Ausgabe 
(19.7.1894) 29
 
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nicht glauben kann; dazu ist gar kein Anzeichen, da undsie wären nicht recht ausreichend.

Am Abend kam ich nach Sarepta. Auf dem Wegedahin sah ich einige interessante Höhlen, Gräber undSarkophage. Das alte Sarepta lag am Meere, und dasHaus der Wittwe ist jetzt ein mnhammedanisches Bethaus;die neue Stadt liegt auf dem Hügel. Andern Tagesritt ich hinauf, um mir mit Mühe einen modernen Krugzur Erinnerung an das Krüglein der Wittwe von Sareptazu kaufen.

Der Abend brachte mich nach Saida , der Schwester-stadt von Tyrus, dem alten Sidon . In der Stadt istnicht viel los, der französische Chor, die Mauern undBrücken zur Insel stammen aus dem Mittelalter. Aberaußerhalb der Stadt liegt die Grotte Ablun, wo maneinen schönen Sarg mit Inschrift des Königs Eschmienazar(5. Jahrh, vor Christus) gefunden hat. Ich habe ihn inParis im Louvre gesehen. Hier sind eine Menge Gängemit Sarkophagen und Grabnischen, Spuren von Ma-lerei rc. Die Todtenstadt dehnte sich weit aus, istaber fast alles wieder zugeschüttet. Ich kroch lange indiesen Löchern, Kammern und Zimmern umher; diemeisten stehen mit einander in Verbindung.

Auf einem Berge ist jetzt die Wallfahrt zu U. l.Frau von der schönen Aussicht (Mautara), eine Marien-kapelle in einer Grotte, die dem Dienste der GöttinAstarte geweiht war. Ich suchte noch die Gräberstadtim Nordosten auf. Sie wird von einem türkischen Sol-daten bewacht, damit man nichts stiehlt.

Am Abend war ich in Mulaka und am nächsten Tagendlich, 20 Tage nach der Abreise von Jerusalem , in derganz europäischen Stadt Beyruth, am Fuße des schnee-bedeckten Libanon.

Von Grenoble nach der Grande Chartrense.

Von H. Eid.

Es war gegen Ende des Monats August. DerHimmel zeigte schon seit langem ein ungetrübtes Antlitz,und infolge dessen war die Hitze fast bis zur Unaus-stehlichkeit gestiegen. In der Frühe des Morgens ver-ließ ich mit einem mir befreundeten Herrn, einem ge-borenen Grenoblois, die liebliche Alpenhauptstadt an denUfern der Jsöre. Die Eisenbahn brachte uns in kurzerZeit nach dem Städtchen Voiron , wo wir ausstiegen, umvon hier aus theils zu Wagen, theils zu Fuß den durchsGebirge führenden Weg zurückzulegen. Die Fahrt vonGrenoble nach Voiron bot mir wenig Interessantes, daich diese Strecke vorher schon theilweise durchwanderthatte. Ueppige Weingärten und blühende Fluren be-kränzen hier den Fluß, und grotesk aufgethürmte, nackteFelswände schauen von beiden Seiten, bald nähertretend,bald weit zurückweichend, in die steingraue Fluth. AmBahnhof zu Voiron standen schon zwei Wagen bereit, dieTouristen nach der Grande Chartreuse aufzunehmen. Diebeiden Kutscher stritten sich förmlich um unsere Kundschaft,und derjenige, der nach kurzem Wortwechsel den Siegdavongetragen hatte, schaute dann den andern mit einemBlicke voll unsagbarer Ueberlegenheit und Verachtung an.Wir fuhren also allein in dem großen, bequem gepolstertenWagen bis zu dem großen Marktplatz der Stadt, der vorder schönen gothischen Kirche zum hl. Bruno gelegen ist.Voiron mit seinen 12,000 Bewohnern, seinen behäbigaussehenden Häusern und seiner breiten, luftigen, mitschönen Platanen bepflanzten Hauptstraße macht einen

recht angenehmen Eindruck und erinnerte mich lebhaft anSpeyer mit feinem platanenbepflanzten Domgarten. Ander Haltestelle unseres Wagens fanden sich bald nochmehrere Reisende ein, darunter einige Geistliche und zweiDamen aus der Gegend von Lyon. Nun ging es munterbergan, bis wir die Stadt im Rücken hatten.

