Ausgabe 
(28.6.1894) 26
 
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bald ein geheimnißvolles Klopfen an Thüre oder Fenster;mitunter zeigt sich der Sterbende selbst jenen fernen An-gehörigen, oder letztere vernehmen plötzlich dessen Stimme;in manchen Fällen bricht auch über die von einem Trauer-fall betroffene Person eine unerklärliche, tiefe Nieder-geschlagenheit und Traurigkeit herein, um ebenso miteinem Male wieder zu verschwinden. Wie steht es nunmit der Thatsüchlichkeit derartiger Vorkommnisse?

Anmeldung sterbender Menschen! Welche Thorheit,als gebildeter, vernünftiger Mensch noch an solche Ammen-märchen zu glauben! Durch diese und ähnliche Kraft-sprüche wähnen die Apostel des modernen Naturcultusdie Todesanmeldungen aus der Welt geschafft zu haben.Unsere Todesmeldungen sind aber leider nicht bloße, schöneSpukgeschichten, die der Phantasie irgend eines witzigenMenschen entstammen und die man sich zum Zeitvertreiban langen Winterabenden erzählt, sondern gut verbürgteThatsachen ; hiefür aus beinahe unzähligen Beispielen nureinige! Allerdings muß hier vorerst den Gegnern zu-gestanden werden, daß auch auf diesem Gebiete des Un-erklärlichen und Wunderbaren absichtliche Lüge und Be-trügerei nicht selten ihr schädliches und schändliches Un-wesen treiben. Aber wäre eS nicht doch gewagt, alleMittheilungen derartiger Begebenheiten ohne weiteres mitdem Stempel des Betruges zu brandmarken? Auch fürdie Täuschung des Menschen selbst ist hier gewiß einweiter Spielraum, indem man gerne ohne Prüfung anAußerordentliches dachte; aber alle derartigen Vorkomm-nisse schlechthin als Täuschung zu betrachten, kann dendenkenden Geist des Menschen nicht befriedigen. Wirwerden darum gerade solche Todesanmeldungen anführen,welche uns von wissenschaftlich gebildeten, ja selbstglaubenslosen Männern berichtet werden. Leuten gegen-über, welche vielleicht auch noch solche Zeugnisse be-mängeln, sei das treffende Wort des gelehrten AstronomenChallis erwähnt:Die Zeugnisse hierüber sind so zahl-reich und übereinstimmend, daß die Thatsachen entwederso, wie sie berichtet sind, zugestanden oder die Möglich-keit, Thatsachen überhaupt durch menschliches Zeugniß zuerhärten, aufgegeben werden muß."

-s- Der ebenso gelehrte wie fromme Kardinal Ba-ronius (1° 1607) hat uns einen der merkwürdigstenFälle von Todesmeldungen überliefert, merkwürdig vorallem deßhalb, weil die betheiligten Personen berühmteGelehrte waren. Michael Merkato hatte mit seinemFreunde Marstlius Ficinus die Verabredung getroffen,daß derjenige, welcher von ihnen zuerst sterben würde,deni überlebenden womöglich erscheinen solle. Auf dieseWeise wollten sie dem Anscheine nach erproben,ob esnach dieser Welt, deren Dinge sie für eitel Schein er-klärten, noch etwas gebe." Eines Morgens sitzt Mer-kato fern von seinem Freunde Ficinus war bereitslängere Zeit nach einer anderen Stadt gezogen mitStudium beschäftigt an seinem Schreibpulte. Da hört erplötzlich einen Reiter vorbeisprengen, der ihm unter demFenster zurief:Michael, diese Dinge sind kein Schein,sie sind wahr!" Merkato glaubt genau die Stimmeseines Freundes erkannt zu haben, eilt an das Fensterund sieht nur noch, wie Ficinus, weiß gekleidet, aufeinem weißen Pferde sitzend, um eine Straßenecke ein-biegt. In der nämlichen Stunde, so stellte es sich späterheraus, war Ficinus zu Florenz gestorben.*)

-j- Nicht minder auffallend ist eine Begebenheit,

*) Die Beispiele, mit -j- gezeichnet,Neuerer Geisterglaube" bearbeitet.

