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Musikmacher ihn verdienten! Nun wollen sie in Italien ,speciell in Palestrina , wieder eine Palestrinafeier ver-anstalten — wie? Durch eine Malerei in ihrer Kirche,zu der wir Moneten spenden sollten. Es braucht sichja uns nicht gerade um das Kleingeld zu handeln, aberum das Princip: feiert man so Palestrina ? „Ihr werdetmeine Freunde sein (nicht wenn ihr mich „ikrinoipoäsUa, inusiou", „Herr, Herr" nennet, nicht wenn ihrmich irgendwohin malet oder -gipset, sondern) wenn ihrdas thut, was ich euch geboten habe," wenn ihr dieWerke, so ich euch hinterlassen, studieret und in schönsterDarstellung dem Gottesdienste und der Welt zugänglichmachet! Was für ein Verdienst haben denn dieItaliener hierin? Sie ließen — mit rühmlicher Aus-nahme Batni's — Palesirina's Werke in ihren Biblio-theken vergraben sein; cs war ein Deutscher, der edleProske, der da hincingriff und Werke Palestrina's an'sTageslicht brachte; es waren Deutsche , voran und zuallermeist Haberl, die mit unermüdlichem Fleiße und mitstaunenswerther Findigkeit Palestrina's sämmtlicheWerke zusammentrugen und Herausgaben; die ver-legende Firma ist auch eine deutsche: Breitkopf L Härtel inLeipzig ; und der Handel mit Palestrinabänden gravitirtdem Vernehmen nach durchaus nicht nach Italien !Das Verdienst der heutigen Italiener gegenüberPalestrina ? Ich wüßte es nicht zu nennen; aberbei dem Gedanken an die „trivialen Plattheiten" fälltmir ein Geschichichen ein, das ich als Schulknabe ein-mal im Lesebuch von Hopf gefunden habe: auf demrömischen Forum, wo einst Cicero den Catilina ver-donnert hat, wo Cäsar und Augustus im Triumphe ein-gefahren sind, da erschienen „nachmals" zerlumpte Knaben:kauft's „Hecheln und Mausfall'n, der Welschland Kunstdran, der Deitschland nit kann!" Lapionti sät!„Gotteslästerliches Mnsiktreiben in den meisten ital.Kirchen", sagte Kardinal Bartolini, selbst Italiener , imMärz 1884. Walter, Biogr. Witt's S. 167.
Muß cs demnach erklärlich erscheinen, wenn schonder einzelne Deutsche mit der Pierluigifeier in Palestrina nichts zu thun haben will, so muß es sonderbar er-scheinen, wenn dem ganzen Cäcilienvereine bezw. derGeneralversammlung zugemuthet wird, sich offiziell undkorporativ an dieser Feier zu betheiligen; es muß ge-radezu verblüffen, wenn dieser Antrag da nicht etwa vomitalienischen Fesicomitö in Palestrina gestellt wird, son-dern von einem deutschen Landsmanne, einemCäcilianer, gar von dem Generalpräses des Vereines.O taiuxora, o woros!
Oder haben die Italiener vielleicht so große Ver-dienste um den deutschen Cäcilien-Verein? DerVerein verfolgt — ob mit Recht oder mit Unrecht, brauchthier gar nicht untersucht zu werden — andere kirchen-musikalische Tendenzen als Haydn und Mozart . Nunwar es gerade der Kardinal Bartolini, der diese Ten-denzen des Vereines desavouirte; Witt selbst hat jenenBrief Bartolini's (ä. ä. 15. Juli 1883) als ein Des-aveu angesehen ^); und alle Deutungen und Erklärungenhaben das Wesen jener Angelegenheit nicht alterirt.
