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erwähne ich nur einiges Neue, zur Bestätigung des Ge-sagten und Weckung neuer Resultate. Ich habe dieEinhorn-Sage orientalisch genannt, ich hätte sie, umeinen Ausdruck von Sepp zu gebrauchen, Weltsagenennen können. Allein in ihr steckt etwas specifischOrientalisches, und von weiter Ferne, freilich bis zumGegentheil gemildert, wirft die Minotaurussage ihreStrahlen herüber. Gregor der Gr. mit seiner Notizbaut die vermittelnde Brücke: das Einhorn mit derkeuschen Jungfrau im Verein ist „in gewissem Sinn"ein Widerstück zur Minotaurussage. Die verschiedenstenchristlich-symbolischen Motive mischen sich in den Einhorn-bildern: sie zielen alle auf die Anthropogenesis desErlösers.
Es ist ganz merkwürdig, wie beliebt das Einhorn-bild im Mittelalter war. Als Papier -Wasser-Zeichen (Lichtbild) ist es von dem greisen HerrnLempertz in Köln anno 1891 auf einem Papier vomJahre 1339 nachgewiesen worden in primitivster Form.Dieser Zweck war ein lange beliebter. Soeben weistEdmund Marabini in Nürnberg in einer treff-lichen Schrift die Einhorn-Wasserzeichen auch fürdie alten Papiermühlen der Nürnberger Gebietes nach.Aus dem Jahre 1690 u. f. lernen wir hier einenJohann Weit vom Mülhof kennen, der als Papiererdas Einhorn mit Vorliebe zeichnete: und zwar in aus-gesprochener Pferdeform. Dies ist um so inter-essanter, als die Gestalt des Thieres stark wechselt.Gregor der Gr. kennt es als wilde Eselsart. Höchstinteressant aber ist das Altarbild der „VerkündigungMariä", die Jagd des Einhorns mit vollem Rechte ge-nannt, das wir zum Schlüsse betrachten wollen.
H. Lempertz-Köln gedenkt noch in diesem Jahreeine Anzahl von Ältarbildwerken, die sich auf das Ein-horn beziehen, zu pnbliciren. Das einfachste ist dieses:wir sehen rechts die von einer Taube überschattete knieendeGestalt Maria's mit wallenden Haaren und nimbirt, dierechte Hand ist unsichtbar, die linke scheint ein Ein-horn, das in ihren Schooß hüpft, streicheln zu wollenresp. zu begrüßen; hinter dem Einhorn folgen vier Hunde,drei kleine und ein großer, alle mit Spruchbändernin den Mäulern, an je einer Leine, die von einemgeflügelten Engel in der Rechten gefaßt werden, indessenseine Linke ein Horn znm Munde führt, aus dem einSpruchband mit der Inschrift „ava, Aratin plena,, clc>-lninus lacium" sich herauswindet! Der Engel hält imrechten Arm einen bandumwundcuen Kreuzstab; er istder Jäger des Einhorns, das er „aä sinurn vir-Ainig prwllas" treibt. Die vier Hunde sind bezeichnetals veritn8, xax, rnissrioorciia, und znstütia. DasEinhorn auf dem lieblichen Bild ist ein Mitteldingzwischen einem Füllen und einem Esel, mehr ersteremähnlich, mit wallenden Mähnen. Das zugespitzte ge-wundene Horn des Thieres scheint gerade gegen dasHerz Mariens gerichtet wie ein Sinnbild des namen-losen Schmerzes, der bald die gebenedeiete Seele treffensoll. — Die Darstellung gehört der gothischen Kunst-periode an.
Maria Lnschari und Pontebba.
Von Cölestin Schmid.
(Schluß.)