Welch wundervolles Panorama lag da vor uns aus-gebreitet! Hinter uns die Stadt, eingebettet in einenHain von Mandel- und Kastanicnbäumen, in einen Kranzblühender Gärten, aus deren Mitte da und dort einprächtiges Landhaus aufragte; und das alles umwundenvon der in der Morgensonne blitzenden Jsöre; und weit,weit in der Ferne Grenoble und die Häupter des Hoch-gebirges in bläulichem Schimmer. Aber das groß-artige Bild verschwand, sobald wir um die nächste Biegungdes Weges gekommen waren. Es ist ein ziemlich einge-engtes Thälchen, durch welches sich nun die Landstraßesanft hinaufwindet. Die Firste der Schneebcrge zur rechtenHand sind völlig verdeckt; ein frischgrünes Eichenwäldchenauf der einen und ein kleiner Hügel, von einem weit insLand hinansschauenden Kreuze und einer Wallfahrtskirchebekrönt, auf der andern Seite lassen uns fast vergessen,daß wir der Einsamkeit des Alpenklosters zustreben. DieUnterhaltung in unserm gutbesetzten Wagen beginnt jetztlebhafter zu werden. Offenbar machen die beiden ältlichenDamen heute zum ersten Male diese Reise, und sie sprechenmehr mit Blicken und Gesten als mit Worten über alles,was ihnen als neu in die Augen füllt. Ihre ganzeHaltung verräth, daß sie mit der gespanntesten Erwartungdem Ziel ihrer Reise entgegensehen. Für die Erklärungenund Aufschlüsse, die ihnen mein freundlicher Begleiter be-reitwilligst und eigentlich unaufgefordert ertheilt, habensie wieder nur stumme Blicke freudigen Dankes. Es ge-hörten jene beiden Damen gewiß nicht zu jenen Mit-reisenden, die sich uns durch ihre Bekanntschaft mit derGegend oder auch durch die Gabe freundlicher Unter-haltung nützlich machen können, aber sie waren mirimmerhin in ihrer kindlich unbefangenen, stillen Freudeviel lieber, als jene Vielgereisten, die kalt und unnahbarin ihrer Ecke sitzen, so, als ob sie sagen wollten: Dasalles kann mich nicht rühren schon tausendmalSchöneres gesehen! Jener Neulingszustand der beidenFrauen offenbarte sich auch in der Art und Weise, wiesie mich, der ich größtentheils in deutscher Sprache mitmeinem Freunde mich unterhielt, betrachteten. Ich glaubenun freilich, daß es sich selten ereignet, daß Deutsche indieser Gegend Sommerausflüge machen; ich wenigstenshabe während meines sechswöchigen Aufenthaltes dortselbstauf allen meinen Fahrten durch die Dauphins zu meinemgroßen Leidwesen keinen einzigen Landsmann getroffen.So mag denn auch unsern Nachbarinnen meine Spracheseltsam genug geklungen haben.

Die Gegend wurde nach und nach recht einförmig.Kleine Eichenbestände und schmale Wiesenründer be-grenzten den Weg. Tiefe Ruhe herrschte ringsum, nurhie und da sah man ein einsames Bauerngehöfte odereine weidende Schafheerde. Der Morgenthau hing ingroßen, hellen Tropfen auf den Gräsern, und die Luftwurde merklich kühler. Getreidefelder und Obstbäumeverschwanden allmählig ganz und machten einem weitenWiesenplane Platz, der sich als Hochebene zwischenniedrigen Nandbergen ausbreitet. Aus diesem grünenPlateau liegt das Städtchen St.-Laurent du Pont, wowir beide den Wagen verließen, um den Ortspfarrer,einen guten Bekannten meines Freundes, zu besuchen.