Ausgabe 
(16.8.1894) 33
 
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der Religion. Ja, an den englischen Universitätenherrscht noch eine Liebe zur Wissenschaft, eine tiefernsteVerinnerlichung in dieselbe und eine strenge Ordnungnach jeder Richtung hin. Und dennoch werden auf denenglischen Universitäten Charaktere gebildet, welche dannim öffentlichen Leben auftreten erhobenen Hauptes alsMänner des freimüthigsten, kühnsten Wortes;während gerade jene unserer akademischen Bürger, welcheimmer dieFreiheit" im Munde haben, dann in ihremBerufsleben zumeist sich knechtisch beugen, aus Selbst-sucht, wenn sie einstehen sollten für das wahre Wohldes Staates und die Rechte des Volkes, oder für dieRechte der Kirche!

Ich schliche mit den Worten: Wo immer ein Volkwahre Macht und wahre Größe errungen und auf-recht erhalten hat, so konnte das nicht geschehen durchdie rohe Gewalt der Waffen, sondern durch jene oftwunderbar wirkende Doppelkraft von Moral undIntelligenz, welche da ist Frucht des erhabenen Bünd-nisses zwischen Religion und Wissenschaft.

Darum, ihr Lehrer der Jugend insgesammt:

Q pfleget Uefbcsorgt den Wisscnö-Drang!

So daß er stets auf jenen Weg auch leitet,

Darauf, gleichwie ninrauscht von Engclsang,

Der Mensch der Gottheit immer näher schreitet.

Augsburg . Joh. Gg. Fußenecker.

Maria Luschari nnd Pontebba.

Von Cölcstiu Schmid.

Niederösterreich hat sein Maria Taferl , Steiermarksein Maria Zell, das kärntische Gebirgsland sein MariaLuggau und Maria Luschari. Ersteres, tief in einemrauhen Thale der krainischen Alpen verborgen, nahe derTirolergrenze, hat seinen rein deutschen Charakter be-wahrt, letzteres, in den julischen Alpen auf dem 1800 irrhohen Luschariberg gelegen, bildet den ideellen Mittel-punkt von deutschen, italienischen und slavischen Cultur-elementen. Au der Paßhöhe von Saifnitz, unweit deritalienischen Grenze, schaut der schöne Berg auf das vonder Poutebbabahn durchfahrene, im Anfang überwiegenddeutsche, später fast rein slavische und schließlich italienischeCannl-Thal herab. Gegen Osten liegt die alte Mark-grafschaft Friaul, in ihrem nördlichen Theil überwiegendslavisch mit romanisirenden Elementen, in die hellen Fels-thäler der Venetianeralpen gebettet, gegen Nordosten liegtkrainischcs Land, gegen Norden deutsches Drangebiet,das Villacherland, gegen Westen das halb Windischehalb deutsche Gail-, das rein deutsche Bleibergerthal,gegen Süden beginnt sehr bald die italienische Grenze.

Wir fahren von Villach aus an dem jetzt weithinbekannten Tarvis vorbei bis zu dem fast rein slovenischcnPaßdorfe Saifnitz. Den ganzen Weg begleiten unS links,immer schärfer, schließlich gigantisch ansteigend, die Fels-höhen der julischen Alpen . In der Nähe unserer Halt-station bricht von denselben der wilde Luscharigrabenherab, der allen Jngenicurkünsten zutrotz seine Wasserimmer wieder vcrmnrend thalwärts schickt. An dem Randedes klüftigen Bettes steigen wir aufwärts. Bald belebtsich der Weg in bezeichnender Weise. Bald da, bald dorttreten uns wie hinter Bühncukulisscn hervor zerlumpte,gebrochene Bettlergestalten entgegen. Das ist ganz be-greiflich. Morgen ist einer jener Marientage, an denender Berg von 20003000 Wallfahrern besucht wird.Ueberhaupt wälzen die umliegenden Gemeinden ihre Armen-lasten so ziemlich auf denheiligen Berg" ab, und die

Platzverhältnisse der Bettler sind demgemäß auch ganzoffiziell geregelt.

