Ausgabe 
(26.7.1894) 30
 
Einzelbild herunterladen

sehen werden, daß auch unsere Zeit für spätere Genera-tionen ein Stück Tradition darstellt, und das; auch diealte Kunst zu ihrer Zeit neu war. So wie die Verhält-nisse sich thatsächlich gestaltet haben, nmß der Künstlerbei einer nicht bestellten (was regelmäßig der Fall ist),sondern für Ausstellungen bestimmten Arbeit die technischeSeite betonen, weil ihm Erfahrung und Gefühl sagen,hier werde mehr nach seinem äußeren Können gefragt;würde er dabei mit der inneren Wahrheit und dem, wasdas Wesen des Kunstwerkes ausmacht, in Widerspruchgerathen, so wäre seine Schöpfung bei allen sonstigenVorzügen gewiß unvollkommen. Doch müssen geradesolche Erscheinungen im Kunstleben für alle Freundehoher Kunst eine Aufforderung bilden, dem christlichenKünstler seine schwierige Stellung erleichtern zu helfen.

Wir thun aber das Gegentheil und zeigen von ge-ringer Kenntniß der Verhältnisse, wenn wir in über-hasteter Kritik auch das vorhandene Gute wegleugnenund wenn wir zurückstoßen, wo wir anziehen, zerstreuen,wo wir sammeln sollten. In unseren Tagen ist die Be-herrschung der Kunstmittel eine unerläßliche Vorbedingungfür Jeden, der es wagen will, an die schmierigsten underhabensten Aufgaben heranzutreten. Deßhalb verdienenneu entstandene Arbeiten, welche dem religiösen Jdeen-kreisc entnommen sind, nur dann den Namen religiöserKunstwerke", wenn sie die genannte Bedingung erfüllen.Wir wollen verhüten, daß die Darstellung des Heiligenmitleidigem Lächeln ausgesetzt werde und daß man unsum unsererchristlichen Kunst" willen als minder ge-bildet bezeichne. Und heutzutage können wir mit umsogrößerer Entschiedenheit die künstlerische Fertigkeit betonen,als unumstößlich feststeht, daß wer die hierauf bezüglichenAnforderungen nicht erfüllt, noch weniger die Fähigkeitbesitzt, der zweiten, ungleich schwierigeren Anforderungzu genügen, nämlich seinem Gebilde den rechten Geisteinzuflößen.

Höchst bedauerlich wäre die Ansicht, der Bestellereines kirchlichen Bildwerkes wende sich am besten aneinenKünstler zweiten Ranges", da ein solcher willigerauf die Ideen des Bestellers eingehe; für eine zu recht-fertigende Einflußnahme des Auftraggebers wird viel-mehr gerade der tüchtigste Künstler im Interesse seinesWerkes am dankbarsten sein. Fern bleibe aber der Ver-such, unsere Künstler zu Handlangern zu degradiren, siemüssen uns vielmehr als Mitarbeiter im Weinberge desHerrn gelten, ähnlich wie die Männer der Wissenschaft,nicht sklavisch, sondern in freier Liebe zur Religionschaffend. Möge es nicht dauernd vorkommen, daß siebei den Gegnern der Kirche mehr Ehre und Unterstützungfinden, als in unseren Kreisen! So sehr wir die Tra-dition in der Darstellung besonders der hauptsächlichstenThatsachen der Religion hochhalten und ein gewaltsamesBrechen mit ihr verwerfen, so wenig möchten wir dieKünstler aller Zeiten von selbständigem Denken undEmpfinden dispensiren. Die Beobachtung der kirchlichenBestimmungen, wo dieselben überhaupt in Betrachtkommen, halten wir für selbstverständlich.

