den Aufwärter, mich um Mitternacht zu wecken; es ist !nämlich unter den Besuchern der Grande Chartreuse Sitte,dem nächtlichen Gottesdienst der Mönche beizuwohnen, umdann den Grand Lom zu besteigen und den Sonnen-aufgang zu bewundern. Mir erschien indeß diese Berg-tour etwas gewagt, umsomehr, als der Mond nach Mitter-nacht unterging und ich fürchten mußte, den Dialekt desFührers, denn ein solcher ist unentbehrlich, nicht zu ver-stehen. wie ich hierin schon bei einer andern Gelegenheitbittere Erfahrungen machte. Trotz der ermüdenden Wander-ungen des Tages fand ich keine gute Nachtruhe. Das Bettbot statt der Kissen nur ein einziges, Walzenrundes, hartesKopfpolster, von dem ich in der empfindlichsten Weise be-ständig herabsank oder zur Seite siel, so daß von Schlafenanfangs keine Rede sein konnte. Endlich um 12 Uhrpochte es heftig an meiner Thüre. Nonsieur, «n vslövs! (Aufstehen I) rief eine muntere Stimme, und nacheinigen Augenblicken stand ich schon in dem großenCorridore, der znr Kapelle führt. Mich schauderte einwenig vor Kälte, und indem ich mir den erst halb be-gonnenen Schlaf aus den Augen wischte, folgte ich denüber die Steinfliesen huschenden Gestalten der übrigenschlafverstörten Kirchengänger. Die große Kapelle (Inoirnxölls äo8 pörss), ein in schönen Verhältnissen auf-geführter gothischer Bau mit reicher, innerer Ausstattung,läßt sich sowohl vom Erdgeschoß als auch vom erstenStockwerk aus erreichen. Durch eine Thüre gelangt manaus letzterem auf die Empore, und es hatte sich hierselbst,als ich eintrat, bereits der größte Theil der Fremden,meist Geistliche, eingefnnden. Mit dem Glockenschlage 12erscheinen die Mönche im Chöre der Kapelle, und zwarin der Ordnung, daß je 2 auf beiden Seiten des Altaresgleichzeitig eintraten. Die grauweißen Kapuzen über denKopf gezogen und lautlosen Schrittes dahinwandelnd,schienen die düsteren Gestalten im matten Schimmer deran den Wänden des Langschiffes brennenden Kerzen wieGeister daherzuschweben. An ihren Plätzen, die sich längsder Wände hinziehen, angekommen, ließen sie sich aufeinige Augenblicke in eine, wie mir schien, hockende, nachvornüber gebeugte Stellung nieder — dann hoben sieplötzlich und mit lauter Stimme an, das „Darm irraäjutorium" zu singen, und schauerlich ergreifend hallteder Gesang durch die Stille der Nacht. Ich hörte denGottesdienst nicht ganz zu Ende, sondern zog mich nacheiner halben Stunde auf mein Zimmer zurück.
Ich fühlte mich wirklich erleichtert, als endlich derjunge Tag durch mein Gitterfensterchen guckte, und erhobmich ungesäumt beim ersten Morgengrauen vom hartenLager. Gegen 8 Uhr nahm man das Frühstück ein,das in seiner Art einzig sein dürfte. Wir aßen nämlichzuerst eine gute Brodsuppe, dann Käse, gedörrte Zwetschgenund Aepfel; dazu trank man Nothwein und zuletzt einGläschen Chartreuser. Unterdeß hatte es zu regnen an-gefangen, und mein Freund dachte daran, noch einenweiteren Tag im Kloster zu verweilen; ich hatte jedochhiezn nicht die geringste Lust und machte mich eiligstreisefertig. Dabei vergaß ich nicht, mir ein kleines An-sichtenalbum von der Grande Chartreuse, sowie einFläschchen Echten mitzunehmen. Dergleichen hübsche An-denken bekommt man bei einem Bruder zu kaufen.
(Schluß folgt.)
I Literarisches.
Die Natur des thierischen Lebens und Lebens-prinzips. Ein apologetisches Wort gegen den moder-nen Anthropomorphismus, von Matthias Kohl-tz ofer, Pfarrer in Arnsing. Keuchten bei Köscl 1894.Preis 4 M, 400 Seiten.
