Ausgabe 
(9.8.1894) 32
 
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nur vermöge der Dolmeischerkünste meines Freundes thcil-nehmen konnte. Unser Gastgeber merkte bald, daß ichAusländer sei:Sind Sie Engländer oder Deutscher ?"fragte er sichtlich gespannt, nachdem ich ihm meine Aus-länderschaft zugestanden. Da ich mich nun als Deutscherentpuppte, so schien ich dem Manne nicht mehr recht zubehagen. Er sprach mit leidenschaftlichem Eifer von demUnglück von 1870, von den bösen Preußen, zu denen ermich ohne Weiteres auch rechnete, und von dem geraubtenElsaß-Lothringen. Dabei wandte er sich ausschließlich anmich, machte die heftigsten Geberden und that, als wollteer mir in die Augen springen. Zu Worte ließ er michdurchaus nicht kommen, auch habe ich seine Zornesaus-brüche zum größten Theil nicht verstanden. Zuletzt ließer sich doch auf Zureden meines Freundes beruhigen.Indessen schien es mir, als könne ich in seinen Augenkeine Gnade mehr finden; denn als er später meinemGesellschafter in die geleerte Tasse, wie es in der Gegendüblich ist, ein Schnäpschen einschenkte, that er, als sei ichgar nicht da. Nun mag ja das auch aus Versehen ge-schehen sein; allein ich könnte es dem guten Manne nichtsehr verargen, wenn er es absichtlich gethan hätte. Denner war, wie er vorher schon erzählt hatte, lange JahreSoldat in Afrika gewesen, und da mag er sich denn fürdie Ehre seines Vaterlandes etwas stärker erhitzt haben,als es die Gelegenheit oder vielmehr meine unschuldigePerson gerade angezeigt erscheinen ließen. Mir nöthigtedieser kleine Zwischenfall zwar nicht im Augenblicke derAktion, denn diese selbst versetzte mich in eine etwas un-gemüthliche Stimmung, so doch später manches Lächelnab, und noch lange nachher habe ich meinen Freund,der sich gewiß dabei in heikler Lage befand, damit geneckt,da er mir bei jedem passenden Anlaß zu beweisen suchte,wir Deutsche könnten ganz unangefochten bei ihnen weilenund mit ihnen verkehren, was ich auch trotz alldem gewißnicht bestreiten möchte.

Der Regen hatte aufgehört, wir schickten uns zurWeiterreise an. Unser guter Alter machte uns indessennoch auf die seiner Wohnung gegenüberliegende Kapelleaufmerksam. Auf dem Altare derselben steht eine la-teinische Inschrift in gothischen Buchstaben, die nach derBehauptung unseres Führers noch von niemand ent-ziffert worden war. Nach einigem Bemühen war es unsgeglückt, das Räthsel zu entschleiern, worüber der alteSoldat ganz verblüfft dreinschaute, so, als ob wir damitdie Kapelle ihres geheimnißvollsten Reizes beraubt hätten.Mein Freund übersetzte die an sich unbedeutsame In-schrift, die von den Rechten des Klosters auf diesesKirchlein spricht, ins Französische und schrieb sie dannauf einen Zettel nieder, damit sie der Alte hin undwieder lesen möchte. Aber siehe da l Die Kunst des Lesenswar ihm fremd. Das ließ mich nun den unhöflichenEifer des Mannes in einem noch milderen Lichte be-trachten, und wir schieden in Frieden von einander.

Leichten Muthes schritten wir von bannen. Baldhatten wir das auf einer Anhöhe thronende DörfchenSt. Pierre erreicht, dessen Pfarrer uns, wie oben schonerzählt, in St. Laurent eingeladen, bei ihm vorzusprechen.Der geistliche Herr war soeben mit dem Ausschleudernvon Honig beschäftigt und erwies sich in der Folge alsein sehr eifriger und rationeller Bienenzüchter. Dergastfreundliche Pfarrer von St. Pierre schlug bei Tischeinen gar frischen, herzlichen Ton mir gegenüber an.Ihm machte, wie vielen andern Personen, die mir hierbekannt wurden, die Aussprache meines Namens einige

