262
Menschengewoge, das sich zwischen den vor der Kirche auf-geschlagenen Reihen der Verkaufsbuden drängt. Bei jenerSchaar dort weist die schlichte, unbestimmte Tracht, einnicht mehr ganz passiver Zug im Gesicht auf die deutschenThäler Nordkärntens. Daneben schreitet breit angelegtund entwickelt, in farbenreicher, halborientalischer Tracht,oft mit unbewußter Anmuth in den üppigen Gesichts-linien, daS Naturweib aus den Gründen des windischenGailthnles. Mit ernster, fast düsterer Miene, ebensoärmlich gekleidet als naiv selbstbewußt, gravitätisch undbeweglich macht sich derfriaulische Sprößling, der verbrannteKüstenländer Bahn. Unbestimmt wie die große slavischeNation, äußerlich nur an dem typischen Kopftuch erkennt-lich, durch die verhärmten Züge auf harte Arbeit deutend,lagern Schaaren von Krainerinnen auf den Rasenplätzenvor der Kirche. Dazwischen einzelne Gestalten mit dendeutlichen Kennzeichen halber und ganzer Civilisation immodernen Sinne. Darüber hinweg das Gedränge derdreisprachigen Beichtstühle, das Feilschen an den Verkaufs-buden. Lateinische Gesänge, italienisch lebhafte Gesprächs-formeln, weiches slavisches Gcplauder und die langsame,bedächtige Rede des Deutschen. Schaaren ziehen auf undab, sammeln sich auf ihren Lagerplätzen zum Abzüge,mancher hat sich noch schnell ein liebes Andenken zu holen,drängt sich eilig durch das Gewühle, während von Zeitzu Zeit bimmelndes Glockengeläute mahnt. Und all diesesoft sehr lärmende Treiben führt äußerst selten zu ernstenReibereien. Infolge der verhetzenden Politik der letztenJahrzehnte sind diese trotz des friedfertigen Charaktersder Slovenen in den Thälern drunten eben nicht selten.An den größten Feiertagen aber lagern droben 4000 bis5000 Menschen in der Kirche und im Freien. Dabeientfaltet sich bei den Körben voll Lebensmittel undKleidung, welche die Wallfahrer oft auf 8—10 Tagemitnehmen, ein regelrechtes, lärmendes Lagerleben. Wasalle diese schreienden Disharmonien zu einer verklärten,erhebenden Harmonie einigt, das ist der altererbte, un-gekünstelte Volksglaube. Der arme Thalbewohner ziehtvon dem heiligen Berg mit einem um ein paar Kreuzergekauften Andenken als Talisman getröstet hinunter zujahrelangem, schwerem Kampfe mit den feindlichen Natur-mächten. Die Zurückgebliebenen preisen ihn glücklich undharren sehnsüchtig auf den Augenblick, wo sie selber dieKirche Maria Luschari zum erstenmal vom Felsen winkensehen werden.
