Ausgabe 
(9.8.1894) 32
 
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ausgeschmückte Erzählung des Lhoner Bischofs zu er-klären, deren festen Kern lediglich die Namen der dreiOffiziere Mauricius, Exupcrius und Candidus bilden.Gewiß eine kühne Behauchung, für die wir strikte Be-weise fordern dürfen. Betrachten wir aber seine Argu-mente näher, so ergibt sich, datz dieselben durchaus nichtszwingendes haben. Dies hinderte jedoch nicht, daßStolle's Sckrift von Fachgelehrten beifällig aufgenommenwurde?) Wir sehen uns daher genöthigt, auf seineBeweisführung im einzelnen einzugehen, da längeresSchweigen einer Zustimmung gleichkäme und unsere Be-merkungen vielleicht dazu dienen, den jugendlichen Kritikerfür die Zukunft zu größerer Vorsicht bei der Beurtheilungder überlieferten Marlyrcrakten zu bestimmen.

I.

Stolle geht bei seiner negativen Kritik davon aus(S. 47 f.), daß Euchertus seine Passto nur auf Grundmündlicher Mittheilungen verfaßt habe. Dies könnte vonuns zugegeben werden, ohne daß wir deßhalb dieselbenFolgerungen, wie er, zu ziehen brauchten. Denn es istklar, daß auch eine bloß mündliche Tradition, wenn sie,wie im vorliegenden Falle, durch zuverlässige Zeugen,wie Bischof Jsaak von Genf, verbürgt ist, vom Geschichts-forscher nicht ohne weiteres außer Acht gelassen werdendarf. Ganz abgesehen davon aber schließen die Worteder Epistel an Silvius, auf welche sich Stolle als Beweisfür seine Annahme beruft: ^Versdar snim, ris xsrinsuriani turn A'Ioriosi Zssta mart^rii all siominuiurnsiuoria, tsmxus abolsrst", keineswegs die Möglichkeitaus, daß bereits vor Eucherius eine schriftliche Thebäer-passion vorhanden war (s. A. 6), sondern sie lassen auchdie Erklärung zu, daß eine voreucherianische Passtoexistirte, aber nur in einem engeren Kreise bekannt war.Auch in diesem Falle nämlich hatte Eucher Grund zurBefürchtung, daß die Thaten der thcbäischen Märtyrer

tote 8iäunis looo ^Annno« wobt nickt mehr, alsin Gallien ,im Gau (der) Seduni, im Orte Agauuum", nickt aber, wieStolle a. a, O. A. 2 iuterpretirt:im Bisthum Sitten". Eskann mitbin nickt daraus geschlossen werden, daß dieselben einspaterer Zusatz seien. Ebenso irrig ist die Behauptung Stolle'sS. 23, daß unsere Handschriften deS Hicronymianum nicht über800 binaufrcichen, denn nicht nur der aus Metz stammendeooä. Borneiisis 289, sondern auch coä. Laris. 10837, der einEcktcrnachcr Mariyrologium und Kalcndar (letzteres nnt derberühmten Randbemerkung von der Hand des hl. Willibrordaus dem Jahre 728) enthält (s. Neues Archiv f. ä. d. G. IIS. 291 f.), und die Wolfenbüttler Handschrift 23 (aus Weissen-burg i. E.) sind ohne Zweifel nock im 8. Jahrh, entstanden.DucheSne lud. pcwtik. lotroäuotion x. XIVI u. 13 weistnach, daß der uns überlieferte Text der Hieronymiana unterBischof Annarius von Auxerre vor dem Jahre 593 redigiertwurde.

°) S. Neues Archiv XVII S. 223 n. 9 unterzeichnetW(ilbclm) W(attenback):In der Erstlingsschrift deS Dr. FranzStolle: Das^ Martyrium der thebäiscken Legion (Brcslau,Müller und Sciffert 1891) wird in sehr dankcnswerther Weisediese Legende einer klaren und einsichtigen Kritik unterzogenunter Widerlegung der schwächlichen RettungsVcrsu ch e.Ilebcrzcngcnd wird nachgewiesen, daß die fabelhafte Ge-schichte nur zurückgeht aus B. Eucherius von Lhon (um450), der die Namen der drei damals bekannten Marryrcr mitder vergrößernden Tradition von 1'/, Jahrhunderten und ausLactanz und Vegez geschöpften Kenntnissen zu einer Darstellunggeschickt verarbeitet hat, und sie seinem AmtsbruderSilviuS von Vienne übersandte. Hervorzuheben sind die tref-fenden Bemerkungen über die leicht irreführende Be-schaffenheit der stets erweiterten Marthrologien. Beige-geben ist die älteste Redaction der Akta, worin der Verf. o. 6über den Veteran Viktor und Viktor und Ursus für eine Inter-polation hält, nach Ruinart u. die Lasen» 6assii st Llorentii..ob Esreonis aus Mombritius." tznaväogns äorwitat bonusLowerus!

mit der Zeit in Vergessenheit gerathen könnten, und dieseGefahr schien erst dann beseitigt, wenn es ihm gelang,ihre Leidensgeschichte allen Bischöfen Galliens zur Kennt-niß zu bringen und den Cnlt der hl. Märtyrer auch inanderen Diöcesen zu beleben.*") Mithin kann jenesArgument Stolle's nicht als stichhaltig erachtet werden.

