Ausgabe 
(16.8.1894) 33
 
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tt,'. 33

1894 .

Das Martyrium der thebäischen Legion.

Vvn Dr. Bernhard Sepp.

(Schluß.)

II.

Schon hieraus hat der Leser ersehen, daß die Ar-gumentation Stolle's kaum ernsthaft zu nehmen ist, son-dern eher geeignet sein dürfte, uns ein Lächeln zu ent-locken. Recht eigenthümlich muthet uns daher seine Schluß-folgerung auf S. 63 an:Euchers Werk ist also nichtmehr der reine und ungetrübte Niederschlag dessen, wasihm seine Gewährsleute erzählten." Ist es ihm doch nichtgelungen, auch nur eine einzige Quelle außer der Orts-tradition namhaft zu machen, aus welcher Eucher irgendetwas über das Martyrium der thebäischen Legion er-fahren konnte. Im Gegentheil versichert Stolle auanderer Stelle (S. 79 f.) selbst, daß kein Schriftstellervor Eucher von diesem Martyrium Erwähnung thue. Danun aber kaum anzunehmen ist, daß Eucher die Einzel-heiten seines Berichtes frei ersonnen habe (vgl. StolleS. 81 f.), so erhellt, daß er sie nur den von BischofIsaak hinterlassenen Aufzeichnungen entnommen habenkann. Allerdings mag zugegeben werden, daß dabeimanches Mißverständniß mitunterlaufen sei, denn gewißin Eucher im Irrthum, wenn er die ganzes thebäischeLegion das Martyrium erleiden läßt und den Borfallin die Zeit der großen Chriflenvcrfolgung der Jahre303305 verlegt. Immerhin können uns solche Ver-stoße nicht hindern, die Meldung der Legende, daß einegrößere Anzahl von Thcbäern ") nach zweimaliger Dezi-mirung zu Agannnm niedergehauen wurde, in ihremganzen Umfang aufrecht zu erhalten.

Stolle irrt nämlich auch darin, daß er meint (S. 65)es werde nur immer vergebliche Blühe sein, die Er-zählung Euchers mit dem, was wir von der Geschichtedieser Zeit wissen, in Einklang zu setzen", denn so lücken-haft uns auch die Geschichte Maximians überliefert ist,'^)gibt sie uns doch einen deutlichen Fingerzeig, in welchesJahr wir das in der Legende geschilderte Ereignis; zuverlegen haben.

Wie wir nämlich aus einer Rede (des Eumenins?),welche am 1. März 29? zu Trier gehalten wurde, er-fahren, zog Maximian im Herbst des Jahres 296 zurUnterdrückung eines Aufstands in Mauretanien mit einemHeere von Gallien (vom Oberrhein) über die Alpen nachItalien und Afrika, ") und es unterliegt keinem Zweifel,daß er bei dieser Gelegenheit den Weg über den irrc>i,8

'") Alte Martprologicn, wie das von H. Rosweyde heraus-gegebene Llartzwoloxinmilomannm, die Kcllendcirien von Biineriinand Bcck sprechen nur von Mauritius und seinen Genossen, ohneeine Zahl zu nennen. ES ist daher recht wohl »löblich, daßnur eine Coborte (die cokors wiliaria?) von dem schrecklichenSchicksal betroffen wurde.

") Da die Tbchais zum Verwaltungsbezirk Orient geborte,so ist der Ausdruck Euchers -Tbsbasi ab Orionti» partibnsacciti venerant« ganz richtig. Die Legionen der Tkebäer scheinenerst durch Maximian, ConstantiuS Cblorus und Diokletian ge-bildet worden zu sein, vgl. Xot. äiAin Orientis o. VI u. VII:-Triwa Llaximiana Tbsbasorum-, »8scunäa Xlavia Oonstantia.Tbsdaeorum-, »Tertia Oioeietiana Tbsbaeorrnn-.

"0 Näheres über die Fcldzüge Maximians erfahren wirwas Stolle seinen Lesern klüglich verschweigt nur gelegentlichaus einigen Paneghrikern, wie Maincrtinus, EumcniuS, undaus Inschriften. Der Beweis sx silsutio ist daher hier wenigam Platze.