sind nachDr. Schneit

welche uns der Dichter Wieland (-j- 1813) berichtet.Wieland wurde wegen seiner Glaubenslosigkeit und Fri-volität nicht mit Unrechtder deutsche Voltaire" genannt;er dürfte also wohl ein unverdächtiger Zeuge für Ueber-sinnliches sein! Eine fromme protestantische Dame wohntemit ihrer Familie auf dem Landguts eines Benediktiner -stiftes; ein Priester besagten Klosters war Hausfreundder Familie. Nach längerer Zeit wurde dieser Ordens-mann nach Bellinzona versetzt, um dort höhere Mathe-matik zu lehren. Im Lause der Jahre erkrankte dieDame, ohne daß jedoch die Krankheit gefährlich schien.Einmal um Mitternacht erhob sich die Kranke etwas vonihrem Lager und sprach zu ihrer Tochter, welche amBette wachte:Nun ist es Zeit, daß ich gehe und vondem Pater> sie meinte jenen Hausfreund Abschiednehme." Daraufhin wandte sie sich von der Tochter abund schien ein wenig eingeschlafen zu sein. Nach einerWeile erwachte sie wieder, richtete noch einige Worte anihr Kind und verschied. Zur selben späten Stunde, wiesich nachher ergab, saß der ermähnte Ordensmann zuBellinzona an seinem Studiertische, mit der Lösung einermathematischen Aufgabe eifrig beschäftigt. Eine Erkrankungjener Dame war ihm nicht bekannt, er dachte auch nichtan sie. Mit einem Male hörte er einen heftigen Knall,gleich als wäre der Schallboden des Pandora, welchesneben ihm an der Wand hing, gesprungen. Erschrockenficht der Pater um und erblickt mit einem Erstaunen,das ihn starr macht, eine weiße, jener Dame vollkommengleiche Gestalt, die ihn freundlich-ernst anblickt und dannsofort verschwindet.

-Z- Ein ebenso glaubwürdiger Zeuge wie Wielanddürfte in Sachen des Ueberstnnlichen Arthur Schopen-hauer , der Weltschmerz-Philosoph, sein. Auch er schreibtüber eine Todesanmeldung also: .... Als ein ganzneuer Fall dieser Art mag hier Folgendes stehen: Vorkurzem starb hier in Frankfurt im jüdischen Hospital beiNacht eine kranke Dienstmagd. Am folgenden Morgenin aller Frühe trafen ihre Schwester und ihre Nichte,welche mehrere Stunden entfernt wohnten, hier ein, umnach ihr zu fragen, weil die Verstorbene, wie sie er-klärten, ihnen in der Nacht erschienen sei. Der Hospital-Aufseher, auf dessen Bericht diese Thatsache beruht, ver-sichert, daß solche Fälle öfters vorkommen." Hier habenwir den Fall, daß zwei verschiedenen Personen dieselbeMeldung zutheil wurde.

Auch im Leben des hl. Aloisius findet sich einesolche Thatsache von glaubwürdigen Männern berichtet.Ein Priester der Gesellschaft Jesu lag in dem nämlichenOrdcnshause wie der englische Jüngling zum Tode krankdarnieder. In einer Nacht zeigte sich urplötzlich dersterbende Pater sogar zweimal nacheinander dem heiligenAloisius und flehte ihn um seine Fürbitte an, da erjetzt vor Gottes strengem Gerichte erscheinen müsse. Alsdes Morgens der Krankenwärter zu Aloisius kam, theilteihm dieser die Erscheinungen mit, worauf der Wärterversicherte, genau zu jener Zeit sei der Pater mit Todabgegangen.

An letzter Stelle seien noch zwei Begebenheiten er-wähnt, welche der allernenesten Zeit angehören und demSchreiber dieses von den betheiligten Personen selbst mit-getheilt wurden. In den Blüthejahren des Lebens lagin einem Kloster der altchrwürdigen Bischofsstadt W. eineNonne am Sterben. Der Bruder dieser Jungfrau lebteals Ordensgeistlicher im fernen M., wußte wohl voneiner Erkrankung der Schwester, befürchtete aber nicht