Ausgabe 
(5.7.1894) 27
 
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Askalon ist sehr oft zerstört worden; die jetzigenTrümmer stammen aus dem Mittelalter. Askalon bildetemit seinen Manern einen Halbkreis, der jetzt noch gutzu erkennen ist; gewaltige Mauerreste und Säulenfrag-mente liegen umher; sogar die alte Hafenbefestigung läßtsich noch erkennen. Das Innere des Halbkreises, woeinst die Stadt stand, von der noch Trümmer undan 40 sehr schöne Cisternen vorhanden sind, ist mitfruchtbaren Garten angefüllt. Von dem Ostwall, womein Zelt im Schalten eines alten Thurmes stand, hatteich eine schöne Uebersicht über die Ruinen, die Gärtenund das Meer.

Nach drei Stunden langem Ritte erreichte ich dasDorf Esdnd, das Asdod der Bibel, wo einst die ge-raubte Bundeslade im Tempel des Gottes Dagon inden Zeiten Heli's aufgestellt war. Gerade als wir amEingänge des Dorfes anlangten, fing es zu regnen an.Wir wollten das Mittagsmahl einnehmen und warengerade im Begriffe, ein Haus aufzusuchen, als unserBlick auf ein mitten in einer Wiese stehendes leeres Zeltfiel. Es war ein ganz europäisches Zelt, ganz leer, undweit und breit Niemand zu entdecken, der der Besitzersein könnte. Mein Dragoman und ich setzten uns alsodarin fest und ließen den Regen Regen sein undschmausten gemüthlich. Als ich mit dem Essen zu Endewar, hörte auch der Regen auf, und wir zogen weiter.Vom Besitzer dieses Zeltes habe ich nie etwas gesehenund gehört. Das ist doch alles, was man verlangenkann, zur rechten Zeit, am rechten Ort ein komfortablesZelt, ohne Hand oder Fuß rühren zu müssen.

Der Neste aus dem Alterthum find hier wenige,d. h. wenn man graben dürfte, würde man viel finden.Ein Fellache zeigte mir z. B. eine hübsche Handmühleaus Marmor, welche er beim Bau seines Hauses ge-funden; ein schöner römischer Sarkophag liegt beimDorsbrunnen re.

Eine Stunde später wurden meinem Pferde dieFliegen zu lästig, und es legte sich auf den Boden undwollte sich wälzen. Da ich gerade Brevier betete, merkteich es nicht frühzeitig genug, und Brevier und ich wurdennach links ins Gras befördert. Geschehen ist sonst nichts,ich suchte mein Brevier und stieg wieder auf, steckte aberLas Brevier ein, damit mir nicht noch einmal der Gauleinen Streich spiele.

Als die Sonne am Untergehen war, kamen wir nachSebna, wo früher eine berühmte Rabbinerschule sich be-fand. Es liegt am Abhänge eines kleinen Hügels, derfrei aus der Ebene emporragt und mich ganz an Waller-stein erinnerte. Die Aehnlichkeit ist um so größer, weildie Moschee, eine alte Kirche, noch den Kirchthurm be-wahrt hat.

Da das Gepäck und Zelt anf kürzerem Wege direktvon Askalon nach Akir gegangen war, mußten wirweiter, obwohl die Nacht anbrach. Kein Fellach wollteuns führen, vor der Nacht haben Beduinen und Fellachenden gleichen Respekt; so suchten wir den Weg selbst.Nach einer Stunde war es so dunkel, daß man nurwenig erkennen konnte. Zum Glück hatte uns der KochLeute entgegengeschickt, allerdings ohne Laterne, und diesebrachten uns an den Lagerplatz.

Dieser lag gerade an der Stelle, wo das alte Ekronmit seinem Beelzebubtempel ehemals stand. Im Südendavon liegt eine Judenkolonie, welche infolge der Aus-treibung derselben aus Rußland entstand; dort widmensich die Juden dem Ackerbau; wie lange?

