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Zwecke hat, den Frühbarockstil und seine Dekorations-kunst an einem Beispiel zu beleuchten. Möge, wer seineSchritte in jene Gegend lenkt, nicht versäumen, sich dieKirche zn betrachten. Das herrliche Gebirgspanorama,welches sich im Hintergründe erhebt und mit dem Ernstedieses Gotteshauses so trefflich zusammenstimmt, läßt denAufenthalt doppelt lohnend erscheinen. Die Räume desehemaligen Klosters sind jetzt theilweise wieder in denHänden eines Ordens, der Dominikanerinnen, welchedort seit einem Jahre eine Mädchenerziehungsanstalt er-richtet und dieselbe vorzüglich ausgestattet haben, so daßein Besuch des Instituts viel des Interessanten bietetund die besten Eindrücke zurückläßt.
Or. A. Schröder.
Das Martyrium der thebäischen Legion.
Von Dr. Bernhard Sepp.
Die Thebäerlegende ist unstreitig eins der ehr-würdigsten Legenden, die wir kennen. Denn es kannnunmehr als ausgemacht betrachtet werden, daß der vonP. Fr. Chifflet veröffentlichte *) authentische Text derkassio ^.Anunsnsiuni wart^rnm nicht, wie noch Nett-berg behauptete ^), dem sechsten, sondern bereits dem fünftenJahrhundert angehört und von dem (als Kirchenschrift-steller wohlbekannten) Bischof Eucherius von Lyon , dernach Gcnnadius vir. ilt. 63 unter der Regierung derKaiser Valentinian 111. und Marcian zwischen 450 und455 starb, herrührt?) Er zählt mithin zu den Erzeug-nissen der römisch-christlichen Literaturpcriode und istdaher schon wegen seiner Sprache bemerkenswerth. Aberauch seine Bedeutung als geschichtliches Dokument darfnicht gering angeschlagen werden, da er spätestens 150Jahre nach dem Martyrium der Thebäer (unter Diokletian ),d. h. zu einer Zeit, wo die Erinnerung an jenes Ercignißin Agaunum noch recht lebhaft sein mußte, entstanden ist.Zudem steht fest, daß Eucherius einen vortrefflichen Ge-währsmann für seine Erzählung hatte, denn, wie ausseiner Widmungsepistel an Silvius*) (den Autor des
') I?an1inu8 llliwtratns ?. I (Dijon 1662) S. 66 f. auseinem Codex «nee. VII sx. des Klosters St. Clciude im Jura(beute n. 9550 der Pariser Nationalbibliothek). Nuinart (4eta.Llart. Verona 1731 S. 241 f.) benutzte außerdem einen Codexsaeo. VIII des Klosters St. Maur des Fossses, ferner eoä.Lenins 5293, Handschriften aus Rheims (St. Tbierry) n. 1142saeo. XIII, der Sorbonne, von St. Eermain deö Pros, Flenry rc.Vgl. noch coä. karis. 17002 (aus Moissac .), eoä. Lruxell. n.831—834 8a.ee. XIII kol. 141 f. (auö Kloster Marienthal beiLuxemburg), eoä. Lämunt. n. 248 aase. XI u. a. m.
2) K. G. D. I S. 97 A. 13. Ein „jüngerer Eucherius vonLyon " hat niemals existirt. Der in der vita. s. Oaosarii ge-nannte Eucherius ist offenbar dessen Snsfraganbischof vonAvignon (s. .4. 88. Voll. 4ng'. VI S. 73 u. k.; vgl. Gams8. L. S. 503). Ein anderer Eucherius war zur Zeit deszweiten Concils von Orange (529) Bischof von Antikes (s. Gamsa. a. O. S. 554 n. S. 570, Mansi VIII. 718). Ebenso grund-los ist die Behauptung Rettbergs a. a. O. S. 100 f., daß dieMauritiuslegcnde aus dem Orient übertragen sei, s. StolleS. 53 f. Am willkürlichsten bat übrigens Albert Hanek dieganze Frage behandelt, da er die Legende in einer Anmerkungabfertigen will (K. G. D. I. Bd. S. 9 A. 1); s. die treffendeWiderlegung seines „Arguments" bei Stolle S. 73 f.
°) Wenn der Autor der vita. 8. Uomani und Bischof Avitusvon Vicnne von einer schriftlichen Passiv der hl. Märtyrer vonAgaunum sprechen, so haben sie die des Eucherius im Auge,welche auch der von Mabillon zuerst edirten ältesten miaaa8. Llaurieii st aoeiorum viug (s. Stolle S. 106 f.) zuGrunde liegt.
