Ausgabe 
(5.7.1894) 27
 
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Von Jerusalem nach Beyruth.

Von vr. Seb. Euringer.

Am letzten April verließ ich mit meinem DragomanMichael Schaia, denselben, der mich nach Sinai führte,und einem Mucker (Stallknecht), der mein Gepäckmaul-thier ritt, Jerusalem , um durch das Cedronthal nach demalten, berühmten Kloster St. Sabba zu reiten.

Nach drei Stunden ging es bergauf, einem altenWachtthurm, der, den Quadern nach zu schließen, ausdem Mittelalter stammt, zu. Hinter diesem Wachtthurm,an den beiden Abhängen eines kurzen, aber tiefen Seiten-thales, liegt das Kloster, ganz von Mauern umgeben;auf der andern Seite des Seitenthales steht ein zweiterWachtthurm. Ein griechisches (schismatisches) Kloster istnicht ein einzelnes Gebäude, sondern ein Conglomeratder verschiedensten Häuser und Hütten, die meistens alsRückwand den nackten Felsen oder eine Felsengrotte haben.Denn ursprünglich lebten die Mönche in Höhlen; späterwurden diese Höhlen durch Borbau einer Mauer odereines Hauses gegen die Witterung geschützt, noch späterbaute man Klöster ohne Grotten. Da nun die ver-schiedenen Hütten und Häuser sich dem Felsen anpassenmüssen und aus verschiedenen Zeiten stammen, so hatman ein Gewirre von Wohnungen, das gar nicht be-sonders anziehend ist, sondern an das deutsche Viertelin Frciburg erinnert. Fast sämmtliche Zellen schauen aufdas schauderhaft öde, in großen, tief einschneidendenWindungen verlaufende Cedronthal; einige Stunden undwir sind am todten Meere. Aber mich zieht es nachdem Süden und Westen von Palästina. Zu sehen istaußer der Lage in grauenhafter Gebirgsöde und außerdem Kirchlein nicht viel. Man zeigt eine Grotte, inwelcher der hl. Abt Sabba, den auch wir Katholiken ver-ehren, gelebt hat. Eine kleine Nebenhöhle war vondem Löwen des Heiligen bewohnt. Dieser Löwe wolltenämlich die Grotte in Anspruch nehmen, die dem hl.Abte zum Aufenthalte diente, aber der Heilige wies ihmdie Nebengrotte an, und beide lebten friedlich miteinander.Der Leib des Heiligen ruht in St. Markus in Venedig.Hier wurde der hl. Kirchenvater Johannes Damascenus zum Priester geweiht, das Kloster ist mehr als tausendJahre alt.

Von da nach Bethlehem in drei Stunden, wo ichdie Nacht verbrachte und am andern Tag in der Grottedes hl. HIeronymus celebrirte. Der Weg nach Hebron ,der Stadt Abrahams , ist guter Weg; an demselben liegtdie Quelle Dirwe, wo der hl. Philipp den Kämmerer derKönigin Kandaka von Abessynien getauft haben soll. Un-gefähr eine Stunde vor Hebron , 300 Schritte links vomWege, stehen zwei Mauern aus mehreren Meter langenQuadern, welche ohne Mörtel zusammengefügt sind. Manweiß nicht, wozu dieses Gebäude diente, aber es ist vonentschieden hohem Alter und steht an der Stelle, wo diedrei Engel den Erzvater besuchten. Hier standen einstdie Eichen von Mamre, welche eine neuere Traditionnach Hebron verlegt hat. Hier nahm ich mein Mittags-mahl ein und gedachte Abrahams , wie er in der Mittag-hitze unter der Thüre seines Zeltes saß und den Besuchder Engel empfing. Hier in der Nähe haben auch dieKundschafter die große Traube abgeschnitten.

Am Abend gegen 4 Uhr kam ich nach Hebron ,durchritt die gedeckten Bazare und schaute die MoscheeHaram esch Scherif von außen an. Sie birgt die

Gräber Abrahams , Jsaaks und Jakobs, Sarahs, Ne»bekka's und Lea's. Aber dem Christen ist der Eintrittin die Moschee bei Todesstrafe verboten.

Ueberhaupt ist die Stadt Hebron die fanatischstealler Städte in Palästina. Um ohne Beschimpfung dieStadt ansehen zu können, muß man türkische Soldatenals Begleitung mitnehmen. Die Stadt ist nur vonJuden und Muhammedanern bewohnt. Christ kann sichdort keiner niederlassen. Von außen ist nicht viel andieser berühmten Moschee zu sehen, das Mauerwerk stammtaus dem 12. Jahrhundert. Ich hatte Hebron schon imJanuar gesehen und wiederholte jetzt noch einmal dasGesehene.

In einem Judenhause (spanische Juden) übernachteteich. Am andern Tage nahm ich von der mit ihrenKuppeldächern und thurmartigen Häusern echt orientalischaussehenden Stadt Abschied, um nach Bet Dschibrin zureiten. Dieser Ort ist durch seine Grotten berühmt.

Im ganzen Umkreis des Dorfes ist der Boden vollzahlreicher, meist mit Gebüsch verdeckter Oeffnungeu,welche die Luft- und Nauchlöcher der darunter befind-lichen Höhlen waren. Manchmal bildet der Höhenzugmehr oder minder große Kessel, in welche man hinab-steigen kann. Ist man am Boden eines solchen KcsselS,so findet man an verschiedenen Seiten Eingänge zuca. 10 m hohen gewölbten Grotten, welche von Menschen-hand geschaffen oder erweitert sind. Die Spitze derGrotte ist meist weggemeißelt und dadurch ein 1 mbreites Loch entstanden, das Licht und Luft zuläßt.Die Grotten stehen gruppenweise mit einander in Ver-bindung.

Eine Grotte ist besonders interessant, da in ihr 4Wendelstiegen auf den Grund führen; man hält diese4 runden Räume für Cisternen. Diese Grollen, diemich an jene natürliche von St. Kanziau erinnerten unddie ein Pendant in derNekropole" von Tyrus haben,scheinen Begräbnis;- und zeitweise auch Wohnstättcn ge-wesen zu sein. Für die letztere Ansicht ist der hl.Hieronymus und Enscbins.

Den folgenden Tag besuchte ich einige Orte vongeringerem Interesse. Freitags 11 Uhr kam ich nachGaza , wo ich beim dortigen Missionär Don Gatt, einemTiroler, abstieg und mein Mittagessen einnahm. DieserMissionär hat diese Station vor 15 Jahren selbst ge-gründet und für sie in Deutschland, auch in Augsburg ,Almosen gesammelt. Der hochw. Bischof Pankratius gabihm mehr als 1000 Mark. Es sind 60 Katholiken inder Mission. Gaza ist eine der größten Städte derPhilister gewesen; hier hat Samson die Stadtthore aus-gehoben und aus den Berg Mnntar getragen. Die großeMoschee war einst katholische Kathedrale. Die Stadt istganz orientalisch und hat schöne Oelbaumgärten, die ge-rade in Blüthe standen.

Nachmittags ging es weiter nach Askalon . Wirbegegneten einer Unzahl von Kamelen, welche in ein-zelnen Herden, jede vielleicht zu 50 Stück, an unsvorüberzogen. Diese Thiere kamen von Bagdad , alsovom Euphrat- und Tigrisland, und gingen nach Aegypten ,das ist ein Weg von über zwei Monaten. In Aegypten werden sie verkauft.

Es dämmerte bereits, als wir das Meer rauschenhörten, und eine halbe Stunde später saß ich in meinemZelte.