Unterthan. — Wo sind wir?" — „Auf dem Esqutlin,in der Krypta, der neu vom Papste errichteten Basilika.
. . . Hierher hat er mich beschicken. Und einen im Ur-kuudenwesen, in Nechtsschriften gewandten Gehilfen sollteich mitbringen. Du hast, unterwiesen vom Abt, demehemaligen Juristen, die Verträge des Klostersverfaßt, viele Jahre lang." (Der junge Prinz!) Aberdaß du der Vetter bist des Imperators, das verschweigesorgfältig!" — „Weßhalb dies Geheimniß?" — „Mansoll nichts erfahren von unserem Verkehr." Der als sovertraut mit Konon geschilderte Papst soll also von demPrinzen Julian nichts wissen! „Eine schmale Pfortethut sich auf: siehe, Licht schimmert uns entgegen; folgemir, tritt ein."
Alsbald rauscht der dunkelbraune Vorhang, Theater-vorhang sollte es heißen, denn ganz wie auf demTheater steht vor ihnen, angethan mit reichem, goldge-sticktem Vischofsoruate, der Papst Liberius . Beide fallenauf das Knie. „Erhebet Euch, meine Söhne, undempfanget meinen Segen." Für dieses neue Segens--ceremonicll mit Erhebung, sowie für seine andern genialenLeistungen auf dem Gebiete des Ceremonienwesens ver-dient Felix Dahn unstreitig den Titel und Rang einesCeremomcurathcs beim „Sohn der Sonne und Bruderdes Mondes" im bekannten „Reich der Mitte".
In jenem widerlich salbungsvollen Pathos, in demder „Pfarrer ein Komödiant" ist, läßt hierauf Dahn seinen Papst fortfahren: „In Demuth danke ich meinemehrwürdigen Bruder, dem Abt Konon , daß er meinemWunsche gemäß, gerade Dich o Presbyter Lysias , zurAusrichtung eines Geschäftes gesandt hat, das der armenMagd Ehristi, seiner heiligen Kirche, unter dem Segendes Höchsten zum Heil ausschlagen soll."
In demselben abgeschmackten muckerischen Prädi-cantentone, der niemals von einem Papste angeschlagenworden ist, muß alsdann Liberius in goldgesticktemBischofsoruat, den kein vernünftiger Mensch an solchemOrt, zu solcher Zeit und Gelegenheit anzieht, vor denbeiden Fremden sein ganzes kircheupolitisches Programmoffenherzig und geschwätzig auskramen, wobei natürlichall die Ungeheuerlichkeiten zum Vorschein kommen müssen,die von den Culturkämpfern als päpstliche Politik aus-gegeben werden. Als Hiebei Lysias und Julian einigeBemerkungen wagen, werden sie natürlich angeherrscht,und Papst Liberius ergeht sich in einfältigen Klagenüber die widerspenstige Vernunft, die er nach Luthers Vorbild und Wort als „Buhle des Satans" bezeichnet,über das Nömerreich, über den Staat im allgemeinen,der im Angesichts der Kirche nichtberechtigt und nichtigsei. Staat, Vaterland, Heldenthnm, Eigenthum, Straf-recht, Nichterthum n. s. w., all das sind, wenn man denFelix Dahn 'schen Papst hört, Ausgeburten der durch denSündknfall verdunkelten Vernunft, der „Buhle des Sa-tans". . . . „Möge der Staat, läßt Dahn seinen Papstausrufen, bald mit dem Teufel zugleich inFlammen aufgehen!" . . . Das ist ja der aller-liebste anarchistische Dyuamitard, dieser Papst Liberius aus dem vierten Jahrhundert, der nicht blos ü 1a Luther mit dem Teufel, sondern wie ein Navachol u. Genossenmit Bomben und Granaten um sich zu werfen imStande wäre.
