seitdem erschienen waren, aufgegriffen worden war undso an die Stelle der früheren lebhaften Eindrücke trat.Es ist daher auf diese Abweichungen durchaus kein Werthzu legen; völlig kritiklos aber wäre es, den Protokollenvon 1834 den Vorzug vor denen des Jahres 1829 ein-zuräumen.
Einige Proben mögen dies erläutern.
Während der Zeuge Schuhmachermeister Georg Leon-hard Wcickmann am 4. Nov. 1829 angab, daß KasparHäuser, als er ihn zuerst erblickte, „vom Bärleinhuterbergherunter wackelte" (vgl. auch die Verhöre des Joh.Matih. Merk, Bedienten bei Rittmeister von Wessenig,vom 20. Dez. 1829 und 5. Mai 1834 und des gen.Rittmeisters selbst, vom 2. Nov. 1829 und 29. April1834 u. a. m.), behauptet er am 5. Mai 1834, er habeKaspar Häuser zu Pfingsten 26. Mai 1828 den ziemlichsteilen Bärleinhuterberg guten Schrittes herunter-kommen sehen; desgleichen der Schuhmachermeister Jak.Leck, der bei Weickmann gestanden hatte: „Da sahen wirnun den Kaspar Häuser mit starken Schritten denBärleinhuterberg herunterkommen "(I). Ein ähnlicher Wider-spruch findet üch in den Angaben des Bedienten Joh .M. Merk. Während er am 20. Dez. 1829 versicherte,er habe auS Kaspar Häuser nichts herausbringen können,als die stereotype Antwort „des woas i net", wußte eram 5. Mai 1834 zu berichten: „ferner sprach er (KasparHäuser), daß er Tag und Nacht reisen mußte, dann daßer getragen worden wäre, wenn er nicht mehr gehenkonnte, daß er schreiben und lesen gelernt habe unddaß er alle Tage über die Gränze in eine Schulegmg"(l).
Was sollen wir nun dazu sagen, daß sowohl Meyer(A. M. S. 110 A. „Merk bekundet ferner die höchstbedeutsamen Thatsachen" rc.) als A. v. d. Linde(I, 3, 9, 20) von diesen späteren Angaben für ihreHypothese ausgiebigen Gebrauch machen!
Noch schlimmer ist ein anderes Versehen!
Wahrend der Drucklegung seiner Authentischen Mit-theilungen erhielt Dr. Julius Meyer durch den Dom-kapitular Pflaum in Bamberg ein Manuscript des imJahre 1862 verstorbenen k. b. Gendarmeriemajors Jos.Hickel, welcher am 27. Okt. 1829 der UntersuchungS-commission zum Behufe der Anstellung von Recherchenin Sachen Kaspar Hausers beigegeben worden war unddiesen in seinen letzten Lebensjahren zu überwachen hatte.Dasselbe gibt in 63 Briefen an einen ungenanntenFreund, welche angeblich in der Zeit vom 2. Juni 1828bis 19. Mai 1834 geschrieben sind, „eine vollständigegedrängte Geschichte des Hauser'schen Falles", wie derHerausgeber Du. Julius Meyer sagt (A. M. S. 504;Caspar Häuser, Hinterlassenes Manuscript von Jos. Hickel,Ansbach 1881 S. IV).
Aber schon Georg Friedrich Kolb wies in seinerSchrift „Kaspar Häuser" Ncgensburg 1883 S. 63 f.nach, daß diese Korrespondenz von Anfang bis zuEnde erdichtet ist. Kein einziger der erwähntenBriefe ist nämlich wirklich an dem Tage, dessen Datumer trügt, entstanden, das ganze Machwerk vielmehr erstim Jahre 1858, also 25 Jahre nach dem Tode desKaspar Häuser, in der bestimmten Absicht, Kaspar Häuserals Betrüger hinzustellen, begonnen, und zwar gibt sichHickel darin den Anschein, als habe er von vornehereinan der Wahrheit der Aussagen des Kaspar Häuser ge-zweifelt, während aus den Briefen des Grafen vonStanhope gerade das Gegentheil hervorgeht (s. unten).
