Ausgabe 
(2.8.1894) 31
 
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Plätzchen im ganzen Hause zu sein, auf das sie gernvoll weltverachtender Sehnsucht Hinblicken: betrachten siedoch den Sterbetag eines Mitbrnders als einen großenFreudentag, an welchem sie sich sogar im allgemeinenSpeisefaal versammeln.

Nicht weit von hier befand sich die Zelle des zuletztverstorbenen Bruders, die wir in dem Zustande, wie sieverlassen wurde, besichtigen durften. Neben der Thürebemerkt man in der Wand eine mit einem hölzernenSchieber verschlossene Ocffnung, durch welche die Speisengereicht werden. Das Innere der Zelle gliedert sichin drei von einander getrennte Räume. Der vor-dere, die eigentliche Wohnung, enthält außer einigenunansehnlichen Heiligenbildern nur einen Tisch. Dasdaran sich anschließende, sehr enge Gemach zeigt ein ineine horizontale Oeffnung der Wand eingelassenes Bett,d. h. eigentlich einen Strohsack, durch einen Vorhangverdeckt. Zur Seite in einer Nische steht ein aus rohemHolze kunstlos gezimmerter Betschemel, ein Schreibtischleinvon gleicher Arbeit und eine kleine Büchersammlung. Vonhier führt :ine hölzerne Stiege nach unten in einenhalbdunklen, kcllerartigen Raum. Hobelspäne lagen daumher, verschiedene Hölzer lehnten an der Wand undharrten ihrer Verarbeitung, und eine Art Hobelbank,ein Schleifstein u. f. w. redeten als stumme Zeugen vonder in körperlicher Arbeit zugebrachten Mußczeit des Ver-storbenen. Die einzige, offenstehende Thür, die zugleichdem Lichte Einlaß gewährt, führt von da ,'n ein mauer-umfriedigtes Gärtchen, mit Blumen und Kräutern spärlichbewachsen und von Kieswegen strahlenartig durchschnitten.An der Mauer aber erhebt sich als Abschluß des Ganzenein hohes, weißes Kreuz.

Nach beendigtem Nundgang wurden uns die Nacht-quartiere angewiesen. Bei der Anwesenheit so vielerFremden, es waren deren etwa ZO, ging die Vertheilungder Zimmer nicht sehr rasch von Statten. Endlich wurdemir Nummer 10 zugetheilt, und so war ich denn für dieseNacht geborgen. Ein kleines, aber hohes Gemach miteichener Balkendecke und einem schmalen, der großen Ka-pelle zugewandten, vergitterten Fenster; ein reinliches,aber ärmlich aussehendes Bett, .'in Stuhl, ein Tischleinmit dem Waschbecken und ein Betschemel mit darüber-hängendem Kruzifixe: so war das Schlafzimmer beschaffen.Es hielt mich nicht lange in dieser düsteren Zelle.Mich dürstete .räch der freien Natur, und wir befandenuns denn auch bald aus dem Wege zur nahegelegenenAnhöhe.

Die Sonne brannte noch immer außerordentlichheiß auf den steil ansteigenden, von hartem Trümmer-gestein ganz übersäten Waldweg. Doch je weiter wir inden dichten Forst eindrangen, desto kühler wurde die Luftund desto ebener und weicher der Pfad. Hie und dabegegnete uns ein elegant gekleideter Herr, der von obenherabkam und die Sehenswürdigkeiten der Umgegend be-reits in Augenschein genommen hatte. Auch eine kleineSchaar Chartreuser Klosterbruder ging, von einem ihrerseltenen Spaziergänge heimkehrend, an uns vorüber.Zwei und zwei schritten sie dahin, leise mit einanderredend und uns, die wir grüßten, nur die oberflächlichsteBeachtung schenkend. Wir waren noch nicht lange ge-gangen, als wir an der Stelle standen, wo einst, es warim Jahre 1084, St. Bruno das erste Kloster erbaute.Da man indessen hier gar häufig von den Schneestürzendes in der Nähe sich aufthürmenden Grand Lom belästigtwurde, so sah man sich gezwungen, das Gebäude zu ver»