Manchem Modernen wird diese Macht tiefwurzelndenVolksglaubens ein Räthsel oder auch ein leeres Hirn-gespinst beschränkter Leute dünken, nicht aber dem, derdiese wunderbare centralisirende Kraft in der Völker-geschichte kennen gelernt und in entscheidenden Lebens»Momenten sie selber empfunden hat. Da gibt es keinekünstlich zugespitzte Nationalitäteneifersüchtelei: alle dievielen verschiedenen großen und kleinen Züge der be-schränkten culturellen Entwicklung passen in den weitenNahmen dieser Kraft. Sie alle, bis zu den drei ver-schiedenen Landessprachen, geben nur den bunten Ein-schlag: am Webstuhl sitzen hohe, ewige Gesetze. Und alldas Kleinliche, Kreischende, Grelle wird erdrückt durchdie gewaltigen überirdischen Linien, die da ziehenvon Himmelsihüre zu Himmelsthüre, von Berg zuThal, von allen Seiten zusammen, bis sie dem Unver-dorbenen von selbst sich zu luftigen Gestalten fügen undim ewigen Aether, von wo sie gekommen, entschwinden.In solcher Weise hat sich den Germanen der Gottes-glaube faßbar geoffenbart, und als dann das Christen-
thum kam, denselben in seine Bahnen zu lenken, dadrang es, von volksentwachsenen Söhnen gelehrt undverkündigt, hinauf zu den Höhen der Volksphantasie undbot dieser ihre eigenen Gebilde in einer milderen, ver-söhnlicheren Form an, legte den Volksfesten einen andern,noch tiefern Sinn unter und baute seine Hciligthümerhinauf in die luftigen Höhen, wo der stolze Germanesich ganz seiner Phantasie, seiner Vaterlands- und Frei-heitsliebe und andrerseits dem Gefühl der Abhängigkeitvom höchsten Wesen überließ. So ist das Christenthumauch eine wahre Volksreligion geworden, und lange nochüber das Mittelalter hinaus haben sich die Gebräuchedes ersten mächtigen Kampfes zwischen Heidenthmnund Christerrthum, des ersten gewaltigen Durch-dringenS des gewaltigsten Volksthums und der er-habensten überirdischen Lehre erhalten. Das Christen-thum des Mittelalters.ist aus dem Volke herausgewachsenund manche spätere Jahrhunderte haben an dieser inWesen und Form wahren Religion gezehrt. Auch jetztnoch findet sich das Volk, wo es nicht verdorben undverflacht ist, aus dem kleinlichsten Treiben, dem müh-seligsten tagtäglichen Kämpfen heraus in seinen unver-derbbaren Grundvesten wieder im Zusammenflüsse derstärksten Dinge: des germanischen und slavischen Natur-gefühles, der Vaterlandsliebe und der Alles bindendenund lösenden Religion. Es wäre hier eine lehrreicheParallele mit manchen Dingen der allerneuesten Zeit ge-geben, wenn sie nicht so leicht falsch verstanden werdenkönnte: mir drängt sie sich immer auf, wenn ich so voreinem Brrgkirchlein stehe, das vielleicht schon manchenUngläubigen anders als er gekommen hinabgeschickt Hai,und das liebe, leider hauptsächlich slavische, Volk sehe,wie es da, nur in milderen gczügelten Formen, die un-besiegbare Macht wahren Volksthums immer wiederspiegelt. Ich meine die vielfach jetzt erbauten Lourdes -grotten. Da wird in ein grünes, weiches Wiesenthalauf einmal ein riesiger Aufbau aus Kalk- und Tuff-steinen, Stalaktithöhlen und Wasserfalle hineingelegt, damuß das Volk auf einmal in die an und für sich jaberechtigte und schöne Marienverehruug, das Feld dertiefsten christlichen Spekulation und Mystik, hineingedrängtwerden. Don allen irdischen Beziehungen, Naturgefühl,Vaterlandsliebe, verwandten Zügen aus dem täglichenLeben losgelöst, symbolisch-abstrakt, nur für tiefste Mystikdurchdringbar, muß diese Art der Marienverehruug demVolke fremd gegenüberstehen und einfach nicht anders indasselbe hineingetragen werden, als Fclsgcklüfte in denweichen Bachabhang. Man braucht nur die mittelalter-liche Art der Verehrung zu dem schmucklosen, vom Volkgeschmückten Holzbild hoch oben im Blauen, daneben mitdem Volke verwurzelte Heilige, wie St. Georg, Martin,Nikolaus, Hildegard, als vermittelnde Stufe zum Vergleichsheranzuziehen, um zu sehen, daß diese neuaufkommendenreligiösen Formen Künstlichkcit nicht verleugnen können.Eine weitere lehrreiche Beobachtung wird zeigen, daßdieselben nur da wirklich eindringen, wo dem Volke durchirgend welche Prozesse sein Bestes, das eigene Volksthum,bereits genommen ist. Einer der segensreichsten jenerOrte aber, wo ein Glanbenshciligthum innig mit denElementen der Natur verbunden ist, die auf das mensch-liche Gemüth am stärksten und unmittelbarsten wirken,ist der heilige Berg Maria Luschari.
(Schluß folgt.)