Ausgabe 
(19.7.1894) 29
 
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Pierluigi, Palestrina und der Cäcilien-Verein.

Ein vorläufiges Wort an die verehrlichenBesucher der 14. General-Versammlung deSCäcilien-Vereines am 8. und 9. August 1894zu Regensburg .

Motto:Ihr stürzt nieder, Millionen?!"

IV. K. In denFliegenden Blättern für kath.Kirchenmusik, offizielles Organ des allgemeinen Cäcilien-Vereins", wurden bis jetzt drei Anträge an die demnächstin Negensburg tagende General-Versammlung veröffent-licht. Während die letzteren zwei (von Prälat Kartonund vom Diöcesan-Präses Dr. Walter eingebrachten)geschäftlicher Natur sind und das Verhältniß der Dtö-cesan- und Psarrvereine zumAllgemeinen Cäcilien-Vereine" betreffen, ist der erste für die Existenz und dasGedeihen des Vereines an sich scheinbar und hoffentlichganz belanglos, er hat persönlichen Charakter, tangirtsachlich höchstens das Portemonnaie der Vereinsmitglieder,und das nicht bedeutend. Aber die Tendenz, die demAntrage zu Grunde liegt, und der Charakter des An-trages scheinen uns sonderbar, und deshalb dürfte esangezeigt sein, in einem öffentlichen Blatte, das von sehrvielen süddeutschen Besuchern der General-Versammlunggelesen wird, sich darüber auszusprcchen, solange es nochZeit ist. In Nr. 5 derFlieg. BI." wird nämlich fol-gender Antrag gestellt:Die General-Versammlung wollebeschließen, daß aus Anlaß des Palestrina -Jubiläums,und um das Andenken des großen Meisters der Tönezu ehren, Sr. Eminenz dem Kardinal Angela Bianchi,dem erhabenen Protektor unseres Vereins, welcher zu-gleich Bischof von Palestrina , dem Geburtsorte des un-sterblichen Meisters, ist, aus Dritteln des Vereins einentsprechender Beitrag (etwa 1000 Mark) zur Restau-ration der Kathedrale daselbst überreicht werde."

Es ist etwa anderthalb Jahre her, da wurde demSchreiber dieser Zeilen ein Aufruf aus Palestrina über-mittelt, unterzeichnet von Mitgliedern eines Comitö's füreine Palestrinafeier eben in der Geburtsstadt des Meisters.Dieser Aufruf hatte zum Inhalte zunächst den Hinweisauf das Palestrinajubiläum; sodann versuchte er sich inGeschichte:Die ganze Weltwiederholt" (!! offenbaritalienisch-deutsch stattwiderhallt"!) vom Ruhme Pa-lestrina's;" er sei es gewesen, der die Musik Gottweiß aus was für beengenden Fesseln, aus waS füreinem Nichts von Unmusik mit kühner Hand zurhöchsten Blüthe, Stilreinheit, Correctheit des Ausdruckes rc.heraus- und emporgeführt habeallerdings nur, da-mit diese erhabenen Klänge nach kurzer Zeit wieder dentrivialen Plattheiten einer weltlichen Kirchenmusik Platzmachen sollten." Der Zweck des Sendschreibens warder: von den gutmüthigen Deutschen Beitrüge zuerbetteln zur Restauration der Kathedrale in Palestrina ,dem Geburtsorte des unsterblichen Meisters"; die innereWestfayade sollte mit Fresken aus dem Leben Palestrina's geziert werden. Ich sandte damals den Bettelbrief zurück*)mit folgendem Vermerk: 1) aus der Adresse (sie warorthographisch falsch französisch geschrieben) geht hervor,daß die Herren vom Comitö im Französischen nicht ge-

') Eben das ist auch der Grund, warum ich jetzt aus demGedächtniß citiren mnß; indeß glaube ich sowohl den Inhaltdes Avisos, sowie dessen Wortlaut, soweit ich ihn in Anführungs-zeichen wiedergebe, ziemlich getrcn gemerkt zu haben.