Jetzt aber an den südlichen, steilen Grashnngenhinab in das Thal des wilden Seiserabaches und dannhinüber zum Jahrmarkt von Pontebba! Am Fuße des
Berges liegt das durch seinen feinen Menschenschlag be-rühmte Wolfsbach. Von da aus erreichen wir, durchGebüsch und Röhricht marschierend, in einer Stunde Dorfund Station Uggowitz. Zwei Stationen Fella - abwärtsstehen wir an der italienischen Grenze. Eine schwacheWasserlinie, die seitwärts vom Gebirge her der Fellazustrebende Pontebbana, markirt dieselbe. Um so schärfersind die Gegensätze der Grenzorte, des deutschen Pontafel,des italienischen Pontebba. Während in den Thälernder Etsch und des Tesstn der Kampf zwischen Germanen-und Nomanenthum auf weitem Felde auf- und abwogt,scheint es hier, als wenn die Brennpunkte zweier gegen-einander wogenden Kampfeslinien, voreilend und gegeneinander anrennend, in gegenseitiger Verwunderung fürimmer erstarrt wären. Immer fester und undurchdring-licher hat sich die Kruste der Zeitläufte auf die beidenGrenzstädte gelegt. So finden wir uns hier, wenn wirüber die schmale Brücke hinüber nach Pontebba gehen,plötzlich in einer waschechten italienischen Scenerie: holpriggepflasterte Straßen, winkliges Häuserwerk mit Knäuelnvon schmutziggrauen, ineinander geschobenen Mauern undöffentlichem Gewerbe, überall Spuren ehrwürdiger Schmutz-überreste, eine in ihrem Aeußern vernachlässigte Bevölkemng,deren scharfgeschnittene, feurige Gesichtszüge aber auch allesUebrige nur als romantisch erscheinen lassen.
Wohl mögen sonst die beiden Orte idyllische Ruhefür ihre gegenseitigen Betrachtungen in Fülle haben; denndie Bahn führt ja allen größer» Verkehr rasch an ihnenvorbei. Heute aber wogt es, als wenn der Grenzbannfür immer gebrochen wäre, herüber und hinüber über dieschmächtige Brücke, und die feierlichen Gegensätze scheinensich in ordnungslosem Durcheinander ein- für allemal auf-lösen zu wollen.
Jahrmarkt von Pontafel-Pontebba l Ich überließ michwillenlos dem übermüthigen, völkermischenden Treiben.Glatt und ohne Störung trug mich dieses durch Pontafel.Hier lehnten sich die Kaufbuden bescheiden und beschaulichan die Häuserreihen, und um dieselben sammelte sich, mehroder minder lebhaft, aber immer mit einer gewissen Be-häbigkeit, der Verkehr in kleinen Gruppen. Nur einzelne,sauber eingerichtete Obstbuden wagten sich etwas kühnerauf die Mitte der Straße vor, und von einem seitwärtsgelegenen Platz drang ein abgerissenes Durcheinander vonLauten, bald italienisch, bald deutsch, herüber, welches sichvon Zeit zu Zeit dramatisch zuspitzte und manchmal auchin jäher Katastrophe abzubrechen schien. Das war derdeutsch -italienische Viehmarkt.
Nunmehr aber setzte mich die Strömung mit einemgewaltigen Ruck auf die Schwelle der Pontebbanabrücke, undmit dem wiederkehrenden Bewußtsein, das mir dabei ver-loren gegangen, wurde es mir auch immer deutlicher, daßmeine übermüthigen Freiheitsträume nur ein schöner Wahngewesen. Denn wie Brückenpfeiler, an denen die Wogensich brechen, standen sie da, die biedern Zollwächter derManarchie, nationalen Argwohn auf Obst und Wein unddergleichen Schmuggelsachen in dem biedern Gesicht. Kaumhatte ich mich an ihnen vorbeigewunden, so stürzten be-reits auch vom andern Ende deren italienische Collegenauf mich zu und untersuchten, romanische Grimassenschneidend, meinen Nucksack mit der Genauigkeit einesUntersuchungsrichters. Aus ihrem Dialektgewälsche wurdemir nur das eine klar, daß sie hauptsächlich nach öster-reichischem Tabak fahndeten, wohl in dem ganz zu-treffenden Bewußtsein, daß ihre heimischen Cigarren trotzihrer romantischen, nationalen Namen: Cavour, Noma,