Ausgabe 
(16.8.1894) 33
 
Einzelbild herunterladen

258

noch strikt beweisen können, sondern umgekehrt muß eineLegende, welche so alt und so gut bezeugt ist, wie dievorliegende, so lange für zuverlässig erachtet werden, bisdie Unmöglichkeit des darin erzählten Faktums unwider-leglich dargethan ist?") Letzteres dürfte aber bei derThebäerlegende kaum jemals gelingen, denn Fälle vonNieder'metzelung rebellischer Truppeutheile kamen, wieStolle S. 76 selbst zeigt, bei den Nömern im Laufe derJahrhunderte mehrmals vor. Auch ist es kaum denkbar,daß ein Tyrann, wie Maximian , der höhere Offiziere,wie Mauritius . Exuperius, Candidus (nach Stolle), nichtschonte, den gemeinen Mann habe straflos ausgehenlassen. Mithin dürfen wir aus dem Umstände, daß dieLegende nur jene drei Märtyrer mit Namen nennt, nichtohne weiteres mit Stolle (S. 82) folgern, daß diese dieeinzigen Opfer der Rache Maximians gewesen seien.Ebenso unzulässig ist es, wenn Stolle aus dem Schweigendes Eucherius bezüglich der rheinischen Thebäer") denSchluß zieht, daß die Nachrichten, welche von solchenüberliefert sind, falsch seien. Vielmehr müssen wir, dabereits Gregor von Tours deutlich von thebäischen Mär-tyrern, die zu seiner Zeit und wohl schon lange vor-her in Köln verehrt wurden, spricht, "") annehmen,daß Maximian seinen Cäsar Konstantins auf die Un-botmäßigkeit dieser Truppe aufmerksam gemacht und ihnzu strengem Einschreiten gegen die Kohorten der Thebäer(und Mauren), welche in den Garnisonen von Köln ,Lanten und Bonn lagen,"") ermähnt habe. Allerdingsmochten mehrere Wochen verstreichen, bis ein darauflautendes Schreiben des Kaisers am Niederrhein anlangteund dort in die That übersetzt wurde. Da aber dieMariyrologien in der That erst den 9., 10. und15. Oktober als Tage der Hinrichtung der rheinischenThebäer und Mauren bezeichnen,"") so stehen sie mitder Passiv Suchers im besten Einklang und dienen vor-trefflich dazu, dieselbe zu bestätigen und zu ergänzen.

III.

Damit schließen wir diese Betrachtung und wendenuns nun dem im Anhang obiger Dissertation S. 101 f.

Stolle scheint umgekehrt nichts Ueberliefertes für wahrzu hallen, was sich nicht heute noch, nachdem so viele Schriftenund Denkmäler des Alterthums untergegangen sind, auS gleich-zeitigen Autoren erweisen läßt!

"0 Da Eucherius ex xrokssso nur von den agaunensischcnMärtyrern handelt, so harte er keine Veranlassung, von denaußeraaaunischen Thebäern zu sprechen, falls er überhaupt vondieser Lokaltradition der Kölner, Lantener und Bonner Be-völkerung wußte.

2°) vs Zlor. mark. oax. 62. Wenn Gregor hiebet denAusdruck äiouutur gebraucht, so will er damit gewiß nicht,wie Stolle ihm unterschiebt (S. 41). andeuten, daß dies nurein Gerücht war, sondern vielmehr sagen, daß in Köln einesolche Tradition vorhanden sei. Da er aber ferne vorn Nheinein Tours lebte, so darf eS uns auch nicht wundern, wenn ersich über die Zahl der Märtyrer schlecht unterrichtet zeigt (aufder Gesandtschaftsreisc, von der er bist. eeel. VIII, 13 f. spricht,berührte er nur Koblenz und Trier und fand wohl kaum Zeit,antiquarische Studien zu machen). Er kennt die rheinischenThebäer offenbar nur vorn Hörensagen, und da er nur dieWunder, die ihm zu Ohren gekommen waren, erwähnt, hatteer auch keine Ursache, alle Märtyrer des NheinlanbS aufzu-zählen, geschweige denn bei jedem einzelnen anzumerken, ob erThebäer war oder nicht. Mithin ist aus seinem Schweigennichts sicheres zu schließen.

2 °) Während die Legionen der Thebäer in der Hot. äiFuit.nach dem Osten verlegt erscheinen, werden darin noch Maurenin Gallien aufgeführt (in der Vendöe und Bretagne ); vgl. nochFriedrich K. G. D. I S. 135.

2') S. chlorentillius Vstust. oooiä. scelss. martyrol. Imeea.1668 S. 907. 910, 919. L. 88. Soll. Ootob. XIII S. XXIV f.;die Kalepdarien von Beck und Binteriin u. a. m.

