Nl-. 30.
26. Juli 1894.
Die Schenkung Constantins in Dahn 'scherNornanbclenchtnng.
(Vertrag, gehalten im katholischen Vercinshauszu Spcyer.)
Philosoph'scher Roman, du Gliedcrmami, der so geduldigStill hält, wenn die Natur gegen den Schneider sich wehrt,
L*r Nicht allein „wer lügt, muß ein gutes Gedächt-niß haben", sondern auch wer dichtet und Romane schreibt,— und nicht bloß ein gutes Gedächtniß, sondern auchnoch andere gute Gaben mehr, wie z. B. Logik, einen ge-sunden Sinn für das Physisch, psychologisch und moralischMögliche und dergleichen, damit man von dem Werke desDichters doch wenigstens sagen kann: „wenn'- nicht wahrist, so ist es gut erfunden."
Eine Dichtung, von der man dieses nun aber nichtsagen kann, ist der neueste Roman von FelixDahn : „Julian der Abtrünnige". Auf diesenRoman paßt vielmehr ganz das obige Lenion Schillers .Das Dahn 'sche Machwerk ist gerade wie ein schlecht ge»schnittenes Kleid, das hier widerwärtig spannt und dorthäßliche Falten schlügt. Der Dichter hat eben nicht nachMaßgabe der geschichtlichen Wahrheit gearbeitet, sonderner hat nach der künstlich von ihm zusammengcposseltenund zugerenkten Gliederpuppe seiner historisch-philosoph-ischen Idee geschneidert.
Diese Idee des nationalliberalcn Univcrsitätspro-fessors, eingekleidet in die Gestalt eines altfränkischenKönigssohncs mit dem germanisch-ägyptischen Zwitter-Namen Merovech-Serapio, ist eigentlich der Helddes Romanes. Der fabelhafte Prinz Merovech-Serapioist die Personification des deutschen Chauvinismus, wieer als Caricatur des Patriotismus im Kopf einesculturkümpferischen Universitätsprofessors sich ausgebildethat. Merovech sollte darum auch dem Romane seinenNamen geben, und nicht der historische Kaiser Julian derAbtrünnige. Als Motto würde sich die Phrase empfehlen:„Mein Volk ist mir alles", womit Julian sich von Mero-vcch gewaltig imponiren läßt, weil er nicht weiß, aufwie schöne Manier die Merovcch'schen Volksfreunde esverstehen, die Lasten des Volkes vor den Wahlen mitdem Munde auf ihre breiten Schultern zu nehmen, umaber hintennach in der That durch ihre Steuerplänc undsogenannten Finanzreformen diese Lasten dem Volke umso gewisser aufzuladen.
Nun hat der Jesuitenpater Kreiten diesen Merovech-Serapio-Noman in dem 3. und 4. Heft der „Stimmenaus Marta-Laach" bereits nach den oben angedeutetenRichtungen einer angemessenen Kritik unterzogen; aberwer ist im Stande, an einem Pfuschwerke all' die Un-gereimtheiten in gehöriges Licht zu stellen, ohne auf diedrei Bände Roman wieder drei Bände Kritik zu setzen!Darum sei es erlaubt, einen von dem rühmlichst bekanntenKritiker blos gestreiften Punkt etwas kräftiger zu be-rühren. Es ist die berüchtigte äouatio 6ou-stuvtini, die angebliche Schenkung des Kaises Con-stantin an den päpstlichen Stuhl, eine von den Lieblings-Nosinanten des edeln Ritters Felix Dahn in seinen er-bitterten Kämpfen gegen Rom.
Zu den geschichtlich gerade nicht leicht erklärbarenVorgängen gehört die Umwandlung des christlich erzogenenPrinzen Julian in einen heftigen Feind und Verfolgerdes Christenthums. Statt nun aber sich an die histor-
ischen Umstände zn halten und so die Lücken der Ge-schichtsforschung auszufüllen durch geschichtliche Poesie,hat Felix Dahn auch dieses Mal vorgezogen, seinenSchriftstcllernamen, wie schon bei seinem früheren „Kampfum Rom ", wiederum auf der Erfinderliste prangen zulassen.