„Einstweilen aber, solange die Kirche auf Erdenden als ein Uebel von Gott einstweilen noch geduldetenStaat neben sich ertragen muß, muß wenigstens derAnfang geschaffen werden zu einer Welt- !
ltchen Herrschaft der Kirche, die erste Stufe mußgelegt werden zu einem stolzen Bau, auf dessen Spitzeder römische Bischof dereinst auch die weltliche Gewaltüben wird auf der ganzen Erde."
.... „Aber noch kann ich meine Ansprüche nichtbeweisen. Und um den Beweis zu beschaffen, deßhalbhab' ich die Schärfe deines im Urkundenwesen und imweltlichen Recht vielbewanderten Geistes berufen. Dergottselige Abt Konon hat dich mir auf das wärmste em-pfohlen. Und deßhalb hab' ich auch diesen noch Un-reifen zugelassen auf deinen brieflichen Wunsch. Durühmtest, er sei geschickt im Schreibwerk und mit derSprache der Rechtsurkunden im Kloster wohl vertrautgemacht worden — wohlan, hier mag der Anfängerseine Erfllingsleisiung schaffen im Dienste der Kirche." ...
Nachdem nun Dahn seinen Papst durch diese zeit-raubenden Präambeln sich gehörig hat ausplaudern und vorJulian blosstellen lassen, bringt er ihn endlich auf dieSache. „Wohlan, sprich es aus, sagt Lysias , was sollich, was soll der Jüngling für dich thun?" — „EineUrkunde schreiben." — „Gern! Welcher Art?"
— „Eine Schenkungsurkunde. In aller FormRechtens, hört Ihr? Ihr werdet eine Urkunde aufsetzen,in welcher der Imperator zum Dank für die wunderbareHeilung von dem Aussatz meinem Vorgänger, dem wunder-thätigen St. Sylvester, und dem römischen Stuhle fürewige Zeiten zu eigen schenkt die Stadt Rom und dasWeichbild von Rom im Umfang von so und so vielMiliarien (das werd' ich noch nachtragen!) mit allenHerrschafisrechtcn, wie sie jetzt der Augustus ausübt."
„Abschreiben meinst du wohl, Heiliger Vater!"entgegneie Lysias. „Schwerfälliger, ruft dieser aus,wozu abschreiben? Verfassen sollst du die Schenkung."Mit Recht ist der Dahn 'fche Papst ungeduldig über denso weit als heutzutage von den Gegenfüßlern herbestelltenMönch, der nichts begreifen zu wollen scheint, währender doch nach allem Vorausgegangenen den Zweck seinerso außerordentlichen Berufung wissen mußte.
„Der Imperator trug sich, ich weiß es, fährt derDahn 'fche Papst weiter, mit ähnlichen Gedanken. DerTod Konstantins kam der Erfüllung zuvor. Ergänzenwir, was der Imperator wollte, wollen sollte, wollenmußte — zum Heil seiner Seele und der Kirche. Ihrverfaßt den Nechtsinhalt der Schenkung. Seine Unter-schrift, .... die werde ich besorgen: ich kann siemachen, nachmachen, . . . . so gut wie er selbst."
— „Was ist die deutsch Sprak für ein plump Sprak",würde der französische Falschspieler in der „Minna vonBarnhelm" ausrufen.
Wie vor zwei Monaten in dem kleinasiatischenAuerbachs Keller beim Anblicke des Bacchanals jenerDahn 'schen Mönche, so fällt Julian auch in dem päpst-lichen Kellergewölbe in Ohnmacht beim Anhören derstaatsverbrecherischen Sprache des Dahn 'schen Papstes.Ein Wunder auch, wenn dem Prinzen bei den Dahn 'schenAbgeschmacktheiten im Munde eines Papstes nicht übelund bei den plumpen Erfindungen nicht grün und gelbvor den Augen geworden wäre. Kann Liberius dieHand Konstantins so gut nachmachen, so ist es kaum zuglauben, daß er in der Neichshauptstadt Rom nichtHelfershelfer auch zu den andern Fälschungen gehabthätte und einen so weit hergeholten Fremden mit einem„Knaben, Unreifen und Anfänger" für eine solche wichtige„Erstlingsarbeit" zu benützen brauchte.