(aus Ruinart) abgedruckten Texte der Passiv zu, daStolle auch diesen corrigiren möchte. Leider ist er inseinen Emendationsversuchen wenig glücklich. Wohl stimmenwir ihm bei, wenn er jenen Passus des Kapitels VI,welcher von Urfus und Victor, die, am 30. September zuSolothurn gemartert wurden, handelt, als spätere Inter-polation betrachtet (s. Exkurs I S. 84 f.), weil derselbein direktem Gegensatz zu den unmittelbar vorausgehendenWorten des Eucherius "") steht und darum nicht von ihmherrühren kann. Dagegen sehen wir keinen Grund, dasganze Kapitel VI zu eliminiren, denn weder unterscheidetsich die Sprache desselben von der der vorausgehendenKapitel, noch erregt die Stelle, welche der Bericht überVictor einnimmt (hinter der Erzählung von den Thebäern),Anstoß, da Victor nicht zn den Thebäern zählte, über-haupt nicht Legionssoldat, sondern Veteran war. Dazukommt, daß Victor bereits in den Akten der Synodevon Agaunnm (im I. 515), ferner in den um die Mittedes sechsten Jahrhunderts entstandenen vitas abstatuincklZuunsnZiunr mit Namen aufgeführt wird und VenantiusFortunatus (P 600) in feinem Hymnus auf die Thebäervon yuatuor pi^nora, savata prooerum spricht (s. StolleS. 16 A. 1 u. S. 17), unter welchen Victor jedenfallsmitinbegriffen ist?") Es kann daher nicht mit Fug be-stritten werden, daß auch Kapitel VI der ersten Recensionangehört. ^-Ebenso unstatthaft ist es, wenn Stolle dasvon Ruinart in den Text gesetzte oiroa, Ootociurura(oax. II) in ocito äieruin verändert. Denn für's ersteverlangt der Ausdruck as tonsstat: (er hielt sich auf)eine nähere Bezeichnung des Ortes, wo sich Maximian aufhielt; zweitens ist eS zwar recht wohl möglich, daß

2°) -Nase nobis tantnm äs numero illo Ilart^rum eom-psrts, saut nomina, sst, bcatissimorum Llaurion, Kxuperii,Oanäiäi atgus Vietoris, osksia voro nobis guiäsin inooAnita,ssä in libro vitas soripta. sunt.« Hieraus folgt natürlich nicht,daß das Martyrium des UrsuS und Victor erfunden sei.

2b) Die altgallikanische Messe (Stolle S. 106 f.) sprichtnur im allgemeinen von den hl. Agauncnsern, zu welchen jaauch Victor gehört. Zudem gilt der Satz: »a potiori üt äo-uoiuinatio«, was Stolle S. 35 s. übersehen hat. Auch auf dieMariyrologien darf sich Stolle für seinen Zweck nicht berufen,da er vorher (S. 23 f.) die Zuverlässigkeit und Vollständigkeitderselben in Zweifel gezogen hat. Uebrigens kann die Oberfläch-lichkeit und Leichtfertigkeit, mit welcher Stolle über die Mar-tyrologien urtheilt, nicht strenge genug gerügt werden, und esfindet dieselbe nur in der Unerfahrcuhcit dcS jugendlichenForschers eine gewisse Entschuldigung. In Wahrheit verhältes sich mit den Martyrologien ebenso wie mit den Werken ver-alten Autoren. Wie es von den letzteren gute und schlechteHandschriften gibt, so gibt es auch gute und schlechte Texte derMartyrologien. Niemand aber wird darum ihr Zeugniß ohneweiteres verwerfen, sowenig als wir die Bücher der Alten darumgering achten, weil sie uns nicht in ihrem unverfälschten Wort-laut erhalten sind. Ein verständiger Forscher wird vielmehrdie ältesten und besten Handschriften der Martyrologien miteinander vergleichen und den ihnen gemeinsamen Text zneruiren suchen, da dieser dem Originaltext am nächsten kommt.Aus diese Weise läßt sich auch Klarheit über den ursprünglichenInhalt und die späteren Zusätze und Erweiterungen gewinnen.Nebenbei bemerkt, scheint Stolle nicht einmal den Unterschiedzwischen Kalendaricn und Martyrologien zu kennen. Kalendariensind Tabellen in Kalcnderform, welche die kirchlichen Feste unddie Gedäcbtnißtage jener Heiligen enthalten, die in einer ein-zelnen Kirche, Diöcese oder Kirchenprovinz gefeiert wurden.Martyrologien dagegen sind kalenderartige Verzeichnisse derMärtyrer und Bekenncr verschiedener Diöcesen, ja derganzen Erde. Die älteren Martyrologien enthielten, wie Gregord. Er. (roglstr. existolar. VIII, 29) uns bezeugt, nur dieNamen der Heiligen, ferner Ort und Tag ihres Todes. ErstBeda erweiterte den ursprünglichen Plan dahin, daß er (unterBeibehaltung der Kalcnderform) die nähere» Umstände derLebens- und Leidensgeschichte der genannten Heiligen angab.Ihm folgten Florus, Ado u. a. m.