Ausgabe 
(19.7.1894) 29
 
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wohl aber in Florenz . Also, wo der Held in Ehren ist,da soll er auch ruhen! Indeß sind das Aeußerlichkeiten,Zufälligkeiten; auf sie kommt an und für sich auch garnicht viel an, ebensowenig als es an und für sich aufdie tausend Mark im Schmidt'schen Antrage ankommt;worauf es ankommt, das ist das Princip und die Ten-denz; und diese dürften aus unserem Antrage eben soleicht ersichtlicb sein, wie aus dem des Herrn General-präses.

Wieder einLeben Jesu".

Wieder einmal glaubt der ebenso aufgeblasene undselbstbewußte als oberflächliche und unwissenschaftliche Un-glaube einen Fund gemacht zu haben, der geeignet sei,dem Evangelium und dem Christnsglauben den Garauszu machen. Ein Nüsse, wie sich unten zeigen wird, allemAnscheine nach ein russischer Jude, Namens Not owitsch,will in dem berühmten Hauptsitz des tibetanischen Buddhis-mus eine Lebensgeschichte Jesu entdeckt haben, die überdiesen ganz andere Aufschlüsse ertheilt als die vier Evan-gelisten. Der großartige literarische Fund des HerrnNotowitsch belehrt uns, daß Jesus mit 13 Jahren heim-lich seine Familie in Nazareth verlassen und sich einernach Jerusalem gekommenen Karawane von Kaufleutenangeschlossen hat, die ihn nach Indien mitnahm. Dortließ er sich in der Wissenschaft und Religion der Brah-manen unterrichten. Bald aber überwarf er sich mitseinen Lehrern, weil er sich gegen das Kastenwesen er-klärte, er wurde verfolgt und mußte sich flüchten. Erging nun zu den Buddhisten, und deren Lehren be-wogen ihn, sich seinerseits als Neligionsstifter zu ver-suchen. In Gakyamuni's (Bnddha's) Doctrinen einge-weiht, kehrte dieser merkwürdigeJesus" über Persien ,wo er wegen seiner Bekämpfung des Zoroasterismusallerlei Abenteuer zu bestehen hatte, nach Palästinazurück. Dort predigte er seine Lehre, stachelte das Volkzu seinen Gunsten auf, versuchte sich zum König aus-rufen zu lassen und ward trotz der Sympathienund Proteste des jüdischen Volkes von Pilatuszum Tode verurtheilt.

Diesmal hat der Versuch, dem Jesus der Evange-lien und des christlichen Glaubens einen Jesus derMythe und der Phantasie entgegenzustellen, sofort eineAbfertigung erfahren von einer Seite, die keiner Partei-nahme für christliche Auffassung und Anschauung ver-dächtig ist.

Der weltberühmte Orientalist Pros. Leon RoSny am Collöge de France zu Paris , einer der tüchtigstenKenner des Buddhismus , schreibt vom rein wissenschaft-lichen Standpunkte aus über die Leistung des HerrnNotowitsch.

Das .unbekannte Leben Jesu' ermangelt an ge-wissen Stellen nicht der Originalität; man liest es sogarmit Vergnügen. Jedoch findet man darin einen Fehler,der verzeihlich ist bei einem romanhaften Werke, aberetwas schwer wiegt bei einem Buche, das den Ansprucherhebt, dem Gebiete der Geschichte anzugehören: dieserFehler besteht darin, alle Anzeichen einer phantastischenErzählung zu bieten und einen etwas mehr als ver-dächtigen Ursprung zu verrathen. Der Verfasser warsofort von der Ähnlichkeit der Namen ,Issest (so heißtder Held des .unbekannten Lebens') und .Jesus ' be-troffen. Recht schön. Aber der Name Majas', dessenTräger am zweiten buddhistischen Concile Theil genom-

men, ähnelt nicht minder dem Namen Christi. Dasselbegilt von Buddha ; der Name ,6akya-Muni' (so wird näm-lich Buddha bei Notowitsch genannt) findet sich wiederbei den Tibetanern im fünfzehnten Jahrhunderte, wo ervon einem berühmten Apostel (des Buddhismus ) getragenwurde, der aber unter der Reform Tseng-Kabas seinAnsehen verlor, weil er in Gegenwart seines Gegnersdas Verbrechen begangen hatte, unter seinem Kleide undzwischen seinen Fingern ein kleines weißliches Schmarotzer-thier zu zerquetschen, das ihn grausam zerbiß.

