Ausgabe 
(19.7.1894) 29
 
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jenen Unseligen so eine letzte eindringliche Warnung zu-kommen zu lassen. In solchen Fällen werden aber sicherdie Mächte des Abgrundes nicht aus eigenem Willens-entschluß selbst mit Zulassung Gottes so handeln, sondernwiderwillig den höheren Absichten des Herrn sich beugenmüssen. Ihr Wirken wäre dann zusammentreffend mitdem der guten Engel. Freien, ungezwungenen Einflußder satanischen Geister ohne jedweden Zweck können wiraber nimmermehr annehmen, da der böse Feind zwar einverworfener, aber immerhin höchst vernünftiger Geist ist,der sicherlich ohne höheren Befehl die Menschen nicht zurEinkehr in sich selbst und zur Umkehr vom Wege desVerderbens, überhaupt zu guten Werken antreiben wird.Auch wird Gott niemals zugeben, daß die verstoßenenEngel die Menschen durch derlei Einflüsse in eitlenSchrecken nach Belieben versetzen dürfen. Gegen einesolche Annahme empört sich des Christen Glaube anGottes hehre Majestät und väterliche Güte.

Schließlich sei noch erwähnt, daß es thörichter Aber-glaube ist, wenn manche Leute an der Ansicht festhalten,die Todesanmeldungen seien ein untrügliches Vorzeicheneines baldigen Unglückes oder eines neuerlichen Todes-falles in der Familie; hin und wieder mögen solche Er-eignisse zufälliger Weise zusammentreffen.

Unser Streifzug in das Nachtgebiet der Natur wärenunmehr zum Endziele gelangt. Möge er dazu beige-tragen haben, aus den Herzen der geneigten Leser eitleAngst und abergläubische Furcht vor solchenSpuk-geschichten" zu verbannen und in ihrer Seele den Glaubenan eine übersinnliche, übernatürliche Welt auf's neue zubeleben und zu stärken. Gegebenen Falles forsche manzuerst gründlich nach einer natürlichen Ursache; gebrichtes an einer solchen, so mag mau sich für einen Erklärungs-versuch, je nach dem Bedürfniß des Herzens, entscheiden.Stets aber wird beruhigend und ermnthigend auf desMenschen Inneres wirken das treffliche Wort desDichters Utz:

Die stille Tugend liebt den prächtigen Gedanken:

Gott ist und Gott wird sein, wenn alle Welten wanken!"

Von Jerusalem nach Beyrath.

Von Dr. Seb. Enringer.

(Schluß.)

Nach einem langweiligen Ritte längs der Ostseitedes Karmel, aber eine Stunde östlich davon, der nurdurch einige Prachtexemplare von Steineichen interessantwurde, kam ich nach Akka.

Der Golf von Akka ist nicht groß, aber hübsch, andem westlichen Ende desselben ist das Kap Karmel undHaifa (Kaifa), am östlichen Ende die Stadt Akka, welchenach der dortigen Niederlassung der Johanniter St.-Jeand'Acre hieß und heißt.

Die Mauern und einige Häuser sind alt und zumTheil pittoresk; aber im allgemeinen ist wenig erhalten,was über die Krenzzüge hinaufreichen könnte; aber dadie Häuser und ganze Straßen aus Steinen von Askalon's und Cäsarea's Ruinen erbaut sind, findet man sich oftmitten im Mittelalter, obwohl die Häuser selbst neu sind.

Der Pfingstsonntag traf meinen Dragoman etwasbesser, und wir kamen bis Jskanderium. Ich hatte dort,wie noch zweimal, Gelegenheit, die Sonne in's Meertauchen zu sehen.

Am nächsten Tage schaute ich mir die Maulbeer-baumgärten (Seidenwürmer) von Ras el Sin und die 4

alten Wasserbassins an, welche einst das 1 Stunde ent-fernte Tyrus mit Wasser zu versorgen hatten. Um dennöthigen Hochdruck zu erlangen, hat man die 4 Quellengefaßt, so daß sie in die Höhe fließen müssen. Alanhat die Quellen einzeln mit viele Meter hohem, festem,cementirtem Mauerwerk umgeben, so daß die immer fort-fließende Quelle diesen Cylinder füllen muß; es wirddadurch allmählig eine Wassersäule gewonnen, welche inihrer Oberfläche mehrere Bieter höher als die darunterliegende Quelle ist und daher genügenden Hochdruckgibt. Von da nach Dar Kanun, wo einige rohe Figurenin den Felsen gemeißelt sind, dann zum Kaba hinan.Es ist dieses ein Grab, das aus einem Sockel ausriesigen Felsblöcken und einem rohen, aber gewaltigenSarkophage besteht; das ganze Monument ist ca. 10 mhoch und phönizisch.

Ich kam mit untergehender Sonne nach Kana, woeinige die Stelle der Hochzeit von Kana suchen wollen,während die Tradition und selbst die der Bewohner vonKana, wie ich mich überzeugte, dieselbe nach Kefr Kanaverlegen. Da ich mein Zelt bei Tyrus nicht mehr er-reichen konnte, nahm ick bei einer griechisch-katholischenFamilie Nachtquartier. Da man wußte, daß ich Priesterbin, wurde ich auf's freundlichste empfangen, die er-wachsenen Söhne des Hauses und die Weiber küßtenmir die Hand und legten dann dieselbe an die Stirne,wie es in Syrien Sitte ist, einen Priester zu bewill-kommnen. Ich konnte vor Müdigkeit nichts essen undbezog bald meinen Schlafraum. Das ganze Haus be-steht in Galiläa bei Wohlhabenden aus zwei Theilen:1. aus dem Stall, 2. der Wohnung; bei Armen istalles beisammen. Dieser Wohnraum ist eine hohe, ge-räumige Halle, deren Dach durch zwei Bogen getragenwird. Unter Tags wird darin gearbeitet, gegessen rc.,am Abend werden die Matratzen auf dem Boden aus-gebreitet, und der Vater und seine erwachsenen Söhnenebst resp. Frauen und Kindern schlafen alle in dem-selben Zimmer, es steht aus wie ein Feldlazareth. Esgab in dem Raume eine kleine Empore, wie eine Musik-bühne, eine Leiter führt hinauf; dort wurde ich auf denBoden gebettet; konnte aber wegen Härte des BodenSund der Schnaken wegen nicht schlafen. Unten schliefenund schnarchten der Hausvater und die Hausmutter, 4 er-wachsene Söhne und 1 Weib, 3 Kinder und meinDragoman.

Nächsten Tages ritt ich nach Tyrus , wo in derNähe der Stätte eines alten Tempels mein Zelt war.Zuerst wurde das Schlafen nachgeholt, dann die altenTrümmer von Tyrus besichtigt; darunter die Ruineneiner Kirche, in welcher der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa begraben liegt.

Tyrus war einst mit Sidon die Haupthandelsstadtder Welt. Von diesem Lande (Phonizien) aus ging dieCultur nach Griechenland und ganz Europa , und dieSchrift, deren wir uns bedienen, wurde dort erfunden,ebenso das Glas und der Purpur; die Schifffahrt wurdevon den Phöniziern begonnen und ausgebildet. Es istein Landstrich, nicht breit und nur wenige Tagreisenlang: von Jaffa bis Beyruth; aber von ihm aus gingdie alte Cultur, und aus denselben Orten segelten dieBoten der neuen Cultur des Christenthums ab, als dieZeit dazu gekommen war.

In der Nähe von Tyrus sind interessante Höhlenund Grotten und Kreidefelsen, welche denen von BethSchiba gleichen. Man hält sie für Grabmäler, was ich