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Im Jahre 1784 nahm Bürger seine Entlassung,er war wieder frei, aber auch brodlos. Um sich seinenLieblingswisscnschaften ganz widmen zu können, ging ernach Göttingen zurück, besorgte die Herausgabe des Musen-Almanachs und gab als Privatlehrer Borlesungen überAesthetik, deutschen Stil rc., sodann gab er auch einigenStudierenden Privatunterricht. Etwas vorher hatte er„das Lied vom braven Mann" gedichtet, das ebenfallsbei der Knabenwelt guten Eingang gefunden hat und daseiner Begebenheit entnommen war, welche in Verona spielte und deren Held der Graf von Spolverini war.Hier mag auch der „wilde Jäger" erwähnt werden, vondem Pröhle sagt: „Dieses Gedicht ist einigermaßen derZwillingsbruder der Lenore, doch noch langsamer, alsdiese, entstanden (vermuthlich im Jahre 1785). Wieunter Bürgers erotischen Gedichten daS Hohe Lied, so istunter seinen Balladen der wilde Jäger zwar nicht dievorzüglichste, aber diejenige, worin sein arbeitender Geniusdie vollsten und stolzesten Formen losgerungen hat."v. Schlegel ist voll des Lobes über dieses Lied. Etwasfrüher entstanden die „Weiber von Weinsberg", die leiderdurch eine bei den Haaren herbeigezogene Nohheit unddurch mehrere unausstehliche Witzeleien entstellt sind.Ein Vers beweise dies:
„O weh, mir armen Korydon!
Schrien: Kyrie Eleyson!
Wir geh'», wir gch'n kapores!
O weh, mir armen Korydon!
ES juckt mir an der Kehle schon."
Zu erwähnen sind noch sein „Lied von der Treue",sein „Feldjägerlied", des „Pfarrers Tochter von Taubeu-hain", der „Naubgraf" und die „Entführung".
Doch, wie ging es Bürger auf seinem neuen Postenin Göttingen S Nach dem Tode seiner hoch gefeierten (!)Molly ist er niedergeschlagen, wie vom „Blitze", und un-tröstlich, schreibt an seine Freunde ungemein lange undungemein traurige Episteln und würde seine „Gedichteschwerlich im ganzen Leben wieder zur Hand nehmen,wenn ich mich nicht noch für etwas mehr, als meinearmselige Person, zu interessiren hätte". Er mußte Brodhaben für sich und seine Kinder. Im Winter 1787hielt er öffentliche Vorlesungen über die kritische Philo-sophie, welche zahlreich besucht wurden. Doch stellte sichjetzt schon Krankheit ein und „belastet allzuoft die natür-liche Kraft und Thätigkeit meines Geistes mit so drückendenFesseln". Doch wurde es wieder besser, und er vollendetedas „Hohe Lied" und gab eine zweite Auflage seinerGedichte heraus. Ueber das „Hohe Lied", das seineMolly besingt, sagt Dr. Pröhle: „Das ganze »Hohe Lied 'ist ein gewaltiges Schlachtlied der Liebe; der Kraft derLeidenschaft gegenüber verwandeln sich hier alle Hinder-nisse, welche das Leben ihr entgegenstellt, in feindlicheElemente, und durch Flammen und Wafferfluthen hin-durch sehen wir den Dichter siegreich zu der Geliebtenvordringen." Das ganze Lied ist überschwenglich ge-halten, ganz Bürger! Seine dritte, unglückliche Ehelegte den Grund zu seinem schnelleren Tode: „die Kräftemeines siechen Körpers werden immer schwächer." Bereitsim Oktober 1793 verhehlte er sich seinen Zustand nicht— die Lungenschwindsucht packt ihre Opfer unbarmherzig,und wenn sie auch einige Zeit mit den Kranken spielt,ihr Ausgang ist sicher. Er verlor längere Zeit vorseinem Tode die Sprache nahezu ganz, bis endlich derTod selbst am 8. Juni 1794 ihn erlöste in einem Altervon nur sechsundvierzig Jahren, fünf Monaten und acht
Tagen. An Vermögen hinterließ er wenig, und über dasWenige entstand ein Concurs-Verfahren; seine Freundeschössen etwas über dreihundert Thaler zu einem Monu-mente zusammen.