Es sei fern von mir, die Ehrlichkeit des HerrnNotowitsch anzuzweifeln; aber man kann offen sagen,daß er Alles gethan hat, um seine Sache zu verlieren.Von der Handschrift, welcher er seine Aufschlüsse ent-nommen hat, liefert er uns keinerlei Beschreibung, keinerleiProbe; er meldet uns bloß, daß sie auf einem von derZeit vergilbten Papier geschrieben sei. Er hatte einenPhotographischen Apparat bei sich; es kam ihm nicht derGedanke, auch nur das geringste Bruchstück zu reprodu-ziren. Diese Handschrift ist freilich in einer Sprache(im Pali) geschrieben, die er nicht versteht, und er istdarauf angewiesen, vertrauensvoll die Nebersetzung anzu-nehmen, die ihm ein Lama liefert, dessen Namen er unsnicht einmal kennen lehrt. Aber er theilt uns nicht daSmit, was ihm jener Lama dictirt hat; was er veröffentlicht,äst ganz seine persönliche Textirung, die er nach seinemErmessen mit Anmerkungen versehen hat, um so demganzen Werke einen einheitlichen Charakter aufzudrücken.

Herr Notowitsch vergißt, uns die Beweggründemitzutheilen, die ihn glauben lassen, daß er nicht dasOpfer eines schlechten Spaßes geworden, und was ihmVertrauen einflößen konnte auf die (buddhistischen) Mönche,bei denen er übrigens nicht nur falsche Ideen in philo-sophischer und religiöser Hinsicht, sondern auch historischeIrrthümer der gröbsten Art aufgelesen hat. Man hatihm z. B. gesagt, daß der Buddhismus in China unterder Regierung Mingati's um das Jahr 2050 eingeführtworden sei, während Jedermann weiß, daß dieser Fürstim ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte, unddaß der Glaube Oakhamuni's durch die chinesische Re-gierung officiell im Jahre 65 nach Christi Geburt an-erkannt wurde. Bloß um 2000 Jahre gefehlt in einerchronologischen Angabe! Man möchte an einen Druck-fehler glauben; allein Fehler dieser Art dürften nicht ineiner vierten Auflage stehen bleiben. Derselbe Kaiser(als zu einer Dynasti Honi, statt Hnn, gehörend be-zeichnet) hätte übrigens zu zwei verschiedenen Epochenleben müssen, denn an einer andern Stelle seines Bucheserzählt uns Herr Notowitsch, daß jener Fürst ein Jahrvor Jesu Geburt die Schriften ^akyamnni's, der nieetwas geschrieben hat, nach China bringen ließ. Wärediese Angabe wahr, so hätte Mingati sein Decret zuGunsten des Buddhismus 59 Jahre vor seiner Thron-besteigung erlassen.

In derselben Schule der Lamas, die meistens Leutevon crasser Unwissenheit sind, hat Herr Notowitsch ohneZweifel gelernt, daß das Alphabet und das Pergamentin China vor MoseS bekannt waren. Das fraglicheAlphabet wäre von Fou, dem ersten Kaiser, im Jahre2800 erfunden worden. Nun weiß Jedermann, daß dieChinesen, selbst heutzutage, kein Alphabet haben, und demletzten Orientalisten ist es nicht unbekannt, daß man demgenannten Kaiser, der während der mythischen Periodender chinesischen Phantasie lebte, die Anwendung derTrigramren zuschreibt, die zu der alphabetischen Schrift