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Horn auch die heterogensten Sammler und Forscherlebhaft zu beschäftigen.
In kurzen Zügen sei zunächst altes wiederholt, dasnicht immer — bekannt ist. Das Einhorn gilt heutewohl zoologisch allgemein als ein absolut mythischesThier, dem die Paläontologie nicht einmal soviel urge-schichtliche Wahrscheinlichkeit verleiht, als dem Drachen.Bartholini?) hat uns anno 1678 freilich erzählt,man habe im XV. Jahrhundert ein solch merkwürdigesThier bei der Kaaba in Mekka gesehen, und Turnermeint, es halte sich in den entlegensten und höchstenBergländern Tibets auf. Es geht dem Einhorn wie derSeeschlange: man weiß nicht recht, soll man daran glaubenoder nicht. Bischof Münter allerdings, gestützt auf seineMonumentalbeweise, schien noch dem sagenreichen Thierhistorische Eristenz zuzusprechen. Meines Erachtens istdas Einhorn durchaus nicht als reine Erdichtung in dieMenschheits-Vorstellung gerathen: einestheils ist unsereWissenschaft mit allen Entdeckungen nicht zu Ende,anderntheils könnte das Einhorn sehr wohl das phantasie-geschaffene „Idealbild" eines wirklichen Prototyps sein,das im Bereich der Thierwelt nachzuweisen ganz gewißnicht unmöglich ist, vorab was dasCharacteristicum,eben das Horn, betrifft.
Dem vorchristlichen Alterthum war das Einhornganz geläufig. F. T. Kraus führt von Ktestas anbis Plinius Belegstellen vor. Für das Alter der Vor-stellung ist uns aber keineswegs die Stelle Mosis V, 33,17oder die umstrittene Hiob, 39,9 maßgebend: die uralteExistenz des Einhornglaubens, zugleich auch dessen un-läugbar orientalische Provenienz,, beweist uns amsichersten Egypten, wo Belzoni im Tempel zu Edfübei Syene eine Abbildung entdeckte. Bemerken will ichhier gleich, daß das vielgenannte Gräberfeld von Achmim-Panopolis gleichfalls ein Einhornbild geliefert hat, dasleider infolge der Defectheit des betr. Textils bei einernäheren Untersuchung nicht in Betracht kommen kann:ob der Wiener Gelehrte, der sich die Darstellung erbat,mehr als ich oder N. Forrer herausgefunden hat, ist mirunbekannt. Aus den zoroastrischen Neligionsideen isteines mit Bestimmtheit für das Einhorn zu entnehmen:das Horn des Thieres symbolisirt^) die Macht, welcheAhrimanns Herrschaft, des bösen Dämons Reich, ver-nichtet. Ein Thier mit einem Mund, drei Füßen, sechsAugen und einem Horn ist^) für diese Lehre der Re-präsentant der reinen Thierwelt. Macht, Unbezähm-barkeit, Wildheit — andererseits Reinheit sind des Ein-horns Eigenschaften. Es ist stark symbolisch, wennNiebuhr auf den Mauern der alten Persepolisdas Einhorn im Kamps mit einem von hintenangreifenden Löwen abgebildet fand, eine Darstellung,die dann auf einem Broncegefäß wiederkehrt, dasMünter besaßt) und das aus dem Kaukasus stammte.
Zum Christenthum übergehend führt Kraus mitRecht zunächst die Väterstelleu an, die allein demHorn eine symbolische Beziehung zu Christus geben.Und ich halte denn auch das Horn für das einzigSymbolische an dem Thiere, für die Quelle aller
') vo nnieornn, ^mstsloä. 1678,
") VvMAö to l'ibot 153, 157.
2 ) Kraus, Rcolenchclopädie, sub „Einhorn".
Rhode, heil. Sagen der alten Baktrer u. s. w. 217bis 219.
