Ausgabe 
(19.7.1894) 29
 
Einzelbild herunterladen

231

Unsere Voiture mit den übrigen Insassen fuhr indessenlustig von bannen, der großen Karthause entgegen.

Die Mittagsonne lag jetzt brütend auf der weitenHochfläche, und die nackten Felsen am Saume der Ebenein ihrem leuchtenden Weiß scheinen förmlich zu glühen.Unser Weg zum Pfarrhof führte durch den größten Theildes unbedeutenden Städtchens, das sich in nichts vonseinen Schwestergemeinden in dieser Gegend unterscheidet.Eine einzige, ziemlich breite, aber nur zum Theil ge-pflasterte Straße mit einem hübschen Monumentalbrunnenaus Stein, aus dem das klarste Bergwasser in mächtigenStrömen hervorspringt, wie denn überhaupt die ganzeUmgebung mit Wasser auf's reichlichste versorgt ist; dieHäuser niedlich und sauber, hübsch grün angestrichen, dieHausthüre meist aus Glas und mit weißen Gardinenbehängen; eine ganze Reihe von Cafes und Depots deTabac: das ist St.-Laurent du Pont.

Wo der Pfarrhof liegt, braucht der Fremde kaumzu erfragen. Eine herrliche gothische Kirche mit zweiauffallenderweise stumpfen Thürmen, aus Mitteln desnahen Klosters erst vor kurzem erbaut, läßt den Ortleicht errathen. Abseits von der Straße, mitten in einemweitläufigen Garten, gerade hinter der neuen Kirche, stehtdas Pfarrhaus, das uns für kurze Zeit beherbergen sollte.Kaum hatten wir die Gartenthüre hinter uns geschlossen,als auch schon der Pfarrherr, der lesend unter einemBaume gesessen war, uns lächelnd entgegen kam. Einestattliche Erscheinung von milden, gewinnenden Gesichts-zügen, mit schon fast ergrautem Haare und einer ange-nehm weichtöuenden Stimme, so stand der Geistliche voruns, das Bild eines würdigen Priesters und Hirten.»Vons Ztes 1'rrini äs wou nini, ob e'est: xonr^noimou arni aussi" (Sie sind der Freund meines Freundes,und deßhalb auch der meine), redete er mich freundlichan, indem er mich auf's herzlichste bewillkommnete undumarmte. Wie angenehm mich ein solcher Empfang be-rührte, läßt sich leicht denken. Wie oft sucht man dochbei uns glauben zu machen, es gehöre ein Aufenthaltin Frankreich nicht gerade zu den Annehmlichkeiten! Ichkann indessen nur versichern, daß ich hier allenthalbenmit großer Liebenswürdigkeit und oft sogar mit freund-schaftlicher Wärme aufgenommen wurde.

Unser freundlicher Gastgeber wußte denn auch garnicht, was er mir alles zur Erfrischung anbieten sollte:Wein, Kaffee, Liqueur, Absinth und andere Dinge! Ichzog, um mich nur schnell zu entscheiden, ein GläschenLiqueur vor. Nachdem wir uns eine Weile unterhaltenhatten, begab ich mich in den Garten hinaus, um imSchatten eines der zahlreichen Bäume einen angenehmenSitz und womöglich auch größere Kühle zu finden, denndie Hitze war unterdessen auf's höchste gestiegen. DieserPfarrgarten mag wohl für die ganze Gegend typisch sein,denn seine Anlage erschien mir durchaus eigenartig. Vorder Front des Hauses breiten sich schöne Rasenflächenaus, von zahlreichen Wegen durchschnitten und mit großenHolunder- und Lindenbäumen und allerlei Gesträuchenbepflanzt. An der Umfassungsmauer gewahrte ich einigeGemüsebeete und hie und da sogar Zierkräuter undBlumen. Aber das Klima in dieser Höhenlage scheintzarteren Pflanzen nicht besonders zuträglich zu sein, dadie Morgen- und Abendzeit trotz des heißesten Nachmit-tags meist recht kühl, ja sogar rauh ist. Indeß ziehtman an geschützten Stellen früh reifendes Obst, wiePflaumen und Pfirsiche, die denn auch stets auf dersommerlichen Tafel erscheinen. Der hinter dem Hause

liegende Theil des Gartens ist eigentlich nur ein Klee-feld, und man gewinnt von dem Ganzen den Eindruckder Halbcultur, des behaglich Breiten und Ungezwungenen.