Wie keck diese Fälschung gemacht ist, mag ein Blickauf Brief 11 erweisen, dem I. Meyer das Datum März1829 gegeben hat, obwohl darin von einem Schreibenvom 2. April l. Js. die Rede ist. Ungefähr in derMitte dieses Briefes heißt es: „Deinem Wunsche gemäßtheile ich Dir eine Probe seines Stiles mit, die er am2. April l. Js. niederschrieb." In Wahrheit aber hatHickel diese Probe ebenso wie das am Schlüsse angereihteGedicht aus Professor G. Fr. Daumers „Mittheilungenüber Kaspar Häuser", welche erst im Jahre 1832 zuNürnberg in Druck erschienen, entnommen (s. Heft IIS. 29; Heft I S. 45). Vollends die dem Briefe bei-gelegte Lebensbeschreibung Kaspar Hausers wurde indiesem Umfange erst im Jahre 1839 durch die GräfinW. C. v. Albersdorf veröffentlicht und durch Hickel ausihrem Buche über Kaspar Häuser I. Bd. S. 58 f. ab-geschrieben.
Weder Meyer noch v. d. Linde haben mithin durchdie Benützung dieses Romanes ihrer Sache einen Diensterwiesen, geschweige denn die Kaspar Hauser -Controversedurch ihre Publikationen zum Abschluß gebracht. Viel-mehr sind wir auch heute noch auf die Aussagen derZeitgenossen angewiesen, welche Kaspar Häuser nicht, wiewir Epigonen, nur aus Akten und Büchern, sondernvon Angesicht kannten. Eine Uebersicht dieser Zeugnisseergibt aber:
1) daß von allen jenen Männern, welche mit KasparHäuser längere Zeit hindurch verkehrten und, sei esvon Amtswcgen, sei es aus persönlicher Theilnahme, mitihm in engere Berührung traten, kaum 2 oder 3 an derWahrheit der Erzählung Kaspar Hausers von seiner wider-rechtlichen Gefangenhaltung zweifelten;
2) daß diejenigen unter ihnen, welche daran zweifelten,durch ganz unzureichende Motive hiezu bestimmt wurden.
Wir wollen nun diese Männer im Folgenden näherbetrachten. (Forts, folgt.)
Die Todesanmeldungen.
Ein Streifzug in das „Nachtgebtet der Natur".
Von k. F.. 0. 8. §r.
Die jetzigen Zeitläufte charakterisirt mehr oder minderder Zug, alles Uebernatürliche zu negiren. Thatsachen ,auS denen man sicher auf das geistige Wesen des Menschenschließen könnte, behandelt man mit der nämlichen Gleich-giltigkeit und vornehmen Ueberlegenheit, wie man jetztdie Märchen der Jugendzeit betrachtet. Da erinnert esdenn fast etwas an das „finstere Mittelalter mit seinemAberglauben", wenn man den geneigten Lesern von„Geistergeschichten" — läßt ja doch der Titel schon derleivermuthen — berichten will. Thatsächlich werden auchdie „Todesanmeldungen" von den Anhängern des mo-dernen Stoffglaubens als Hirngespinste abergläubischerMenschen gar gerne mitleidig belächelt und ohne weitereUntersuchung bei Seite geschoben. Diesem leichtfertigenUrtheil gegenüber sollen in den folgenden Zeilen die ein-schlägigen Thatsachen des näheren zur Unterhaltung undBelehrung besprochen worden.
Unter Todesanmeldungen versteht man gemeiniglichdie Thatsache, daß sich nicht selten sterbende Menschen beilieben Verwandten oder trauten Freunden, welche meistkeine Kenntniß von einer Krankheit, geschweige Todes-gefahr der betreffenden Personen hatten, in dem Augen-blick des Hinscheidens auf verschiedene Weise bemerkbarmachen. Bald vernimmt man ein auffallendes Geräusch,