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schließlich übrig. Er bezeichnet also etwas, was vondem erzeugenden Individuum auf das er-zeugte übergehen muß als etwas Unverlier-bares, Bleibendes und insoferne Wesent-liches. Da es aber Hiebei in der Aufeinanderfolgeder (leblosen und) lebenden Wesen streng genommen zueinem beständigen Einerlei kommen würde, so geht diedarwinistische Richtung in der Naturwissenschaft — Dar-win als solcher ist längst überholt — weiter zu demBegriff der „progressiven Vererbung". Was imErblasser (Erzeuger) vorhanden ist, das erhält derErbe nothwendigerweise in einem höherenGrade, und sein Erbe wieder in einem hö-heren u. s. w. Können wir in diesem Sinne vonvon einer „erblichen" Belastung reden? Ich mache so-fort darauf aufmerksam, daß in dem Aufsätze von vr.Anton Schmid von etwas Erblichem in diesem Sinnenicht die Rede ist. Freilich folgt hieraus, daß er denAusdruck „erblich" hätte vermeiden oder ihn wenigstensrichtig stellen sollen. Lassen wir diesen Ausdruck gelten,verfahren wir weiterhin praktisch nach ihm, daß wir etwagegebenen Falles bei Annahme „erblicher Belastung" nichtetwa in erster Linie nach Beseitigung dieser Belastungstreben, sondern unser Urtheil über die Tauglichkeit einesMenschen zu einer Bestimmung von ihrem Vorhandenseinbeeinflussen lassen und so in der Praxis die wirklicheErblichkeit und damit Unansrottbarkeit der Belastung an-erkennen, so geben wir im Ausdruck und in der Praxiszu, was wir in der Theorie mit allen Mitteln und mitallem Nachdruck bekämpfen müssen. Wir bieten sounseren Gegnern ein keineswegs für uns ehrenvollesSchauspiel. Da wir bei wirklicher Annahme einer eigent-lichen Erblichkeit der Belastung mit der Aufeinander-folge der Generationen eine Mehrung und Befestigungdieser Belastung consequenterweise zulassen müssen, sokommen wir wenigstens auf der absteigenden Linie derEntwicklung nicht bloß zu einer Vererbung, sondernzu einer progressiven Vererbung als Grundlageder absteigenden Entwicklung. Wer mit der Sache einiger-maßen vertraut ist, weiß, daß die Frage nach der Mög-lichkeit der Vererbung von Verstümmlungen — z. B. Ueber-gang von dem geschwänzten zum nngeschwänzten Stadium
— im Darwinismus keine geringe Rolle spielt. Gebenwir aber einmal eine absteigende Entwicklung infolgeprogressiver Vererbung, wenn auch nur durchunser praktisches Verhalten zu, können wir danneine aufsteigende auf derselben Grundlagenoch principiell abweisen?