Der Tag verging mir in dieser Umgebung auf dieangenehmste Weise. Im Laufe des Nachmittags geselltesich uns ein Pfarrer aus der Umgegend zu, der uns,als er nach kurzer Zeit sich verabschiedete, auf's herz-lichste einlud, ihn bei unsrer Rückkehr von der GrandChartreuse zu besuchen. Mit diesem Herrn besichtigtenwir das neue Hospital, ebenfalls eine Gründung desKarthäuferklosters.

Nicht weit von demselben erhebt sich über demStädtchen St.-Laurent ein niedriger Vorhügel, der,ganz in das grüne Festgewand des Sommers gekleidet,auf seiner Höhe ein Ktrchlein trägt, das gar zierlich undunmuthig hinunterschaut in diese Landschaft voll wilder,seltsamer Schönheit. Ein hübsch gepflegter Pfad führtim Zickzack da hinauf. Das kleine Plateau ist mit Grasund Blumen bestanden und scheint ein beliebter Spazier-gang für alle zu sein, die zu größeren Ausflügen keineZeit oder Lust haben. Drunten liegt das Städtchen,von seiner domartigen Kirche und dem alles überragen-den Bau des Hospitales beherrscht. Jetzt gewahren wirauch den Bergstrom, der mit seinen glitzernden Welleneben erst aus der finsteren Schlucht des Gebirges her-vorgetreten ist und nun in weiten Bogen durch diegrüne Hochebene eilt. Ueber wohlbebaute Felder gelangenwir an einem reichen Landsitze vorbei an den Friedhof,ebenfalls hoch über St.-Laurent gelegen. Wie angenehmberührt uns hier die Sorgfalt, womit die Angehörigendie stillen Wohnungen der Todten geschmückt haben! Daist kein Grab verödet; überall ein Denkstein oder eineinfaches Kreuz auf den blumenüberwucherten Hügeln.

(Fortsetzung folgt.)

Recensionen und Notizell.

Griebenow Herm., Perlen griechischer Dichtung ins Deutscheübertragen. 8°. XIII-j-122 S. In Orig.-Pr.-Bd.m. Goldschn. M. 4,00. Leipzig , Th. Knaur, 1893.k. Dieselbe Verlagsbuchhandlung, der wir die herrliche Ver-deutschung der poetischen Frithjoss-Sage durch Fr. Ohncsorgeverdanken, bietet uns unter obigem Titel eine Auswahl griechischerLyrik in einer Weise verdeutscht, die den Meister der Sprachein jeder Zeile erkennen läßt; wahrlich, diese Leistung der Ueber-setzungskunst läßt uns ganz vergessen, daß die Gedichte mehrals zweitausend Jahre vor uns entstanden sind; wir meinen,sie seien deutsch erdacht, so lebendig und frisch sprechen sie unSan, und dennoch sind es wirklich Originaltreue Uebertraguugen,nicht freie Nachbildungen mit Aenderungen, Lücken und Zu-thaten, die, wie in vielen anderen Anthologien, die Urform oftbis zur Unkenntlichkeit verzerren. Ein besonderes Verdienst istes, daß wir das Original sofort in bequemster Weise zum Ver-gleich herbeiholen können, indem der Verfasser die Quellen(kostas Ixr. Ar.. LergL; LmtdoloAla Ar. kalat.. llaeobs.181317; üpiArammutuw antbol.kalat..vübnsr. 186472)bei jedem einzelnen Liedchen ganz gewissenhaft angibt; auch be-lehrt unS ein Anhang mit kurzen Nachrichten über Zeit undSchicksale der angeführten Dichter. Unter denPerlen" findenwir 29 überWein und Lebenslust" voll jugendlicher Muth-willigkeit, dann 25 über das alte ThemaLiebe", nicht besserund nicht schlechter, als was unsere deutschenchristlichen"Liebesverschmachtungswinseldichterseclen verbrochen haben, ferner43 Lieder überZeit und Leben", worin in der That manchesGoldkorn ernster Lebensweisheit; nun folgen noch 16 Skolien,34 Sprüche und 16 Scherz- und Spottgedichte, worunter wirmanch attisches Salzkörnlein bewundern. Die Ausstattung zeigtvon feinstem Geschmacke und macht das Büchlein zur Zierdejeden Salontisches; nicht bloß die Decke ist mit zartem Blumen-muster geschmückt, sondern auch der Text hat in Bordüren undTitelverzierungen reichlichen, reizend gezeichneten Blüthenschmuck.Möge das Büchlein beitragen, Viele mit den herrlichen Erzeug-nissen griechischer Lyrik bekannt zu machen, die tausendmal die