte sicher großen Einfluß auch auf seinenpoetischen und literarischen Charakter.

Damals war es, daß er im Mondschein ein Baucrn-mädchen singen hotte:

Der Mond, der scheint so helle,

Die Todten reiten so schnelle!

Fein Liebchen, graut Dir nicht?"

Bekanntlich entstand hieraus seineLcnore", dieihn berühmt machte. Als er seiner Zeit die Stelle seinenFreunden deklamirte:

Nasch auf ein eisern GitterthorGing's mit verhängtem Zügel.

Mit schwanker Gert' ein Schlag davorZersprengen Schloß und Riegel,"

schlug Bürger mit seiner Reitgerte an die Thüre desZimmers derart, daß Friedrich Stolberg so erschrack,das; er einer Ohnmacht nahe war. Das Gedicht wurdebald derart bekannt und verbreitet, daß Bürger selbst esoftmals in Bauernorten deklamiren hörte und jetzt selbstglaubte,etwas Gutes hervorgebracht zu haben". Bürgerhat mit seiner Lenore einen ausgezeichneten Griff in einenungeheuren Sagencomplex voll ethischer Tiefe gethan, derbis in das graue Alterthum reicht. Der in der Lenoreclassisch, wie selten eine andere Sage, aufgefaßte Volks-glaube, z. B. daß Thränen die Ruhe der Todten stören,findet sich in einer sehr schönen Erzählung schon in denLiedern der alten Edda. Nicht weniger bekannt und be-sonders in den deutschen Schulen sehr verbreitet und ge-lernt ist «der Abt von St. Gallen ", der Kaiser und derAbt, doch ist das Gedicht nur eine gute Umarbeitung derBallade llokn anä tlls ubflot ok Oarttsrbur^,

wie Bürger sich damals überhaupt viel mit englischenSchriftstellern und Dichtern beschäftigte. Hauptsächlichübersetzte er auch die Hexen-Scenen im Macbeth , welchenSchröder damals in Hannover auf die Bühne bringenwollte. Nebenbei verdeutschte er auch die JltaS vonHomer , schrieb in das Göttingische Musen-Almanach,dessen Herausgabe er eine Zeit lang übernahm, gab auchdie erste Sammlung seiner Gedichte heraus, kurz, er warfleißig, war auf den besten Wegen, ganz solid zu werden,als auf einmal wieder ein großer Rückschlag eintrat, undzwar nach dem alten Recept: eot 1» lamme? einRecept, das sich Bürger selbst verschrieb zu seinem Unheil,und zwar nicht ein Mal, sondern mehrere Male. Dieseseine drei Ehen mögen kurz hier Erwähnung finden, wennwir auch der Zeit uach und feinem Wirken nach etwasvorgreifen. Im Herbste 1774 verheiratete er sich mit derältesten Tochter des Justizamtmanns Leonhard zu Niedek.Nach seinem eigenen Geständnisse liebte er aber schon vorherderen jüngere Schwester Mollh, die er in allen möglichenund unmöglichen Tonarten besang, und die seine Liebeleider erwiderte. Diese sündhafte Leidenschaft wurdestets ungestümer, und es entstand ein jeder Sitte in dasGesicht schlagendes Verhältniß, das alle drei Betheiligteungemein unglücklich machte. Der Schwiegervater starb,materielle Sorgen traten zu andern geistigen, er wurdeverleumderischer Weise angeklagt (hierüber noch einigesspäter!), sein Amt gewissenlos verwaltet zu haben, durchdie Untersuchung wurde er zwar freigesprochen, aber derMann war so tief gekränkt, daß er glaubte, abdanken zumüssen. Das Brod fehlte oft zu Hause, seine Frau starb,er heirathete seine Molly, das Glück, das langersehnte,kam nicht mit Molly, denn der Weg in die neue Ehewar mit Verfehlungen gepflastert, Molly starb bald, uuddurch eine dritte Ehe wurde das Unglück für Bürgervollends perfekt. Eine Schwäbin, Elise Hahn, von seinenDichtungen begeistert, erklärte ihm in eigenen Gedichtenihre volle Liebe und bot ihm ihre Hand an. Mit Rück-sicht auf seine Kinder nahm er die dargebotene Hand an die Hand einer eitlen, genußsüchtigen und untreuenFrau, und gequält von Nahrungssorgen, einsam, elendund krank an Körper, Geist und Gemüth, ließ er sichnach kurzem Zusammenleben von dieser seiner drittenund letzten Frau scheiden. Für Bürger war die Zahldrei" also eine bedeutende Unglückszahl, am Unglück trugaber er selbst auch die Hauptschuld. ssb 1a kemms?