Er zeigt uns den Prinzen Julian in ein Kloster inKleinasien gesteckt, gegen das ein modernes Gefängniß alsein Lustschloß erscheint. Der sonst mit allen Wasserngewaschene Abt Konon, ein alter Jurist, hat ihm dazueinen Beichtvater und Wächter beigegeben, der seinem „gott-seligen" Obern in Allem noch weit „über ist". Lysias ,so heißt er mit seinem Klosternamen, ist eine Specialitätvon reinster Dahn 'scher Dichtung und Erfindung. Diese„allzu romanhafte Romanfigur", wie sogar die Münchener„Allgemeine Zeitung " (Beil. 237) den Mentor Juliansnennt, ist ein Mönch bloß zum Scheine. In Wirklich-keit ist er ein ägyptischer Götzenpriester, und sogar einGötzenpriesterkönig, der, die Wachsamkeit des ale-xandrinischen Erzbischofes Athanasins wie des AbtesKonon täuschend, sich in den christlichen Priester- undMönchsstand eingeschmuggelt hat. Während Ptolcmäus,so heißt er als heidnischer Priesterkönig, in Aegypten einen Palast mit einer Prinzessin-Tochter darin hat, weißer im fernen Kloster bei dem Abte und auch bei demHofe sich solches Ansehen zu erschwindeln, daß er alssorgsamer Papa schon darauf hinarbeiten kann, seinenZögling mit der Hand seiner Tochter zu beglücken undihn dadurch zum künftigen Priesterkaiser zu weihen. Diewiderspruchsvolle Existenz dieses „ägyptischen Wunder-mannes", wie die „Allg. Ztg." ihn bezeichnet, ist weiträthselhafter als die Abtrünnigkeit Julians, die durchseinen so schlecht erfundenen Einfluß erklärt werden soll.
Zwei Hauptgeniestrciche, von denen einer wunder-samer als der andere, werden nämlich von diesem Schein-mönche ausgeführt, um den Prinzen von der Unwahrheitdes Christenthumes zu überzeugen und ihn für seineägyptisch-heidnische „Kirchenpolitik" zurechtzumachen. Inder Pfingstnacht weckt er seinen Zögling, schleicht mitihm weit vor die Stadt hinaus zu einer verfallenenWasserleitung, hebt dort eine Marmorplatte und läßtJulian durch eine Ritze des Mauerwerkes in ein unter-irdisches Gewölbe blicken, wo die Mönche unter Vorsitzdes Abtes Konon, der sich den Tag über mit „Messelesen, Beicht hören, Predigt halten, Psallircn, Umzügeführen, Pilger empfangen, ihre Wünsche und Fragenanhören und beantworten" doch bereits tüchtig abstra-pazirt hatte, noch eine derartige Orgie auf-führen, daß Julian vor Schauder ohnmächtig zu-sammenstürzt.
Der zweite Geniestreich des Dahn 'schen Zwitter-geschöpfes aus Mönch und Götzenpriester ist eine Reisemit Julian nach Rom, wohin der Abt Konon un-begreiflicher Weise den bei ihm, dem alten „Juristen ",eigentlich doch als Staatsgefangener eingesperrten Prinzenfortläßt. Zwei Monate nach jener Pfingstnacht spazierenalso beide durch die Straßen der ewigen Stadt. „Wo-hin gehen wir?" fragt Julian seinen Führer. — „ZumHeiligen Vater. Komm hier hinab, diese Stufen."— Natürlich geht es auch da wieder in das Unter-irdische.
„Und so demüthig ist er, fährt Julian fort, so fernvon jedem weltlichen Gedanken, des Imperators treuester