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im geringsten eine Todesgefahr. An einem freundlichenSommertage des Jahres 188 . befand er sich mit mehrerenanderen Geistlichen im Musiksaale des Hauses, als miteinem Male ein Schlag wie gegen ein Fenster erdröhnte.Die Anwesenden untersuchen sämmtliche Fenster, findensie geschlossen und unversehrt. Nach wenigen Minuten— der nämliche heftige Schlag, ohne daß die Fenster,welche zudem von außen unzugänglich sind, irgendwieverletzt wären. In den nächsten Tagen kam in M. dieTrauerbotschaft an, daß die Jungfrau R. am selbenTage, wo man jene Schläge vernahm, und zur selbenStunde verschied. In diesem Falle hörten sämmtlicheAnwesende die Todesmeldung, während meist nur diedavon speziell getroffene Person die Meldung wahr-nimmt.
Das zweite Beispiel betrifft eine angesehene Bürgers-familie in dem Markte V. in Bayern . Fern der trautenHeimath stand eine Tochter in der Hauptstadt im Dienste,welche von der Herrschaft eines Tages zu einer Bestellungin ein Geschäft geschickt wurde. Auf der Rückkehr zurHerrschaft sieht das Mädchen mit einem Male wenigeSchritte vor sich seinen Vater, wie er leibte und lebte.Uebcrrascht, daß der bereits betagte Vater in der sofernen Stadt sich befinde, ohne daß man ihr Nachrichthievon gegeben, will die Jungfrau der lieben Gestaltnacheilen. Eben meint sie den Vater erreicht zu haben,als plötzlich derselbe ihren Augen wieder entrückt ist.Unklar mit sich selbst kommt sie zur Herrschaft zurück,um nur zu bald zu erfahren, daß der geliebte Vatergenau in jener Stunde, da sie ihn zu M. sah, in V.aus dem Leben geschieden sei.
(Fortsetzung folgt.)
Religiöse Kunst im Glaspalast zu München .
(Schluß.)
Einem gemalten Triptychon gleich erscheint das auchdurch den Nahmen dreigetheilte Bild von Walter Firle .In der mittlern, doppelt breiter» Darstellung sehen wir einevortrefflich gezeichnete und gemalte Gruppe von knieendenLandleuten von schöner religiöser Haltung, aber in ganzmoderner Auffassung, so vorne gleich einen Bauer mitder Sense auf dem Rücken; im Hintergründe die Mutter-gottes mit dem Kinde, im orientalischen Phantasiegewande,die in der Dämmerung des Halbdunkels nicht klar in dieErscheinung tritt, was wir, obwohl es künstlerisch ja be-rechtigt ist, wegen der Verwendbarkeit des Bildes in einerKirche, weniger gern gesehen hätten. Das linksseitigeBild zeigt uns die jugendliche Madonna einsam in morgen-frischer Landschaft sitzend, den sehnsuchtsvoll andächtigenBlick zum Himmel gerichtet, eine mit hochpoetischer Em-pfindung aufgefaßte Juugfrauengestalt; während die rechts-seitige Darstellung die durch Leiden geprüfte und wieverklärte hohepriesterliche watsr äolorosa, vorführt, diehier das von erhabener Empfindung durchgeistigte Antlitzund die ausgebreiteten Arme zu dem mittlern der dreiKreuze auf Golgatha bei hereinbrechender Sternennachtemporrichtet. Dieses mit großem stimmungsvollen Ernsteund mit poetischer Kraft des Ausdrucks ausgestattete, tief-religiös empfundene Gemälde ist von ächt künstlerischemGehalte. Es gehört zu jenen, welche, in der Nähe be-trachtet, nicht verlieren, sondern an Eindruck gewinnen.