brv. Der gewandte Verfasser dieser Schrift will nicht bloßdas dunkle Gebiet ver Thicrpsycbologie aufhellen, sondern zugleichauf dem Boden der Wissenschaft die modernen Lehren, welchedie Grenzlinien zwischen dem Thierreich nnd dem Menschen ver-schieben und das Thier zu nahe an den Menschen heranrücken,entschieden zurückweisen. Znr Lösung dieser schwierigen Auf-gab- verfügt er über reiche Litcraturkcnntniß und sichere klarePrincipien. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts zurück-greifend, nimmt der Autor zugleich Bezug aus die neuern Werkevon Scheitlin, Wundt , Gustav Carns, Altum, Max Perty,Paul Bert rc. rc. und namentlich auch auf das große „Thicrleben"von Brchm. Von lctzterm sagt er: „Unkritische Anekdotcn-klauberei nebst gehässigen Ausfällen auf die Kirche und ihrenDogmenglauben verunstalten das im klebrigen sehr verdienstvolleWerk." — Der reiche Stoff ist in zwei Hauptabtheilungcn gegliedert,wovon die erste (S, 1 bis 267) das thierische Leben und LebenS -princip in seinem An sich sein, die andere (S. 269 biS 400)in seinen Relationen behandelt. Diese schließt mit einer sehreingehenden scharfen Kritik der modernen Thicrschntz-Bestreb-nngen. — Als Merkmale der Geistigkeit bezeichnet der VerfasserBewußtheit, Vernünstigkett und Freiheit; dann Innerlichkeit,Einfachheit und Sclbstsländigkeit im Sein und in der Bestimm-ung. 'Als Merkmale der Materialität stellt er auf die Sinn-fälligkeit und Acußcrlichkeit, die Zusammensetzung und Forma-bilität, die Determination durch das Naturgesetz und Abhängig-keit von andern gcschvpflichen Wesen und die Pluralität. Zwi-schen dem niedern Genus der Formbildungs-Erscheinungen unddem bewußten Sein ist nach ihm ein ungeheurer Abstand;ebenso zwischen Empfinde» und Erkennen an sich und dembewußten Empfinden und Erkennen; ersteres kommt auchdem Thiere zu, letzteres nur dem Menschen. Die Trichotomie, d. h.die Annahme eines neutralen Zwischcnwcscns zwischen Geistund Materie beim Menschen, nennt der Autor eine „cxistcnz-unfähige Ungeheuerlichkeit". Die eine (geistige) Seele bringtaußer ihren höher» Funktionen auch niedere Wirkungen hervor.Sie vcgetirt den Leib durch absolut innere, spezifisch geistigeAkte. So sehr die vegetativen und sensitiven Lebenserscheinnngenbei Mensch und Tbier einander ähnlich erscheinen, so haben siedock ganz verschiedene Ursachen; beim Menschen ist eS diegeistige Seele, beim Thier das dem Stoff inhärirendeüberphhsikalische LcbcnSprincip, Auf Grund solcher Principienbespricht der Autor die thierische Vegetation, welche den Bauund die Erhaltung der Organismen erzielt, Hiebei steigt er vomNiedern zum Höher» auf, indem er der Reihe nach die Zoo-phyten, Weichthicre, Glieder- und Wirbelthicre vorführt. Diesehr eingehende Behandlung der thierischen Sensation kommtzu dem Ergebniß, daß die zum thierischen Leib organisirte Materieim Bunde mit psychischen Lebenskräften zu sensitiven Aktenbefähigt wird, welche dem vegetativen Leben dienen und nichtaufhören, materiell zu sein. Ueber die thierische Vernünftig-keit, Moralität und Idealität (Aesthetik) ist gesagt, daß dieselbenlediglich objektiven Charakter haben und von subjektiver Be-thätigung keine Spur sich zeige. Daher sagt der Autor amSchlüsse dieser Ausführungen: „Das Thier ist absolutund gänzlich jeder Geistigkeit bar. Anathema den ganzenund halben Anthropomorphistcn! — Die zweite Haupt-abtheilnng fixirt das thierische LcbcnSprincip in seinem Ver-hältniß zu den physikalischen Erscheinungen und Kräften undnennt es eine überphysische, vitale oder psychische Kraft dcSKörpers und bestimmt zugleich das Thier in seiner Stellungim Universum und zum Menschen. Von den Thierschutzbestreb-ungcn sagt der Verfasser: „So wie sie sind, schaden sie mehrals sie nützen. Wenn sie nicht in andere Bahnen einlenken,sind sie nicht der Unterstützung würdig. Unterstützung werdensie nur dann verdienen, wenn sie auf eine korrekte Unterlagegestellt werden". Diese Gedanken führt der Autor weiter aus,wobei er unter der „korrekten Unterlage" die von ihm entwickeltenPrincipen versteht. Wie man sieht, liegt die Stärke dieses geist-reichen Buckes in der auf eingehendem Studium beruhendenprincipiellen Richtigstellung der Grenzlinie zwischen Mensch undThier. Die Lektüre ist ebenso interessant als lehrreich, dasgewandte Werk verdient die weiteste Verbreitung.