rade stark sind; 2) aus dem Wortewiederholt" stattwiderhallt" geht hervor, daß die Herren nicht Deutsch können und sich dafür nickt einmal in diesem Falleauch nur einige Mühe gegeben haben; 3) aus derStellung, welche sie für denMusilreformator" Pa-lestrina gegenüber seinen Vorgängern vindiciren, gehthervor, daß die Herren die Musikgeschichte gar nichtkennen; 4) wer je einmal in Italien, in Genua ,Venedig, Mailand, Florenz und je südlicher, destoerbärmlicher! Musik in der Kirche gehört hat, dermuß den Italienern (tutti guanbi!) ganz entschiedendas Recht absprechen, über Kirchenmusik, vorab übertri-viale Plattheiten" auch nur zu reden.

Damals dachte ich beileibe nicht daran, daß einemAufrufe zu einer Palestrinafeier bei uns Gehör gegebenwerde, zumal da die Vereinsblätter sich darüber einekurze Notiz in der Nusiorr snoru, ausgenommen meinesWissens vollständig ausschwiegen. Eine Palestrinafeierin Italien! Was wissen denn die Italiener von Pa-lestrina ? Daß er wie ein ckeuo ox maostina. gekommenist mit einer Musik, die vordem auch nicht geahnt werdenmochte? Deswegen wäre ein Palestrina noch lange nichtsGroßes; dennvor Fröschen ist auch der Hase tapfer";sicherlich groß ist jener, der auch unter Großen der Größteist! Oder daß er keinNiederländer" war, wenigstensseinen niederländischen Lebenssaft allmählig in italienischesVollblut umwechselte? Aber Palestrina ist Niederländergewesen und hat stark niederländische Züge auch in seinenvollendetsten Werken dokumentirt (Nissal'ommsarraä"; vgl. auch die Bemerkungen, die AmbrasBd. 4 S. 16 f. zur Lliosnut ro mi" macht). Mirscheint nach allem, was ich von Italien weiß, wissen dieItaliener von Palestrina und feinem Werke ungefähr so-viel, wie wir Deutsche von Kalidasa und der Sakuntala :einige wenige Kreise sind etwas eingeweiht, die anderenItaliener kennen nichts, weder von Palestrina , noch vonseinem Werke, noch von seinem Geiste. Und was dereingeweihteste italienische Palestrinakenner, Gins . Baini,über Palestrina alsReformator" übertrieben und ge-fabelt hat, das haben Ambras und namentlich Habers)zur Genüge gezeigt.

Die Italiener wollen Palestrina feiern wie?Sie hatten schon einmal so etwas, wie eine Palestrina-feier; damals schrieben sie an alle lebenden Komponistenum Beiträge zu einem Monstre-Concert nur keinenoder so gut wie keinenPalestrina"! Damals hatte R.Wagner den trefflichen Einfall, den Italienern alsseinen Beitrag seine herrliche Bearbeitung des zwci-chörigen Linda,!: mator von Palestrina zu senden; daswar ein Nasenstüber, wie die italienischen Fest- und

°) Kirchcmnus. Jahrb. 1892 u. 1894. Möchte doch Haberl aucheinmal den Beweis bringen, daß Palestrina in Bezug auf dengregor. Choral größere als bloß Dilettantenverdicnstc hat! Mirwill's immer scheinen, als sei die Kenntniß deS gregor. Choralesebensowenig Palestrina's als der anderen Contrapnnktiker starkeSeite gewesen, ok. Rahm. Schlecht, Geschickte der Kirchen-musik S. 67- Herr Haberl hat zu Nr. 2 der Llus. saera 1894eine außerordentliche Beilage gegeben:G. P. da Palestr. u. dasosfiz. 6raä. Rom ." In dieser Abhandlung scheint mir dasEs würde hier zu weit führen durch Notenbeispiclenachzuweisen" . . . (S. 11 Nr. 8 b) der schwache Punkt zusein. Ein solcher Nachweis im Einzelnenführt nicht zu weit,"im Gegentheil, er ist nothwendig: der Behauptende muß be-weisen; das liegt in seinem Interesse und im Interesse derSache.