Nach zweistündigem Steigen führt der Weg aufeine kleine, grüne Hochmulde, umsäumt von Tannenwaldund breitgelagerten Bergkuppen. Zur Rechten taucht dersanfte Felskegel des Luschari aus dem zwerghaft Hinauf-strebenden Tannengrün. Auch die Kirche mit einigender Unterkunftsgebüude zeigt sich, malerisch die Höhenumfassend.

Marientag! Eben zieht eine kleine Schaar, im Abstiegebegriffen, am Fuße der Felskuppen über die grüne Muldehin. Bereits dringen die abwechselnd gesungenen, choral-artigen Gesänge zu uns herüber, so daß wir den Textals Gemisch von Lateinisch und Italienisch, vielleicht auchals friaulisch unterscheiden können. Langsam tauchen dieärmlich gekleideten, ernsten Männergestalten vor uns auf,bald auch Frauen mit braungebrannten Gesichtern, unterder Korblast, die sie auf dem Kopfe tragen, fast graziöseinherschreitend. Jetzt hat die ganze Schaar unsere Wald-blöße erreicht, wo der abziehende Wallfahrer die Kirchezum letztenmal vom Felsen winken sieht. Wie auf einunsichtbares Commandowort verstummen die Gesänge und,den Blick gegen die Luscharikuppe gewendet, sinkt dieganze Schaar lautlos auf dem thaufeuchten Rasen in dieKniee. Es sind Küstenländer, die vielleicht weit aus demThal des Jsonzo, aus den Gegenden von Görz bis nachTrieft hinüber, über den Predilpaß gezogen waren undnun, wohl manchmal zum letztenmal, mit schwerem Herzenund sehnendem Blicke von dem einzigen Troste ihresengen, felsigen Thales Abschied nehmen. Langsam ver-hallen die Gesänge auf den steil abfallenden Pfaden,die gegen Norden ins Schlitzathal, zum Raiblersee hinab-führen.

Ein sorgfältig gepflegter Weg führt uns, um dieFelskuppen sich windend, dem Gipfel entgegen. EinzelneKapellen und Kreuze zeigen sich am Abhang mit ver-sunkenen Wallfahrern und jammernden Bettlern. Währenddie Bergwirrnisse der Umgebung, von scharfen Sonnen-strahlen durchleuchtet, immer mächtiger und Wetter vorunserm Auge auftauchen, nimmt der Zauber des berganbergab fluthenden Lebens der wolkennahen heiligen Stätteimmer mehr unsere Seele gefangen. Endlich stehen wirvor dem übermächtigen Anblick der gegen Süden undOsten fast endlos sich dehnenden julischen Alpen. Inallen nur möglichen Formen und Linien zieht es nebcu-und durcheinander; in düsterem Grün und Schwarz sinktes jäh in Klüfte und Schluchten ab und erhebt sich wiederungebrochen zu himmelstürmenden Zacken und blendendenSchneelagcrn. Direkt vor uns, gegen Süden, die Niesender schaurigschönen Seiseragruppe mit den tiefeingerissenen,vermurten Thalfurchen, weit entfernt, von intensiveremBlau übergössen, das Venetische Gebirg, im Osten wiezwei geharnischte Kronmächte. Mangart und TriglavlErmüdet von den unendlich wechselnden Abstufungen derFarbentöne sucht das Auge immer wieder das erlösendeGrün des westlich herüberleuchtenden Uggowitzer Almen-gebietes und der zart verduftenden Höhen des nördlichenKärntens . Und, wenn es dann, wie von einem Magnetgezogen, zu den versteinerten Titanenkämpfen des Südenszurückgleitet, auf die ätherisches Licht siegreich blendendherabglänzt, so erblickt es jetzt erst die tief zwischen Felsenin Schlangcnwindungen ziehende Thalfurche der Fellamit den Userorten Malborget, Pontafel, Pontebba rc.als weißlichen Flecken.

Und hier nun, in dieser Umgebung, das buntwimmelnde