mußte der Realismus die Vernichtung all der schleppfüßigen iSatzungeheucr in seine Kriegsartikel aufnehmen. Allein dieNaturalisten stürmten nach dieser Seite ebenfalls zu weitvor. Sie glaubten für die Verkündigung der Wahrheit praktischzu wirken, wenn sie nur in kurzen Sätzen von höchstens einemDutzend Worten reden oder gar sich bloß mit Interjektionen,Bunktcn und Gedankenstrichen, Frage- und AuSrufungszcichcn zurMittheilung ihrer Empfindungen bescheiden würden. Manierwarfen sie ihren Gegnern vor lind übersahen wiederum, dah siemit ihrem neuen bizarren Stile den Vorwurf des Manicrirtcnauf ihr eigenes Haupt laden mußten. Ein platter Naturalis-mus, der Kraft mit Nohheit und Echtheit mit Schamlosigkeitverwechselt und so gerne daS Glcichgiltigste und Widrigste umseiner selbst willen in die grelle Beleuchtung des Vordergrundesrückt, wie ihn I. Stindc in seiner Parodie „DaS Torfmoor"karrikirt, ist nun nicht die in der „Romanweit" vertreteneKunstanschauung. Man kann die Zeitschrift, über deren Pro-gramm die „Beilage" vom 28. Dezbr. v. JS. Nr. 52 schonoricntirt hat, überhaupt nicht der Schablone nach unter irgendeinem iömuS" einreihen. Denn soviel Autoren, soviel„Richtungen". Vorherrschend aber erscheint der psychologischeRoman und die realistische Schule, vertreten durch Namen vongutem Klang. Der I. Band liegt jetzt vollendet da. Er ent-halt abgeschlossen die Romane von H. Sudcrmaun „ES war",E- v. Wildcnbruch „Schwcstersccle" — ein Seiteustück zu einemanderen Romane WildcnbruchS, „Eifernde Liebe" —, PierreLoti „Mein Bruder Meö" (übers.), I. Lemcntre „Die Könige"(übers.), in Fortsetzung F. Spielhagen „Stumme des Him-mels" und W. W. Wcreschagin „Der Kriegscorrespondcnt"(übersetzt); daran reiht sich eine Fülle von Novellen undFeuilletons von L. Fulda, E. Hütten, E. Fließ, A. MoSz-kowSki, Potapcuko, G. Verga u. A. Die Werke von Super-mann und Spielhagen dienen wohl am besten dazu, um denUnterschied zwischen neuer und alter Schule in Deutschland zu Tage treten zu lassen. Beide besitzen fein durchgeführteanalytische Partien. Aber gerade über dem Romane Sudcr-mannS hat man bisweilen das Gefühl, als ob vor unserenAugen niit dem Messer in einer Wunde gebohrt würde,während er anderseits neben wirklich poetischen Stimmungs-bildern, wie wir deren einige schon in der obeugcnaunten An-zeige hervorhoben, Stellen ausweist, die für die sittlich-strengeAuflistung des Dichters zeugen (n. A. die Einsicht von deinpsychologischen Uugenügcn des öffentlichen (Protest.) Sündcn-bekcnntnistcs und dem menschlichen Bedürfniß der Ohrenbeichte),wenn auch im Allgemeinen der starke Einfluß des PhilosophenF. Nietzsche, des Abgottes aller „Modernen", in der EthikSudermanns unverkennbar ist. Neben Sudermann stehtPierre Loti , der Liebling der Pariser Damen und Akademie.Ihm schließt sich an JuleS Lemcntre mit einem sozialpolitischenStaatsroman, bei dem dem Verfasser Begebnisse im österrcich.Kaiserhanse vorgeschwebt haben mögen. Ein Anhänger desmodernen Telegrammstiles, sonst ein trefflicher Plauderer undrealist. Beobachter ist E. Hütten, nur huldigt er bisweilen einemzu starken Impressionismus und Hang zu psychologischer Grü-belei. Alles in allem: die „Romanwelt" ist wohl ein frappantesSpiegelbild der modernen Literatur,"-') aber geeignet nur für dieHände des „erwachsenen Mannes und der reisen Frau", wiedies der Prospekt seinerzeit auch ankündigte. Sie steht zwarnicht im Dienste einer Weltanschauung, in der nur das Häß-liche und Rohe die ganze Wirklichkeit ausmacht. Allein manchmalwünschte unsereiner doch die alte Poctcnschnsucht nach der Sckön-heitSsülle der Natur und den edleren Regungen der Menschen-secle zu vernehmen und fallen einem unwillkürlich die Versedes schwedischen Skalden unserer Tage ein, des Grafen KarlSnoilSky („Die Wanderungen der Poesie"):
„Wer traumlos lauscht in mitternächt'ger Stunde,
Hört einen Laut und deutet ihn sich bang:
Ein Grabscheit klingt, es nagt die Zeit am Grunde_ Der alten Welt, ver lassen vom Gesang."
