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in keiner Beziehung stehen. Das der Regierung diesesFou zugeschriebene chronologische Datum ist übrigens ebensoernst zu nehmen, wie jenes Zoroasters, den Herr Notomitschin das Jahr 550 bor Christi Geburt versetzt. Ich könntedie Zahl dieser Beispiele leicht vermehren und ihnen philo-logische Bemerkungen von nicht minderer Wichtigkeit an-fügen, die aber nur die Orientalisten interessiern. DasBuch des Herrn Notowitsch ist vielleicht ein sensationellesWerk, aber es ermangelt vollständig des wissenschaftlichenCharakters."
Hiemit wäre Herr Notowitsch mit seinem „unbekanntenLeben Jesu " wissenschaftlich abgethan. Aber es ist nichtunwahrscheinlich, daß hinter dem Buche eine jüdischeSpeculation steckt. . . . Notowitsch läßt die Juden undPilatus ihre Rollen vertauschen: nicht die Juden habendie Kreuzigung Jesu verlangt, sondern Pilatus ließ ihntrotz und wegen der Sympathien der Juden für ihnkreuzigen. Wäre dem so, so wäre die ganze christlicheGeschichte und damit auch das gesummte Christenthumüber den Haufen geworfen. In der That ist die „VraieParole", ein jüdisches Organ in Paris , von dem Bucheso entzückt, daß sie erklärt, daß „die Entdeckung desjungen russischen Gelehrten für das Judenthum der Aus-gangspunkt einer heilsamen Entwicklung sein könnte undsollte nach seiner großen Bestimmung, die da ist, einesTages die Religion der Menschheit zu werden".
Die Todesaitmeldungen.
Ein Streifzug in das „Nachtgebiet der Natur".
Von ?. F., 0. 8. §r.
(Schluß.)
III.
Zweckbewnßtes Handeln allein offenbart denkendeVernunft; alles, was ohne bestimmten Zweck geschieht,erscheint von Anfang an als unvernünftig und darumauch als unwahrscheinlich. Sollen daher die Todesan-meldungen als Thatsachen zugestanden werden, so mußsich in ihnen nothwendig ein vernünftiger Zweck offen-baren; ein solcher ist aber nicht wohl einzusehen, folglichsind derlei Spukgeschichten mit Recht in das Bereich derFabeln zu verweisen I Wie steht es nun in der Wirk-lichkeit mit diesem Einwände?
„Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vomLiebsten, was man hat, muß scheiden", singt wehmuts-voll der deutsche Dichter, und das Wort „Tod" über-zeugt uns hinlänglich von der bittern Wahrheit diesesAusspruches. Wenn das „Scheiden wehe thut" jenen,die an ein fröhliches Wiedersehen über kurz oder langin lichten Himmelsräumen glauben, wenn selbst diese sichglücklich schätzen, dem sterbenden Freunde, den scheidendenAngehörigen zum letzten Abschied die welke Hand zudrücken, um wie viel mehr werden jene Unglücklichen,die an ein besseres Jenseits über den Sternen nicht mehrglauben, sich sehnen, dem „enteilenden Genossen" froherTage noch ein kurzes Lebewohl zu bieten, ehe er un-wiederbringlich zurücksinkt in das trostlose Nichts? Wersich zur Devise: „Macht euch das Leben angenehm undschön, es gibt kein Aufersteh'n, kein Wiederseht" bekennt,mag den Zweck dieser „Geistergeschichten" darin suchen,daß sich zwei Menschen, durch zärtliche Bande des Blutesoder des Geistes verbunden, vor dem so bittern Scheidenauf immer und ewig in dieser Weise den letzten Scheide-gruß, das letzte Liebespfand weihen. Diesen Zweck scheintauch jene protestantische Dame einzig und allein verfolgt
zu haben, wie ihre Worte: „Es ist Zeit, daß ich vondem Pater Abschied nehme!" vermuthen lassen.