Im Frühjahr deö I. 296 hatte sich Maximian vonAquilcja her (wo er noch am 31. März 296 weilte, s. H. Schiller

kenninus (Gr. St. Bernhard ) nahm. Er muß mithindamals Agaunum ( 'Uurnnia, wo eine Abtheilung der22. Legion Llloxanclriana. pirr kickslm ibre Station hatte,s. Mowmsen, Inser. ccwkoeä. Ilolv. lab. n. 14) undOctodurum pafsirt haben, und zwar um dieselbe Zeit, umwelche die Ueberlieferung das Martyrium der Thebäeransetzt (22. Sept.). Dieses merkwürdige Zusammentreffender Umstände macht es wahrscheinlich, daß der von derLegende berichtete Vorfall im Herbst des Jahres 296stattgefunden habe, zumal sich weder vorher noch nachherein geeigneter Zeitpunkt für dasselbe ausfindig.machenläßt. Denn das Ereigniß früher anzusetzen, verbietet diebestimmte Meldung des Euscbius und Lactantius , daßdie diokletianische Christenveifolgung um's Jahr 297(wohlgcmerkt beim Heere) begonnen habe."") Später kanndasselbe aber darum nicht fallen, iveil Maximian erstEnde des Jahres 307, also lange nach dem Aufgörenjener Verfolgung, nach Gallien (ohne Heer) zurück-kehrte und bei dem ersten Versuche, sich gegen Kon-stantin zu erheben, den Tod fand (im I. 310). Wirhaben also einen sicheren Anhallspuukt für die Datirungjenes Borfalls gewonnen und nur noch zu untersuchen,ob eine solche Härte dem Charakter Maximians entsprach.Auch dies kann kaum in Abrede gestellt werden, da alleAutoren, welche uns Nachrichten über sein Naturell hinter-lassen haben, versichern, daß er äußerst jähzornig, grau-sam und jeder Bildung bar gewesen sei."') Berück-sichtigen wir zudem, daß das schlechte Beispiel des Un-gehorsams leicht ansteckend wirken konnte, so darf es unsnicht wundern, wenn er eine Insubordination im Heeremit der größten Strenge bestrafte. Wahrscheinlich hattensich die Thebäer in dem Momente, wo sie den Paß über-schreiten sollten, geweigert, Gallien zu verlassen, um nichtgegen ihre christlichen^) Mitbrüder und Mitbürger inAfrika (die Mauren) kämpfen zu müssen, denn unterdieser Voraussetzung lösen sich alle Schwierigkeiten. Aberselbst wenn unsere Vermuthung irrig wäre und es unsniemals gelänge, das wahre Motiv jenes Massenmordszu eruiren, würde die Glaubwürdigkeit jener Traditiondennoch keine Einbuße erleiden, denn der Werth einergeschichtlichen Ueberlieferung hängt selbstverständlich nichtdavon ab, daß wir sie heute, d. i. nach 1600 Jahren,

a. ci. O. S. 133 A. 5) nach dem Nhcin begeben, nni in Gallien während ver Abwesenheit des ConstantiuS Cblorus (der eineExpcdiiion nach Britannien unternommen baue) die Nabe auf-reckn zu erhalten. Nach der Nückkchr des ConstantiuS nach demContincnt, die erst im Laufe des Herbstes eriolgte, zog Maximian in seine Provinz zurück, da sich inzwischen die tzuingnoAentaneiin Maurecanien crboben hatten, s. H. Scknller a. a. O. S. 136,8. elnr. Victor äs Oassar. 39; Ikutrop. brov. IX, 15; ckorn.äs rsb. get. cax. 21; Incsrti pans^xr. Oonstantio Oaesarickiet. (1. März 297) cap. 5: reservetnr uunriis iam iamgusvsnisntibus dlauris iniuissa vastatio, vgl. ibick. eap. 13.

°") Siehe H. Schiller , Geschichte der römischen KaiserzeitBd. II S. 153 s.

2') S. 8. ilur. Victor, spit. etc Oaesar. cap. 40: »Lmreliusdkaximianu!!, csAnomento Herenlius, ksrns nalura, aräsnslibickins, consilio stoliäus, ortri agrssti kannonioqns.« blutrop.brsv. IX, 16: -Horcntins antsm propaiam ksrns st incivilisintz'onii, asperitatem suam etiain vultus Horrors siguiticans;«X, 2 (Ilsrcniins) > vir all omusm aspsritatem sasvitiamgusproclivns, inüäus, iucowmoäus, civilitatis psuitus sxpsrs«;vgl. Lactantius äs mort. psrsse. 8.

") Daß das Christenthum in der Thebais und in Maure-tanien in jener Zeit sehr verbreitet war, lehrt Eusebius bist.esel. VIII, 6 u. 9; äs wart. kalasst. cap. 8; vgl. Tertnllianaäv. änä. 7.