*) Wir hoffen, gelegentlich einmal die Leser der Beilagemit einem eigenen Artikel auf einen Streifzug durch die „jüngste"deutsche Dichtung führen zu können. Wer sich für diese Geistes-geschichte näher intcrcssirt, der greife zu dem trefflichen Buchevon Fr. Kirchner, „Gründcutschland" (Wien und Leipzig,Kirchner und Schmidt. 1893. 8°. XIX. 216 S.). Außerdemkommen in Betracht die Studien von G. Brandes („DaSjunge Deutschland", Menschen und Werke") und der leichte Auf-satz von F. Spielhagen im Juniheft von „Westermann'sillustr. Monatsheften" S. 337—318: „Streifblicke auf daSmoderne deutsche Drama" (d. b. Wiidenbruch, Fulda , Sudcr-maun, Hartlcbcn, Halbe, Hauptmann).
Hagen Jo. G. (8. 7.), Synopsis der höheren Mathe-matik. I. Bd. Arithmetische und algebraische Analyse.
4". VIII -s- 393 S. Berlin, Fel. Dameö 1891. M. 3V.
-> Die Pflege der mathematischen Wissenschaften ist seitSchall, Boscowich, DcchaleS, Tacquct, Schersfer, Schott, Horvathbis auf Caraffa, Foglini und viele Andere in neuerer Zeit einGebiet, das die Mitglieder der Gesellschaft Jesu stets mit Vor-liebe und mit Ruhm bebaut haben; das gibt ja sogar der Ex-Jesuit Paul von HoenSbrocch zu, der doch sonst (in unge-rechter Mißachtung, aber vielleicht in richtiger Würdigung seinereigenen schwachen Leistungen) die wissenschaftlichen Veröffent-lichungen der neueren 8. ö.-Gelehrtcn in Bausch und Bogenals „Dutzendwaarc" zu bezeichnen wagt. Die ersten Anfängeoben genannten Werkes entstanden im Collegium Maria-Laach,bis die bekannten Ereignisse die Jesuiten aus der Stätte ihrerfriedlichen und ernsten Geistesarbeit vertrieben und auch deinHagen auferlegten, sein Werk im gastfreien Amerika weiterzu führen und hoffentlich bald zu vollenden. Es sind aber auchwirklich im höchsten Grade vaterlaudsgefährliche Dinge, die soein Jesuit sich zu schreiben erdreistet! Da begreift man es frei-lich, wenn in Deutschland ihres Bleibens nicht sein kann! Oderist cS nicht mindestens „grober Unfug", wenn da ?. Hagen imersten Band seiner „SyuopsiS" gleich 12 Kapitel schreibt überdie Theorie der Zahlen, der komplexen Größen, der Combina-tionen, der Reihen, der Produktreihcn und Fakultäten, derKettenbrücke, der Differenzen und Summen, der Funktionen,der Determinanten, der Invarianten, der Substitutions-gruppcn und Gleichungen. Haarsträubend! Das sollte schonein Freund des Reiches dem Bundesrath denunziren. k.Hagen ist gegenwärtig Direktor der Sternwarte des George-town-College in Washington , und das Widmnngsblatt seinesWerkes trägt die Inschrift: »Limas doorAlopolitans aoaclemiasprimum sasenlnm tslioitsr transastnm pistats summa gratu-lavnr sigus novnm telieins ansxieanti all jnvenvnvew litdsrismoribns iustrnsuäaw pro patrias bouo st relitzstouis gfloria.vpsm vsi 0. Ll. ex animo prseatnr anctor.