Gibt es eine erbliche Belastung im eigentlichenSinne? Gibt es insbesondere eine solche für das Irre-sein? Ich verhalte mich diesen Fragen, besonders derletzteren gegenüber, strenge verneinend, und zwar ausfolgenden Gründen: Bei der Thatsüchlichkeit einer solchenErblichkeit, die ihrem Wesen nach die Heilbarkeit aus-schließt, müßte die Erde längst zu einem Narrenhausegeworden sein; wir müßten zum mindesten an der Nor-malität der geistigen Verfassung der meisten Menschenzweifeln, und könnten bezüglich unserer selbst niemalsruhig sein, da uns ja die normale geistige Beschaffen-heit unserer Eltern und Großeltern, selbst wenn wir vonderselben sicher überzeugt sein könnten, für unsere eigenegar keine Garantie bietet: Die Erblichkeit überspringt inihrer Launenhaftigkeit ganze Generationen und äußertsich erst wieder in späteren in ihren grauenhaften Folgen
— Wie steht es ferner bei der primären Verrücktheit
d. h. jenen Erscheinungen von Geisteskrankheit, für dieeine leibliche Ursache sich nicht angeben läßt? DerDarwinist, überhaupt der Materialist kann auch da nochprincipiell an Vererbung denken und deren Unerklärbar-keit nur als eine zeitweilige hinstellen. Aber wie stehtes hier mit dem gläubigen Psychologen und Psychiater?— Eine Vererbung im eigentlichen Sinn ver-mag ich endlich nur unter der Bedingung zuzugeben, daßdie Verderbniß schon bei der Satzung des neuen Lebens-grundes in diesen hineingelegt wird, so daß schon derKeim ein verdorbener ist. Ich will mich hier in physio-logische Entwicklungen nicht einlassen, will nicht auf denWiderspruch verweisen, daß von einem und demselbenElternpaare, deren diesbezügliche Beschaffenheit doch imWesen als constant angenommen werden muß, bald eingesunder bald ein verderbter Lebenskcim der Erfahrunggemäß gesetzt wird, ich gestehe vielmehr offen, daß ichmir die Entstehung eines Lebens aus einem irgend ver-derbten Keime überhaupt nicht denken kann. Das; dieSache beim Menschen noch ihre ganz besondern Schwierig-keiten hat, darauf sei hier nur kurz verwiesen. Daß auseinem verkümmerten Korn kein kräftiger Halm entsteht,das muß seinen Grund nicht darin haben, daß kein ge-sunder Lebenskeim vorhanden ist, sondern hat ihn wohldarin, daß für das geweckte Leben die erste Nahrungkeine ausreichende ist. Mit Recht wendet sich G. H.Savage, Illo Inünsoea ot Lnrrcmnäinxo on tllsl?roänetioii ob Insanit^ (llonrn. vk Nenb. Lcriencw,Bd. 37, Nr. 159, S. 529—535) gegen die weit ver-breitete Ansicht, daß fast die Gesammtheit der Geistes-krankheiten auf direkte nenropathische Belastung zurück-zuführen sei, und 'hebt im Gegensatz dazu die wichtigeRolle hervor, welche Umgebung und äußere Umstände inder Verursachung der Psychosen spielen. Gänzlich ne-girt er den Einfluß der Erblichkeit nicht; das ist vonseinem Standpunkt aus nicht zu erwarten, wie sich dennkaum ein moderner Psychologe oder Naturforscher zueiner direkten Negirnng darwinistischer Principien er-schwingt; aber es bedarf des schädigenden Ein-flusses äußerer Umstände, um die angebornepsychische Anomalie — kann der gläubige Psychologeeine solche zugeben, wenn er nicht mit „Psyche" einenvon dem gewöhnlichen, christlichen Begriffe „Seele" ab-weichenden Begriff verbindet, etwa die Gesammtheit derseelisch-leiblichen Funktionen darunter versteht? — zurGeisteskrankheit zu entwickeln. Eine verkehrte Erziehungund widrige Verhältnisse kommen nach Savage auch beierblich nicht belasteten Menschen Geisteskrankheit hervor»rufen. Savage negirt also die eigentliche Erblichkeit:selbst eine vorhandene Belastung muß nicht von der An-lage zum wirklichen Irresein übergehen, sondern die vor-handene Anlage kann jeder Wirksamkeit entledigt d. h. ge-heilt werden.
(Schluß folgt.)
Neue Beiträge zur Symbolik des „Einhorn".
Von Dr. Gast. A. Müller.
Es ist ein viel gekanntes, viel besprochenes, aberdurchaus noch räthsclreichcs Gebiet, das wir heute be-treten, und zweifellos wird jeder gebildete Leser diewenigen Beiträge als schätzbare Funde preisen: denn umdas fabelhafte „Einhorn" interesfiren sich nicht nur dieklassischen und kirchlichen Archäologen, die Kunsthistoriker»die Liebhaber der Mystik, neuerdings beginnt das Ein-