Dann kam der Ernestine-Bauduin-Nummel (anno1891): kurz vor der Generalversammlung des Cäcilien-Vereines zu Graz erhielt Frau Gräfin Banduin für eineerbärmliche Sudel-meß-„Composition" „von höchsterStelle" allerhöchste Auszeichnungen. Stehle im „Chor-
wächter" Nr. 6 richtete damals an den „Generalstab"die denkbar energischste Mahnung zu einem entschiedenenProteste gegen dieses Gebühren; er machte auf die ver-derblichen Folgen aufmerksam, die der Fall haben werde,wenn man die Sache ruhig hinnehme. Was geschah inGraz ? Gar nichts; dagegen ist in Nusioa saora 1891Nr. 10/11 S. 160 an verborgenster Stelle zu lesen:„Ein feierlicher Protest gegen den B.-Schwindel wäreder Generalversammlung unwürdig gewesen." Bum,großartig! Aber es war doch nicht unwürdig, noch 1893in Nr. 6 der Flieg. Bl. den ehemaligen DorfschöuenBühler und Consorten wieder einmal in ihr längst er-storbenes, vermodertes Gesicht zu leuchten und ihre Häß-lichkeit zu zeigen!!
Der sei. Witt war wenigstens Mann genug, sichseinerzeit gegen den Bartolinibrief energisch zu ver-theidigen und ein Ultimatum zu stellen. Wie sieht abernun ein Antrag des jetzigen General-Präses aus? Nichtnur keine Vertheidigung nach oben, sondern ein Antragauf eine — Handsalbe! Und das unter der Devise„Palestrina -Ehrung" l
Ich meine, es gäbe Anträge an die General-Ver-sammlung, mit denen sich ein Präses Verdienste erwerbenkönnte. Ich weise nur hin auf die erbärmliche Stellung,in die manche gutgesinnte Chorregenten gegenüber ihrenKirchenvorstünden und gegenüber ihrem Personale ge-zwängt sind. Das wäre ein Kapitel! Es ist bereitseinmal ausführlich behandelt worden: im „Chorwächter"1890/91 — der Präses und sein Organ haben sich na-türlich darüber vollständig ausgeschwiegen. Ein Punkt,nicht unwürdig eines Antrags seitens des Generalpräses,wäre z. B. auch der: die General-Versammlung disku-tire die Frage, wie dem Handwerkerthum wirksam undohne materielle Schädigung der Musiker begegnet werdenkann, das auf vielen Chören herrscht infolge allzuvielerkirchenmusikalischer Verrichtungen. Schreiber dieser Zeilenwüßte mehr solcher Kapitel, die ganz würdig wären aufdie Initiative des Generalpräses hin von der General-Versammlung behandelt zu werden. Indeß wollen wirheute bet der Palestrinafeier bleiben und als Pendantgegen den Antrag des Herrn Generalpräses einen anderenhier stellen, nachdem dieser Antrag, an competenterStelle eingebracht, im Vereinsorgan todtgeschwiegenworden ist:
„Die General-Versammlung in Negensburgwolle beschließen, daß, aus Anlaß des Palestrina -jubiläums und um das Andenken des großenMeisters der Töne zu ehren, aus Vereinsmittelnund durch Erhebung freiwilliger Beiträge eine ent-sprechende Summe zusammengebracht werde behufsTransferirung der Gebeine Palestrina's aus Italien auf deutschen Boden (etwa zu Orlando di Lasso nach München ), da die Italiener bei dem Standeihrer Kirchenmusik nicht verdienen, auch nur denStaub Palestrina's zu besitzen."
Auf München nun wäre ich hierin nicht geradeversessen, namentlich nach der letzten Orlandofeier; ichglaube, daß z. B. Negensburg viel würdiger wäre, solchtheure Ueberreste zu bergen. Die Italiener übrigenskönnten sich kaum beschweren über eine TransferirungPalestrina's: als ich (im Herbste 1890) in der Kirche8anta Oroao in Florenz war, waren soeben die GebeineNossini's vom Pöre-Lachatse dorthin gebracht worden:in Paris habe ich nie Rossini in der Kirche gehört(freilich schlimmere Dinge — neben viel plain-estulltl),
ok. Walter, Biogr. WittS S. 166 ff.