Nicht viel besser steht es um seine Behauptung(S. 56 f.), daß Eucherius für seine Legende neben derLokaltradition noch andere Quellen benützt habe. Dennzugestanden auch, daß die Nachricht des Eucherius überdas Ende Maximians aus Lactantius (äs mort. xsr-sssnbvrniQ 29 und 8V) entnommen sei**), so läßt sichdoch nicht bestreiten, daß dieselbe mit dem Inhalt derLegende gar nichts zu schaffen hat, sondern nur zur Be-friedigung der Wißbegierde des Lesers am Schlüsse an-gereiht wurde. Sie kommt daher bei der Beurtheilungdes Werthes der Legende gar nicht in Betracht.

Noch weniger Gewicht können wir den Stellen,welche Stolle S. 58 f. aus VegetiuS sxib. rei ruilibarisanführt, beimeffen, da eine genauere Prüfung derselbenergibt, daß sie mit den Worten Suchers gar keine Aehn-lichkeit haben, sondern diesen zum Theil direkt wider-sprechen.

läd. III, 4 redet VegetiuS von der Art, wie maneinen Tumult im Heere dämpfen müsse, und sagt dabei,es sei besser, nach Weise der Vorfahren nur die Rädels-führer zu packen; Eucher dagegen spricht (cmp. III f.)von der Dezimirung welche offenbar den Unschuldigenebenso wie den Schuldigen trifft und von der Nieder-wetzelung einer ganzen Abtheilung.

läb. III, 21 räth VegetiuS zur Vorsicht bei derVerfolgung des Feindes, weil derselbe in der Verzweiflungdas Aeußerste wage; Eucher dagegen läßt (onx. IV)seine Thebäer sagen, daß sie lieber sterben als todtenwollen.

IUb. II, 5 berichtet VegetiuS, daß die Soldatenseiner Zeit bei Gott und dem Kaiser zu schwören pflegtenund in dem Kaiser gleichsam den sichtbaren und ver-körperten Gott verehrten; Eucher dagegen legt seinenThcbüern die Worte in den Mund (sax. IV), daß siedem Blutbefehl des Kaisers den Gehorsam versagenmüßten, weil sie sonst Gott verläugnen würden, dem siezuerst ihren Eid geschworen hätten.

Demnach beschränkt sich alles, was VegetiuS undEucher mit einander gemein haben, auf den Satz, daßdie Menge für ihre Vergehen meist straflos ausgehe, undselbst dieser Gedanke ist zu trivial, als daß wir annehmenkönnten, daß ihn ein Nhetor wie Eucher einem Militär-schriftsteller zu entlehnen nöthig hatte. Was vollendsdas Vorkommen gewisser militärisch-technischer Ausdrückebei Eucher anlangt, so kann uns dieses schon darumnicht befremden, weil die Thebäer Soldaten waren unddie Märtyrer von den älteren christlichen Autoren (wie

") S. die Worte des uralten Sittencr Breviers (A.. 83.Voll. V, 815): -Lassionem sanstorum Miebasoruw

martzwum 7c§auueusium Llanrieii st soeiorum eins exiseoxoEeusvsnsi transinisit (Tbsoäorus) oowwunioanäaw owutbusoxisvoxis Oalliao, guam üuobsrius eptseopns ImKäunensispro IroKrautia, sui stM owuibus vowwunsm tseit.« Vgl.A. 6 a. E. Wahrscheinlich hat Eucherius diese Passiv durchseinen Sohn Salonius , der schon i. I. 441 als Bischof vonGenf erscheint (s. Mansi VI, 441, Gams a. a. O. S. 277)und wobl als der unmittelbare Nachfolger des Jsaak zu be-trachten ist, erhalten.

") Reminiscenzen aus der Lektüre sind bei einem so viel-belesenen Mann wie Eucherius wahrlich kein Wunder; vgl. nochOros. VII, 28, 8. Lnr. Victor äs 6sssar. 40, sxit. äs vassar.oax. 40, Lutrop. X, 2.