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— In künstlerischer Hinsicht ist das Bild gewiß einetüchtige Leistung. Ob aber die deutlich hervortretendeTendenz gerade in dem Kreise, aus dem die Staffagedes Bildes genommen, eine erwünschte Wirkung erzielt,müssen wir dahingestellt sein lassen. Immerhin aber istes auch eine Stimme des Nusenden in der Wüste. Esrichtet sich wohl nicht so sehr speciell gegen die „Social-demokratie " bezw. „Anarchie" als solche, als vielmehrnur formell gegen diese, als die reif werdende Fruchtder ganzen verkehrten und unchristlichen, rationalistisch-liberal - manchesterlichen Richtung unserer Zeit, derentreibende Kräfte bewußt oder unbewußt auf ein geist-und gottloses heidnisches Chaos hindrängen. — Das Bildstellt inhaltlich einen Pendant dar zu jenem vor zweiJahren aus Paris in den Glaspalast gekommenen, daszwar im kleinen Nahmen, aber mit ergreifender Kraftder Darstellung eine arme, doch innig liebende Gemeindetreuer Freunde des Heilandes darstellte, die den zu Todegemarterten Menschenfreund in die Leinwand bettet.Einer ist aus dem Kreise in der Ueberwallung seinesGefühles hinausgetreten, es ist ein Arbeiter mit modernemArbeitskittel angethan, der drohend die geballte Faustgegen das aus der Tiefe mit seinen Palästen undSchlössern abendlich herüberschimmernde Babel — die Ver-folgerin und Mörderin der Propheten — erhebt.
Wilhelm Trübner's Kreuzigung — Nr. 1062 —gleicht in seiner malerischen Behandlung einer manierirtenMischung altniederdeutscher-mnd neuschottischer Muster;sie zeigt in der ganzen Art der gespenstisch-dunkellicht-farbigen Stimmung einen gesuchten Affekt, den man zuleicht herausmerkt und dadurch verstimmt wird.
Grönvold's gut gemalte „hl. Familie" wäre wohlso etwas von Ideal einer christlich gewordenen türkischen,aber selbst mit Zuhilfenahme der Heiligenscheine nochlange nicht „die hl. Familie von Nazareth"; die Unter-schrift ersetzt nicht den Mangel des tiefern Gehaltes.
Das unmuthige religiöse Genre „St. Nikolaus unddas Christuskind", sowie die vornehm aufgefaßte Ma-donna mit dem ausdrucksvollen Christusknaben vonSchustcr-Woldan in München machen dem strebsamenKünstler alle Ehre.
Dagegen ist die, wenn auch mit feinem Pinsel ge-malte Darstellung „Petrus an der Himmelspforte" einemit raffinirtem Witz und mit künstlicher Naivität ge-gebene Jronifirung des Heiligen als Himmelspförtner,deren Pikanterie ja für manchen Beschauer interessantsein mag, aber aus demselben Grunde umsoweniger an-gebracht erscheint.
Was die Vildhauerarbeiten betrifft, so sinduns bisher nur sechs mit religiösem Charakter aufge-fallen, die Erwähnung verdienen. In der Mitte desVestibules rechterseits steht ein Relief (Nr. 1401) vongutem klassischen Stil mit der Unterschrift: „KommetAlle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid". DieFiguren gleichen in ihrer Profilstcllung, Zeichnung, Be-wegung, ihrer verhältnißmäßig starken Größe und ideali-sieren Bildung jenen auf den antiken Sarkophagen.Christus, in der Mitte sitzend, eine sehr große, sonst vor-nehme Gestalt mit edelklassischen, aber etwas leerenZügen, wendet sein Antlitz nach rechts zu einer Hilfesuchenden Gruppe: eine Mutter mit Kind, ein Lahmer,ein Blinder, gegen dessen Augen er seine heilende Handausstreckt, und ein Weib, das ihm ihre Kleinodien zuFüßen legt; während er dem Pharisäer den Rücken zu-
kehrt, der auf diese anziehende Gruppe mit sprechenderHaltung des Stolzes und verächtlicher Miene herabschaut.