Der nächste Tag war Sonntag. Am Morgen rittich bis Namleh, wo ich im Franziskanerkirchlein celebrirte.In Namleh ist eine große, zerfallende Moschee, ehemaligeKirche der 40 Märtyrer, mit sehr schönem Thurme. Einehalbe Stunde davon entfernt liegt Lydda , jetzt Lud, mitdem Grabe des hl. Georg; in Lydda hat der hl. Petruseinen Gichtbrüchigen geheilt. Den Weg von Lydda nachJaffa legte ich am Nachmittag zurück und kam aus demPhilisterland ins Phönizierland.

Das ganze Philisterland ist eine wunderbar frucht-bare Gegend und Ebene; die Viehzucht ist großartig.Wohin man schaut, Getreidefelder, man glaubt imSchwabenland zu reisen, so fruchtbar und so gut bestellt istalles, ein großer Gegensatz zu dem steinigen Judäa .

In der Nähe von Jaffa beginnen die Orangengärtenmit ihrem saftigen Grün und goldenen Aepfeln, auchHolder blüht und Jasmin duftet. Der Zaun ist durchKaktuspflanzen gebildet, deren gelbe Blüthen sich nichtübel ausnehmen.

Kaum hatte ich mein Zelt beim Bahnhof betreten,so erhielt ich Besuche: Ein Araber wollte sich mir an-schließen bis Beyruth, der wurde gleich gar nicht herein-gelassen. Ein anderer kam ohne Erlaubniß, der wurdeeinfach hinausbefördert, und dann ein Landsmann, Vaga-bund. Letzteren hielt ich für einen Herrn von der deutschenKarawane und ließ ihn ein; wurde aber bald eines Besserenbelehrt. Nach einer halben Stunde, als er keinen Pfennigvon mir Herauspressen konnte, ging er. Der gute Mannhatte mir aber zu auffällig mein Zelt gemustert, michüber meine Sicherheitsmaßrcgeln zu deutlich ausgefragt,so daß ich dem Wetter nicht traute. Die Einrichtung desZeltes wurde verändert, meine Koffer geschlossen undmein Dragoman mußte in meinem Zelte schlafen, da, wozuvor mein Bett gestanden; die Koffer waren sein Kopf-kissen. Meine Pferdeknechte mußten Wache halten, undvor und hinter meinem Zelte brannte eine Laterne.

Mein Dragoman hatte Soldaten zur Wache ver-langt, aber der Chef hat geantwortet:Wir sollen nurunser Zelt selbst bewachen." Nette Regierung. Beisolchen Vorbereitungen konnte natürlich nichts gestohlenwerden, und jeder Versuch dazu unterblieb auch.

Jaffa oder Joppe ist die Stadt, von wo der ProphetJonas sich nach Tharsus einschiffte. Hier hat der hl.Petrus in dem Hause beim Leuchtthurm (jetzt Moschee)gewohnt und die Vision empfangen von den unreinenThieren in dem Tuch, das die Engel hielten.

(Schluß folgt.)

Gottfried August Bürger .

Zu sei nein hundertsten Todestage nach seinemLeben und seinen Werkengeschildert von A. G.

(Schluß.)

Wir sagten, Bürger sei verleumderischer Weise angeklagtworden. Die Anklagepunkte aber lauteten also: 1) ersuchte weder die allerhöchsten landesherrschaftlichen Hoheits-rechte, noch die Gerechtsame der Familie gegen die Ein-griffe ausländischer Nachbarn gehörig zu vertheidigen;2) er vernachlässigte die ihm obliegende Justiz- undPolizeipflege gänzlich; 3) er Hütte die Kirchensachen inUnordnung gebracht; 4) er beobachtete in Ansehung derihm anvertrauten Deposita nicht die strengste Ordnung;5) er legte die Lehensrechnungen nicht zur rechten Zeitab, fertigte die Lehensbriefe nicht gehörig aus und gäbe. dadurch zu Klagen und Beschwerden der Vasallen Anlaß.