Mühe, die er in launiger Weise dadurch zu umgehenwußte, daß er mich einfach Llr. ^rllsmancl benamste.Ich, der ich hier weltfremd war und nur ganz flüchtigund zufällig die Bekamüschaft dieses Herrn gemacht hatte,wurde als erster und vornehmster Gast behandelt undmit der liebenswürdigsten Zudringlichkeit zum Essen undTrinken eingeladen. Die lustige Unterhaltung bei Tischeließ mich bald die Düsterkeit des eben erst verlassenenKlosters vergessen. Der gute Herr Pfarrer wurde nicht müde,seine heiteren Zwischenbemerkungen zu machen und dieGesellschaft zum Trinken seines vorzüglichen Weißweinesaufzumuntern, den man hier selten bekommt.

Wir beabsichtigten jetzt, wenigstens den zweiten undletzten Wagen, der von der Grande Chartrcuse nachGrenoble geht, noch zu erreichen. Nachdem wir an derHaltestelle des Wagens bei einem Wirthshaus voll Un-geduld, weil im Regen stehend, einige Zeit gewartet, er-schienen zuletzt zwei Wägen, die aber über und über be-setzt waren. Jedenfalls hatten die Pilger auf der GrandeChartreuse angesichts des schlechten Wetters sämmtlichdas Weite gesucht. Mit Mühe und Noth und bemit-leidet von den in den Wägen Geborgenen gelang es unsendlich, einen Sitz auf dem engen und unbequemen Kutsch-bock zu erhalten, und wir durften diese Unterkunft immernoch als ein Glück betrachten, denn der Regen wurdeimmer heftiger, und wenn uns auch das aufgespannteZeltdach des Wagens wegen unseres exponirten Platzeskeinen Schutz gewährte, so waren wir doch der müh-seligen Wanderung auf kothiger Straße und über Bergund Thal enthoben.

Die Fahrt ging zuerst beständig bergan, der Wegwurde dabei immer steiler, und ich bedauerte die armenPferde, die der Kutscher erbarmungslos weiterpeitschte.Ueberhaupt hatte ich auf allen meinen Fahrten durch dieDauphins von meinem gewöhnlichen Platze aus, der sichauf dem sogen. Jmpsriale, dem oberen Stockwerke, be-fand, reichlich Gelegenheit, die Leistungen dieses ge-quälten Geschöpfes so recht würdigen zu lernen. DieVoitures sind bei guter Witterung meist dicht besetzt, undwenn auch von Zeit zu Zeit bei einem an der Land-straße gelegenen Wirthshause Pferdewechsel eintritt, soist doch die den Thieren zugemuthcte Aufgabe meist einerecht schwierige, und man fühlt sich, wenn man über-haupt Gefühl hiefür hat. gleichsam mitveranwortlich fürjede, dem gehorsamen Freunde des Menschen zugefügteUnbill. Diesmal, da ich auf dem Kutschbocke saß, gingmir das Geschick der beiden Pferde besonders zu Herzen.Eines davon gebeidete sich etwas unartig, überließ meistseinem Genossen die Arbeit und drohte beständig, denWagen über den steilen, manchmal schluchtenartigen Weg-rand zu schleudern. Der Kutscher, ein frischer Gesellemit schwarzen Locken, rauhem Schnurrbart und blau-grauen, schalkhaft blitzenden Augen, kannte denn auchgegen diesen halsstarrigen Unterthanen keine Barmherzig-keit und schlug ihn dermaßen mit der Peitsche, daß dasarme Thier über und über mit Striemen bedeckt war.Die unmittelbare Nachbarschaft dieses Mannes, aus dessenMunde ich nicht viel mehr als Flüche hörte, war mirnicht besonders angenehm; allein ich war doch froh. sofestgepackt und sicher auf diesem luftigen Throne sitzenzu können und die Pferdedecke gemeinsam mit ihm undmeinem Freunde über die durchnäßten Knie breiten zudürfen. Gern hätte ich ihn um größere Schonung seinesSchutzbefohlenen gebeten, aber ich wagte es nicht, einederartige, wenn auch noch so bescheidene Andeutung zu