*) Stolle (Exkurs II S. 98 f.) vermuthet in Silvius einenBischof von Vicnne und möchte ihn zwischen Claudius, der andem ersten Concil zu Orange (441) und an der Synode zu
Htcwcu1us?)°) hervorgeht, verdankte er das Material zuseiner Schrift dem Bischof Jsaak von Genf °), der nur60 römische Meilen (d. i. etwa 24 Wegstunden) vonAgaunum , der Stätte des Martyriums (St. Maurice inWallis ), entfernt lebte und seine Nachrichten an Ortund Stelle einzuziehen vermochte. Obendrein macht eSEucherius wahrscheinlich, daß Jsaaks Berichterstatter jenerTheodorus?), Bischof von Octodurum (Martigny, vierStunden von Agaunum, das zur Diöcese Octodurum ge-hörte), war, der (um die Mitte des 4. Jahrhunderts)die Gebeine der ermordeten Thebäer sammelte und überihnen eine Kirche erbaute, die ihrem Andenken geweihtwar. Beherzigen wir, daß zur Zeit des Bischofs Theo-doruS noch Leute leben konnten, die Augenzeugen desMartyriums gewesen waren oder wenigstens von ihrenVütern Mittheilungen über die näheren Umstände jenesEreignisses erhalten hatten, so müssen wir auch aner-kennen, daß die Thebäerlegende gut beglaubigt sei.
Nichtsdestoweniger trägt der neueste Bearbeiter der-selben, Dr. Franz Stolle, in seiner Inauguraldissertation„Das Martyrium der thebäischen Legion", Münster 1891,kein Bedenken, der Passio des Eucherius ebenso wie denvoreucherianischen Zeugnissen und den Angaben der Ka-lendarien und Martyrologien^ ) fast allen Werth abzu-sprechen, und er geht soweit, dieselbe für eine rhetorisch
Vaison (442) theilnahm, und dem bl. MamcrtuS einreihen.Er übersah aber, daß Claudius und MamcrtuS eine und die-selbe Person sind (Bruder des Schriftstellers Claudianus Ma-mertuS f. Geunadiuö vir. III. 83).
°) Bekanntlich hat Polemeus (vcrgl. den Polemius desXpoliiuaria Liäouins) Silvius den 1>a.tsren1u8 einem BischofEucherius gewidmet, der kein andrer als unser Lyoner Bischofsein kann, s. Th. Mommsen 6. 1. I.. I S. 332 f. vgl. vita. g.Uälarii spiee. Vrslat. sag, 11.
°) S. Stolle Anhang S. 101: »Porro ab iäousia ane-toribus rsi ipsins vsritatom gnassivi, ab bis utigus guiatkirmabaut (Laloniuo? f. A. 10) ab epieeopo Osnavsnsi 8auotoIsaas buno gusw rsttnli pasaiouia oräiuem eoZnoviseo, gui,orsäo, rnr5Uiu Iraeo retro a bsatissimo spiseopo Bbsväoro,viro tewporis antsrioris, aeespsrat.« Orsäo heißt bei einemchristlichen Schriftsteller niemals „ich vermuthe", sondern „ich binder festen Ueberzeugung". Aber selbst wenn es sich im vor-liegenden Falle wirklich nur um eine Vermuthung Enckcrshandeln sollte, wie Stolle S. 52 meint, so wären wir nochnicht berechtigt, sie ohne weiteres zu verwerfen, weil sie auchrichtig sein kann. Da nämlich TbeodoruS um den Cult derThebäer sehr eifrig bemüht war, so wird er auch nickt unter-lassen haben, ein Oküoiuw proxrinm dieser hl. Märtyrer an-zufertigen, welches in seinen Lektionen (zur ersten und zweitenNocturn) die Leidensgeschichte derselben behandelte. Von diesemOfficium erhielt gewiß auch Jsaak Kenntniß. Da aber der Ge-brauch desselben wohl auf die Diöcescn Octodurum und Genf beschränkt blieb, so übernahm cS Eucherius, die Passio neu zubearbeiten, damit die Thaten der Thebäer nicht in Vergessen-heit geriethen, s. A. 10.
') Theodorus war im I. 381 auf dem Concil zu AqnilcjLanwesend (s. Mansi III, 599). sein Kirchenbau sällt aber wohlin den Anfang seines Pontificats (um 350). Bemerkenswerthist, daß uns schon im I. 419 ein Bischof von Octodurum desNamens Mauritius begegnet (s. Gams a. a. O. S. 312, derauch eincu Erzbischof Mauritius von Trier zum I. 398 ver-zeichnet S. 318). Vgl. auch die römisch-christliche Grabsckriftdes Knaben Mauritius, welche südlich von Lyon in der Rhone gefunden wurde, bei Le Blaut T. II S. 45 N. 399 Planche 48n. 282 und das interessante Ncliquiar im Schatz von St.Maurice (aus der Mcrowingerzeit) ebenda S. 580 N. 684Planche 91 n. 542. Gregor Tur. bist. seo1e8. X, 31, 19.
°) Da wir noch immer keine kritische Ausgabe des Llar-txrolvAium Ilisrouzuunm besitzen und die Edition de Nossi'Serst in einigen Jahren vollendet sein wird, so war für StolleZurückhaltung im Urtheil über dasselbe geboten und seine These(S. 26) „die Hierouymiana sind, um es kurz zu sagen, diedenkbar schlechtesten Quellen" wäre besser ersetzt durch den Satz„die bisherigen Ausgaben des 11artxrolo§ium UisronFMUm sindungenügend". Uebrigcnö bedeuten die Worte »In Oallia eivt-