Suchen wir noch Bürger als Menschen und Dichterkurz zu zeichnen! Er hatte viele Fehler, mußte sie aberauch mitunter schwer büßen. Verleitet von andern falschenFreunden, selbst ohne festen Halt, kam er auf sehr ab-schüssige Bahnen; dessenungeachtet aber hatte er auch sehrgute Seiten. Vor allem ist rühmenswerth anzuerkennenseine Freundschaft und seine Dankbarkeit gegen jede, auchdie geringste Wohlthat- Seine Briefe, gesammelt vonAdolf Strodtmann , welche nicht weniger als vier ordent-liche Bände umfassen, sind vollgiltige Beweise hiefür.Er war sodann von großer Herzensgüte und großemWohlwollen gegen jedermann, kannte keinen Groll undkeine Gehässigkeit. So unterstützte er den Mann, derihn seinerzeit verleumdet und ihn um seine Stelle gebracht,selbst mit wenigen Thalern, als er in's Unglück kam,und bettelte für ihn gegen hundert Thaler bei Freundenzusammen, die er dem Betreffenden sandte mit der Be-merkung, „daß meine Umstände kaum eine Gabe voneinigen Thalern verstatten."
Als Dichter kann Bürger nur durch sein Leben alleinganz verstanden werden. Da seinem Charakter die sitt-liche Würde fehlte, so war dies ein Haupthinderniß, einwahrer Volksdichter zu werden; das Zeug hiezu hätte ihmnicht gefehlt, seine „Lenore" allein ist Beweis hiefür.Wenn auch Schiller seine Gedichte ungemein scharf re-censirte, was Bürger sehr schmerzte — er hat doch auchGutes und Schönes geleistet. Die Worte Göthe's überGünther können wir auch auf Bürger anwenden: „erwußte sich nicht zu zähmen, darum zerrann ihm seinLeben wie sein Dichten", und Gödeke sagt über Bürger;„sein Leben selbst war ohne reine Poesie, und seine Ge-dichte, auch die Balladen, sind innerlich nicht geläutert".Es fehlte Bürger der „männliche" Geist, wie Schiller sagte. Doch ist nicht zu vergessen, daß nicht leicht einzweiter Mann und Dichter stets so viel mit Nahrungs-sorgen zu kämpfen hatte, wie Bürger, so daß nicht ver-gessen werden darf der alte Satz: „insim sann in corporssano," wenn der Körper hungert, kann sich auch der Geistoft nicht zur rechten einzigen Frische erheben. Immerhinbleibt noch manches übrig, das Bürger würdig macht,nicht vergessen zu werden, der Mensch für sich verdientees trotz Fehler, mitunter schwerer Fehler, die man ebenleichter gewahrt, als das Gegentheil, wie Bürger diesgar nicht übel sagt, indem er die Splitterrichter folgender-maßen apostrophirt:
„Das freut mich doch, ihr Herren Falken,
Die ihr. Gott weiß warum, erbost.
So gern auf meine Fehler stoßt,
Daß ihr nicht mehr ersteht, ihr Falken,
Als Splitter nur von euren Balken."
War Kaspar Häuser ein Betrüger?
(Fortsetzung.)
I. Zeugen für Kaspar Hausers Unschuld.
«rr Die bei Meyer (Anth. Mittheilungen 1872),
Daumer (Kaspar Häuser 1873), A. v. d. Linde (KasparHäuser 1887) abgedruckten Zeugenaussagen sind mit M.,
D., L. und der betreffenden Seitenzahl bezeichnet. (
1) Andreas Hiltel, magistratischer Gefangenwärterdes Thurms auf der Beste (— Luginsland) in Nürn-berg , hatte Kaspar Häuser vom Tage seiner Ankunft in