Die äußeren Hilfsmittel der Darstellung vermögenniemals den Geist zu ersetzen, können aber auch nichtdurch ihn zureichend ersetzt werden. Allerdings ist derungleich wichtigere Theil der seelische Inhalt. Darausergeben sich für den Künstler und Kunstfreund etlichenicht immer genügend beherzigte Wahrheiten. Diese sind:daß man sich nicht an eine bestimmte frühere oder mo-derne Schule anklammere und dadurch für alles andere

erblinde; daß man in der unablässig sich vollziehendenAenderung der Techniken nicht ohne weiters einen Rück-schritt oder Fortschritt erblicke; daß man nicht in Loboder Tadel an der äußeren Form haften bleibe, sondernden Künstler innerlich auf sich einwirken lasse durch dieschöne Seele, die sich in schöner Form offenbaren muß.Die Sprache der Schönheit aber ist so reich an Aus-drucksweisen, daß jeder echte Künstler, sobald er sich vonder nöthigen Akademieschulung losgemacht hat, seinenWerken mehr oder minder auch ein individuelles Ge-präge aufdrücken und auch hierin mit wohlthuender Ori-ginalität auf den Beschauer wirken wird, ohne nach einerOriginalität der Einseitigkeit haschen zu müssen.

Von einer nicht auf positiv christlichem Bodenstehenden Seite wurde die Frage aufgeworfen, ob dieGesellschaft wohl mehr der Kunst oder dem Christenthumdienen wolle. Aus dem Namen, welchen die Gesellschaftträgt, aus der ersten Jahresmappe und aus obigen Be-merkungen geht zur Genüge hervor, daß beides keineTrennung zuläßt. Leider wollen auch Gutmeinende einenGegensatz zwischen Kunst und kirchlicher Darstellung con-struiren; diese leisten dabei dem Ansehen der Kunst undder Kirche gleich beklagcnswerthe Dienste. Wem solltendie Schwächen einiger Künstler entgehen s Aber der An-sicht vermögen wir nicht zu huldigen, als ob hier rück-sichtsloses Aufdecken und Bemängeln Heil bringe; wirwollen nämlich heilen, ohne unnöthig zu schmerzen, wowir verbessern können, möchten wir nicht vernichten.Oftmals ist die eigene Einseitigkeit Ursache der schroffenBeurtheilung Anderer.

Nach diesen Darlegungen dürften alle Gönner derchristlichen Kunst den Juroren Dank wissen, daß sie mitUeberwindung, großer Schwierigkeiten die erste Publi-kation zu einer würdigen Kundgebung christlichen Kunst-geistes gestaltet haben. Die Zusammensetzung der Jurybot von vornherein hinlängliche Bürgschaft für ein gutesGelingen. Dankbarste Anerkennung gebührt auch denin der Mappe vertretenen Künstlern, welche sämmtlich dieVeröffentlichung ihrer Werke ohne Entgelt gestatteten;ferner jenen VerlagSfirmen, welche uns die Reproduktionder bei ihnen verlegten Kunstblätter ermöglichten.

Ermuthigend und für das christliche Kunstlebensegensreich waren die Tage der 40. Generalversammlungder Katholiken Deutschlands in Würzburg , wo auch dieGesellschaft am 29. August eine Generalversammlungabhielt. Es zeigte sich hier nicht allein bei jenen Kunst-freunden, welche die Macht der Kunst bereits in ihrempraktischen Wirken schätzen gelernt, sondern auch bei derjüngeren Generation das regste Interesse für unsereSache. Die Generalversammlung selbst nahm einen un-erwartet günstigen Verlauf; insbesondere wurde die Rededes I. Präsidenten, welcher die bedeutungsvolle Aufgabeder Gesellschaft vom Standpunkte der Kunst und dessocialen Lebens beleuchtete, mit Begeisterung aufgenom-men. Statutengemäß nahm die Generalversammlungauch die Wahl der Vorstandschaft für das Jahr 1894vor, und zwar wurden zum Zeichen des Dankes für ihrebisherige Thätigkeit die 6 durch das Loos ausscheidendenMitglieder neuerdings gewählt.

Hiernach besteht der Vorstand des Jahres1894 (alphabetisch geordnet) aus den Herren: Dr. GeorgFreiherr von Hertling, Neichsrath, Universitätsprofessor(München ), I. Präsident. Heinrich Graf Adelmann vonAdelmannsfelden, fürstlich hohenzollern'scher Hofkammer-präsident (Sigmaringen). I>r. Jos. Bach, Universitäts -