Irk 86 ^ 90 ^^°' "0^ Alter und Werth nach morgen!.°) Vgl. jeweils Krans a. a. O.
anderen Deutungen. Noch mehr: ich halte dafür, daßdas Horn eine archäologisch weit bedeutendereRolle spielt, als dies — bisher angenommen ward.Recht schön ist es, wenn Justinus contra Tryph.als Zeuge für die christologische Bedeutung des Hornssagt, letzteres könne nur mit jenem Zeichen verglichenwerden, welches das Kreuz bedeutet; wichtig auch istTertullians Doktrin: non utiMC rliinoccros ckes-tinallatur unicornia nsc rninotanrus Uicornis, scä6Iiristusin illo si^niücasiatur — aber was brauchenwir uns an die Vaterstellen zu klammern, wo doch dieMonumente so deutlich reden? Ich behaupte etwasUnläugbares, wenn ich meine, das Einhorn in deraltchristltchen Symbolik ist in gewissem Sinnegleichzusetzen dem „Kriophoros", dem das Kreuztragenden Lamm und Widder der Katakomben, dem mitdem Laborum geschmückten Hirsche von Achmim ,den ich in meinem Werke über „Kreuz und KreuzigungChristi in ihrer Kunstentwicklung" sowie in diesen Blätterneingehend besprochen habe. Die Kreuz- und Heilssymbolikdieser obengenannten Darstellungen ist llors äwcours:gemäß Justins apodiktischer Erklärung auchdas Einhorn. Demnach ist meine obige Gleichungberechtigt.
Aber nicht nur christologisch-traditionell ist dieseGleichstellung von Einhorn und Kreuz-Widder resp. Lammbegründet, sondern auch rein kunst geschichtlich be-trachtet. Ich bitte die Anordnung des Hornes einerseits,des Kreuzes oder Christusmonogramms andererseits zubeachten: meist ist das Haupt der Träger des merk-würdigen Schmuckes und Geweihes. Es liegt darin einanaloger Gedanke, der Inhalt wie Form der Dar-stellung beherrscht. Diese Verwandtschaft stellt von selbstdie Frage, in welcher Weise beide Darstellungstypen voneinander abhängig seien. Eine Abhängigkeit besteht ohneFrage, und ich definire sie also: die kreuz- resp. laborum-tragenden Thiergestalten der Katakomben und von Achmimsind kunstgeschichtlich aus der älteren Dar-stellungsweise des Einhorn herausgewachsen!
Wir haben bisher die einfachste Symbolik desEinhorns beleuchtet, die aus dem Hörne allein sichergibt. Spätere Zeiten haben das ganze Thier alsSymbol genommen, den Sinn dementsprechend erweitert.Gregor der Große ist es, der dieser Erweiterungschriftlichen Ausdruck verlieh, indem er?) folgender-maßen urtheilt: rllinocsros iatc, Hui cliain monoccrosnominatur, tantas esse lortituäinis äicitur, nb millavcuanlium virtuts capiatur. 8cä aieub irr asssrunt,gut äc8crii)cnäi8 vaturio ainmaliunr ladoriosa in-V68ti Kations Luäavcrunt, vir§o ei pudla proxonitnr, yuas vonisnti sinum aperib, ingnoillsoinnitero citatc po3tpo8itacaput:äepouit sicHue ab ci3 s ^urdus capi yuacriturrepents vslut inermio invenitur. — Hier haben wirden Uebergang zur mittelalterlichen Symbolik, das „na-türliche" Prototyp zur mystischen Symbolik, den sagen-haften Kern der kunstgeschichtltchen Entwicklungder Einhornsdarstellungen!
Zwar findet Gregor in dieser seiner Notiz nochselbst keine Veranlassung, das Einhorn mit der Mensch-werdung Christi in Rapport zu setzen; allein diekommende Zeit thut dies und das Mittelalter übtes reichlich. Den vielerlei Darstellungen gegenüber
Kor. in lob XXX, 13 u. XXXI, 10.