- Leider ist nichtdas ganze Werk in Latein geschrieben, wie es bei den meistenMathematikern des nunmehr an 14,000 Schriftsteller zählendenJesuitenordens Brauch war, sondern nur diese eine Widmung;das Buch ist vielmehr in deutscher Sprache abgefaßt, waS unswundert, nachdem es seine Leser doch meist in Amerika findenwird; durch die Wahl des lateinischen Idioms würde eö beidenHemisphären in gleicher Weise gerecht und, auf neutralem Bodenstehend, schon die Möglichkeit kleinlicher nationaler Spracheifer-süchteleicn ausschließen. Ein Lehrbuch ist die „Synopsis" nicht,sondern ein Nachschlag-buch, eine Art von Encyclopädie, welchefür Lehrer und Schüler eine sehr erwünschte Orientirung bietet.„Der Zweck des Werkes, sagt das Vorwort, ist eine Rundschau,eine Durchmusterung der höheren Mathematik. Einer Kartevergleichbar soll es ein Netz übersichtlicher Eintheilung ausspannenund auf demselben den vorhandenen Stoff bis zu einer ange-nommenen Vollständigkcitsgrenzc eintragen, damit der Studierendesich auf dem weiten vor ihm liegenden Felde zurccht findenkönne." Dieser Plan hat in der That eine höchst anerkcnnenS-werthe Lösung gesunden; die Literatur ist bei jedem Abschnittin reichhaltiger Weise angegeben und verwerthet, so daß derLeser mit Dank die wichtigsten Momente der Geschichte derMathematik daraus entnehmen kaun; daß bei Ausarbeitung desWerkes einige sehr bedeutende Werke von Eulcr (Opusenla;Opsra xostlmma), Jacobi, Dirichelet, Caylcy nicht oder dochnicht vollständig zur Hand waren, bedauert gewiß Niemandmehr, als der Verfasser selbst. Die Ausstattung des Buches istganz vortrefflich, der Preis dürfte mäßiger sein; der zweiteBand, welcher die analyiischc und synthetische Geometrie enthaltensoll, ist unter der Presse, und war sein Erscheinen von derVerlagsbuchhandlung schon für Ende 1893 in AuSsicht gestellt,doch ist er uns noch nicht zugekommen. Möge Hagens „SyuopsiS"die verdiente Anerkennung finden und auch das thörichte Vor-urthcil gewisser Leute gegen alle Bücher, deren Verfasser mit8. 3. gezeichnet sind, etwas zerstreuen. Wir freuen uns, daßes ein deutscher Jesuit ist, der dicö Werk zum Ruhm seinesVaterlandes und seines Ordens geschrieben hat; schließt ja dochder oberste Grundsatz der Gesellschaft Jcsn 0. L. Ä. v. Ö.jedweden anderen edlen Zweck in sich.
Berichtigung.
In Nr. 25 der Beilage ist im Artikel „Die Könige vonPreußen rc." zu lesen:
S. 197 Spalte 1 Zeile 11 Huben statt Huber»
S. 193 Aum. 26 Meyer statt Schund,
S. 193 Spalte 2 Abs. 2 ist nach gewesen" (Ansührungs-
_ schlußze iche n) zu setzen! __