Beim Ausgange des Vestibules in den ersten Saalrechter Hand steht die ausgezeichnete, in diesen Blättern— Beilage Nr. 23 — bereits gewürdigte Altarretabledes Bildhauers Georg Busch mit der „Madonna und den16 musicirenden Chorknaben". In dem Saale daneben,gleich rechts unweit des Einganges, finden wir die eben-falls in der Postzeitungs-Beilage kurz charakterisirte„Rosa rn^stioa." von Heinrich Waderä, ein wahresJuwel christlicher Kunst. (Dieses, wie das vorige Thon-modell werden durch die Jahresmappe der „DeutschenGesellschaft für christliche Kunst " vervielfältigt werden.)
In demselben Saale hängt noch ein großer Cruci-fixus (Nr. 106) von H. Brausewetter (Berlin )von etwas derber aktmäßiger Körperbildung, dasAntlitz des herabhängenden Hauptes von den nach vorneniederfallenden Locken tief beschattet, so daß man, umdessen wirksamen empfindungsvollen Ausdruck aufzufangen,sich dicht unter das Kreuz stellen muß.
In der Ecke desselben „Sculpturensaales" machtnoch Edmond Lefever's „St. Cäcilia", eine etwas genre-haft, lyrisch-stimmungsvoll gehaltene, schlanke und schöneFigur in einfach großfaltiger Gewandung, welche mitBlick und Fingerbewegung die erklingenden Töne ihresInstrumentes gleichsam zu verfolgen scheint, einen an»muthig ansprechenden Eindruck.
Zu dem künstlerisch Besten der Ausstellung zähltunbestritten Ciariellos (Neapel ) „Pieta": ein durchausedel gebildeter, auf der Bahre ausgestreckter, schlanker,durch Leiden zwar etwas abgemagerter, in seiner Schön-heit aber nicht beeinträchtigter Chrtstusleichnam, auf dessenmit einem Tuche bedeckte Kniee Magdalena ihr Hauptniedergelegt hat; eine von hoher Schönheit beseelte, er-greifende Cvmposition.
Festing.
Recensionen nnd Notizen.
Die Nomanwelt, Zeitschrift für die erzählende Literaturaller Völker. I. Jhrz. 1. Band. Stuttgart , Cotta 1894.
Es wird nicht leicht eine moderne Literatur, ob ger-manische, ob romanische, ob slavische gefunden werden, welchecS vermocht hat, gegen den „Realismus" sich auf die Dauerabzuschließen. Das Quellengebiet der vielgenannten Geistcs-strömung dürfen wir in England suchen (vgl. Beil. z. Allg. Ztg.67, 70 (57, 59)); als „natürliche Schule" lenkte sie zum ersten-male die Aufmerksamkeit der abendländischen Welt auf dasrussische Schriftthum und bei unsern westlichen Nachbarn bahnteihr den Weg Flaubert mit seiner „Madame Bovary ". Aberüberall dort durchliefen die Geister eine langjährige Schule undentwickelte sich der „Naturalismus" als ein organisches Stei-gcrungsprodukt aus dem „Realismus", nur zu uns Deutschenkam die neue Kunst zuletzt und erst, als sie bereits anfing zuentarten. Darum ist die „Echtheit" und die „Aufrichtigkeit"unserer Modernen vielfach nichts als Mache. Die einen sehenihr künstlerisches Ideal in einer sklavischen Durchpausung dergemeinen Wirklichkeit, die anderen kehren als geistige Straßen-feger all den im Leben über weite Strecken hin verzetteltenUnrat und Wust vor unseren Augen aus einen lieblichen Haufenzusammen. Alle Naturalisten aber begehen die ästhetische Sünde,Uebertreibung der Wirklichkeit, welche sie den Idealisten so schweranrechnen, nur daß der Idealist nach dcS Lebens Höhen, derNaturalist nach dessen Tiefen ausschweift. Fast alle Naturalistensind vom Wahne besangen, des ZaubcrstabcS der Phantasie undder Leuchte der Sittlichkeit zur Hebung eines echt künstlerischenund poetischen Schatzes entrathcn zu können; sie wenden dienaturwissenschaftliche Betrachtung auf die Poesie annnd leugnen demnach die Ethik. d. h. sittliche Ideale,Freiheit und Gewissen. Das Streben nach Naturwahrheit er-streckte sich auch auf die Form der Darstellung. Kein Menschbedient sich im Gespräche langer Perioden und folgerichtig