Das Letztere kann man gerade nicht sagen von demBilde Nr. 994 von Spatz in Düsseldorf : „Kommet Alle zumir, die ihr mühselig und beladen seid". Wir sehen linksunter einem Thorbogen eine Gruppe Männer und Frauen,
von schwermüthigem düstern Ausdruck der Mienen undder Haltung, zusammengedrängt. Von dieser ziemlichweit abseits sitzt an der Wand auf einem Steine deshofartigen Raumes eine Gestalt, die, wie es scheint, denHeiland vorstellen soll. Er beugt sich tief zu einem weib-lichen Wesen (Magdalena?) herab, die ihr Gesicht in seinemSchoße birgt, der er wohl tröstende und verzeihende Wortezuflüstert, während die Andern warten, bis auch sie, einernach dem andern, an die Reihe kommen. Die schmutziggrauen Wände, die schmutzig graubraunen Gewänder undtraurig düstern Physiognomien der Personen in dem sonnen-los düstern Raume sollen wohl ein melancholisch wirkendesSpiegelbild socialer Verhältnisse unserer Großstädte sein!
Das große Bild von H. Breiten, Amsterdam , stelltden Gekreuzigten in schlanker, schön gezeichneter Gestalt,aber in der langweiligen Malerei der flüssig-glatt be-handelten weißgelben Fleischfarbe des Körpers auf denhalbdunkeln Stimmungsbildern des XVI. Jahrhundertsdar. Von der Hauptsache der Darstellung, dem Hauptedes Gekreuzigten, kann man leider in dem das Dunkeldes Bildes noch vertiefenden schattigen Raume nichtsDeutliches erkennen.
Kunz Meier in München zeigt uns den in einsamerFelsschlucht in Verzweiflung zusammengesunkenen Judas,dem aus einem Dorngebüsche die Erscheinung des Ge-kreuzigten entgegenschimmert. — Ob dem Maler derbrennende Dornbusch vorgeschwebt hat? — Judas ver-hüllt sein Antlitz in beide Hände, so daß man sich fragt:hat er bereits die Erscheinung deS Gekreuzigten gesehen,oder stellt sie nur ein Spiegelbild feines bösen Gewissensdar? — Der Charakter der mit plastisch kräftigem Vor-trage trefflich gemalten Landschaft harmonirt, sowohl wasdas Motiv als die packende tragische Stimmung betrifft,vorzüglich mit dem sich in ihr abspielenden historischenVorgänge.
Professor Karl Naupp's Bild schildert uns mitkräftigem Vortrage die Noth einer armen Schiffern: mitihrem Töchterchen in den aufgeregten Wellen des sturm-bewegten Lnndsce's. Das Ruder ist der ermatteten Handentfallen, Mutter und Kind liegen erschöpft auf demBoden des Kahnes. Doch die Gestalt des Schutzengelserscheint sichtbar und Rettung verheißend den Hartbe-drüngten, und schon arbeitet sich aus der Ferne dasRettung bringende Boot durch Wind- und Wogendrangheran. In dem schmalen Ausstellungsräume kommt dasmit starken Gegensätzen von Schalten- und Lichtparticnausgestattete poesievolle Bild nicht zu seiner rechtenWirkung.
Zum Schlüsse möge hier noch das malerisch undinhaltlich bedeutsame Gemälde von Ferdinand Vrütt(Düsseldorf ) genannt werden. Ihm sind die Worte ausPsalm II beigegeben: „Warum toben die Heiden unddie Leute reden so vergeblich." — Links im Hintergründesehen wir die in Rauch und Flammen gehüllte Fabrik-stadt. Ein unordentlicher Haufe aufgeregter Arbeiter,Männer und Weiber, flüchtet von der Brandstätte in denVordergrund uns entgegen. Bestürzt vor der sich ihnenhier darbietenden Erscheinung hält er auf der Fluchtinne. Auf einer kleinen Anhöhe rechts steht lichtum-flosscn in weißem Gewände Christus vor seinem Kreuze,die rechte Hand mit gebieterischer Bewegung erhoben.Einige, besonders Frauen, sind mit ängstlicher oderflehender Geberde in die Kniee gesunken. Andere blickenwie verstockt und zornig drein; gleich vorne greift Einernach einem Steine, dem ein Anderer zu wehren scheint.