legen. Zum Andenken an diese älteste Gründung abererrichtete man eine Kapelle: Rotrs vams äs Lasalidus.Durch günstigen Zufall waren wir in den Besitz deSSchlüssels zu diesem Heiligthume gelangt, und so konnte.!wir ungestört hier eintreten, um die kunstreich geschnitztenBänke, den reichen Altar und die sonstigen Kostbarkeitenzu bewundern. Nicht weit von hier erhebt sich auf einemFelsen die Kapelle St. Bruno. Ueber eine Steintreppegelangt man zur Thüre dieses Gebäudes, das, von untengesehen, einen gar seltsamen Eindruck macht. Das Innereist ein wahres Schmuckkästchen. Von den Wänden schauendie Freskobilder der Genossen des Ordensstisters her-nieder auf den mit schönen Fliesen mosaikartig eingelegtenBoden, die massiven Eichenstühle mit kunstvollenSchnitzereienund den aus weißem Marmor erbauten Altar, der überjener ehrwürdigen Stelle sich erhebt, wo St. Bruno seinerstes Opfer dargebracht. Der natürliche Felsen, der demHeiligen als Altar gedient haben soll, ragt unter demnunmehrigen Opfertische herauf, und man kann ihn, durchdie in kunstvoller Steinmetzenarbeit prachtvoll durchbrochenenSeitenwände des Altares reichend, mit der Hand berühren.Kleine Fensterchen im Rnndbogenstile erhellen das DunkeldeS Kirchleins, die Bäume des Waldes blicken träumerischherein, und die Sonne malt mit zitterndem Strahle allerleiflüchtige Goldstreifen an die bildergefchmückten Wände. DieNatur hat alle ihre stillen Reize um diesen erhabenenOrt ausgebreitet: Zwischen mächtigen Steinblöcken windensich die starken Wurzeln der Tannen und Buchen hindurch,üppige Farne und goldgelbe Blumen flüstern und schwankenim Luftzuge, und eine Quelle ergießt ihren silbernenReichthum in ein steinernes, grünbemoostes Becken.

Die Sonne neigte sich bereits zum Untergänge, alswir die das Kloster unmittelbar umgebende Bergwiesewieder erreichten. Ein schmaler Pfad führt über den mitAlpenblumen durchwirkten Rasen zu einer Anhöhe hinauf,von wo aus man den ganzen weitläufigen Gebäudecomplexübersehen kann. Was wir da vor uns sehen, ist das erstim Jahre 1676 aus den Ruinen der im Laufe der Zeitmehrmals durch Feuer zerstörten ersten Gründung ncu-erbaute Kloster. Das Ganze erscheint wie eine Festung,ja auf der uns zugewandten Seite erheben sich aus derUmfassungsmauer einige Thürme, deren Zweck mir indessennicht bekannt geworden ist. Jetzt wird's allmählig dämmerig,der Wald kleidet sich in das Schattengewand des Abends,und vom Kloster herauf ertönt ein Glöcklein zum Gebete.Nur droben, wo der Grand Lom seinen rauhen Felsen-rücken in die blaue Sommerluft erhebt, spielen die letztenSonnenstrahlen in röthlichem, ungewissem Lichte. Wirsteigen zu Thals, und die Klosterpforte wird hinter unsgeschlossen.

Zum Abendimbiß gab es Suppe, Rühreier, ein Ge-müse aus gestampften Kartoffeln und einen Nachtisch.Die Zubereitung aller dieser Speisen läßt in Bezug aufAppetitlichkeit und Wohlgeschmack nichts zu wünschen übrig.Das Häuflein fremder Gäste war um diese Zeit beträcht-lich zusammengeschmolzen; man begab sich jetzt in denVorhof, um die Annehmlichkeit des Sommerabends zugenießen. Die Luft hatte sich abgekühlt, zahllose Sternefunkelten am Himmel, und der Mond goß über die stilleBerglandschaft einen zauberhaften Schein. Die nacktenGipfel des Grand Lom, hinter denen das Nachtgestirnsich erhob, warfen ihre Niesenschatten bis herunter aufdie Dächer der Klostergebäude und schienen bei der sanftenBeleuchtung so nahe, daß man sie mit den Händen greifen! zu können wähnte. Ehe ich zur Ruhe ging, bat ich