Sicherlich ist es ein schöner und durchaus edlerGedanke, welcher dieser Zweckbestimmung zu Grundeliegt, aber sollte sich kein erhabenerer Endzweck derTodesanmeldungen finden lassen? Für den gläubigenChristen winkt über den Sternen frohe Hoffnung aufein Wiederseht, für ihn bricht aber auch beim Scheidenjene Nacht herein, wo er nicht mehr wirken, nicht mehran seines Schöpfers Güte appelliren kann. Hierin suchtdie katholische Theologie für ihre Zweckbestimmung einenStützpunkt. Nach der tröstlichen Lehre der Kirche reichtdie Liebe der Hinterbliebenen bis zum Throne des ge-rechten Richters und kann dort durch Gebet und guteWerke anderer Art kräftig die zagende Seele unter-stützen. Es dürfte sich hiemit der Zweck der Todes-anmeldungen ohne Schwierigkeit also bestimmen lassen:„Wird lieben Verwandten oder trauten Freunden durcheine „Anmeldung" Kunde von dem Hinscheiden einernahestehenden Person, so soll ihnen dadurch nach demWillen Gottes Gelegenheit und Antrieb geboten werden,möglichst schnell der verstorbenen Person zu Hilfe zueilen." Ganz diesen Zweck offenbart jene Todesanmeldungim Leben des hl. Aloysius. Läßt sich wohl hierin nichteine entsprechende Ursache zum thätigen Eingreifen derEngelwelt mit Gottes Zulassung, ja selbst zur Entfaltungder Wundermacht Gottes in etwas wenigstens denkenund finden? Wie Gott aber auf verschiedene Weise ähn-liche Zwecke verfolgt durch außerordentliche Begebenheiten,dürfte unschwer aus folgendem, höchst merkwürdigem Vor-falle zu erkennen sein. Ein zwar betagter, aber an Geistund Körper völlig rüstiger Pfarrer der protestantischenReligion hatte einst, wie schon öfters, einen jüngerenCollegen zu Tische geladen. Um seine Ansicht in einertheologischen Streitfrage, über welche sie sprachen, zu be-gründen, ging besagter Pfarrer in seine Bibliothek, einBuch zu holen. Wer beschreibt aber sein Erstaunen, daer beim Eintritt bereits sich selbst dort sitzen steht? DieGestalt schien eifrig in einem Buche zu lesen; beherzttritt der Geistliche an sie heran, blickt über deren Schulterin das vorliegende Buch und findet, daß die Erscheinungmit ihrem Finger auf jene Stelle des Propheten Jsaiasdeutet, wo es heißt: „Bestelle dein Haus; denn du mußtsterben!" Erschüttert kehrt der Greis zurück und erzähltdie sonderbare Begebenheit, welcher der Freund natürlichjede weitere Bedeutung abspricht. — Wenige Tage späterschied der Pfarrer wirklich aus dem Leben. Wird esreiner Zufall gewesen sein, daß jene Gestalt eben aufdiese Stelle hinwies? Kann Gott auf diese Weise zuaußerordentlichen Zwecken das sogenannte zweite Gesichtbenützen, warum sollten dann nicht auch die TodeS -anmeldnngen einem ähnlichen, erhabenen Zwecke dienenkönnen?
Daß bei einer solchen durchaus ungezwungenenTheorie an ein thätiges Eingreifen der höllischen Mächtenicht wohl zu denken ist, dürfte leicht begreiflich sein.Sicherlich steht es in Gottes Macht, auch die bösenGeister guten Zwecken dienstbar zu machen; ja in ein-zelnen wenigen Fällen, wo die Todesanmeldungen inäußerst schreckenerregender Weise eintraten, dürfte sogareher an diabolische Wirksamkeit zu glauben sein, als andas Walten der guten Engelwelt. So wissen wir z. B.,daß mitunter ungerathenen Kindern, frivolen Sünden-genossen der Tod der bisher vergebens warnenden Elternu. s. w. in erschütternder Weise angezeigt wurde, um