Ausgabe 
(23.8.1894) 34
 
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Toscana, Minghetti u. dgl., deun doch ein sehr schutzbe-dürftiger Punkt ihrer gepriesenen Halbinsel seien. Sooft ich ferners die Brücke wieder passirte, ereilte auchmeinen Nncksack immer wieder das Schicksal zweisprach-iger Untersuchung, bis ich endlich in ziemlich derber,bajuvarischer Art meine prinzipielle Stellung zu Schmuggel-geschichten klarlegte.

Doch endlich stand ich auf italienischem Boden: dieganze Scenerie machte mir das in energischer Weiseklar. Stellten vielleicht jene sich drängenden Knäuel vonkeifenden, gestikulirenden, ab- und zurennenden Käufernund Verkäufern nicht die gewünschte Lebhaftigkeit derSüdländer deutlich genug vor Augen s Auch erinnertenalsbald an das stolze Wort der Italiener, ihr Land seider Garten Europas , die riesigen, nferdammmäßig aufbeiden Seiten des Weges aufgestapelten Lager vonZwiebeln und Knoblauch, wobei die ausströmenden Ge-rüche die in dem Völkerkampf ermatteten Lebensgeisteralsbald wieder auffrischten. Und dann der Hauch dersüdlichen Sonne auf all den denkbar möglichen Obst-sorten, die bunt durcheinander auf primitiven Karrenumeinander lagen! Mit ruhiger, selbstbewußter Grandezzabedienten einzelne Verkäufer die sie unruhig Umdrängenden.Hier erklärte sich auch die Zugcspitztheit der sonst so ge-müthlichen österreichischen Grcnzwächter; denn das Obstwar da doppelt so billig, als drüben am andern Endeder Brücke.

Von den Karren weg riß mich nun der Stromschonungslos in die engen, menscheustauenden Gaffenzwischen den Budenreihen. Das war wieder Italien !Bald schrie einer der aufgeputzten Verkäufer den glän-zenden Tand und blendenden Trödel seiner Bude lautund kreischend zum Verkauf aus, bald schleppte ein an-derer unter die Menge springend seine Käufer mit sanfterGewalt bei. Schwerer Pflasterstaub zog der herabglühendenSonne entgegen, immer toller wurde der Lärm, dazwischenmengte sich das heitere Lachen italienischer Schönen undscharf herausgestoßene südliche Verwünschungsformeln.Ueber die Buden begann es wie Duft vonschwarzem Kaffee herüberzuziehen, mit dem die übrigenaromatischen Elemente, vom wochenalten Kehrichthaufenbis zum Knoblauchlager an der Brücke, vergebens eineharmonische Vereinigung einzugehen suchten. Immer mehrdrückte auf mein nordisches Gehirn dieses Gemenge süd-licher Lüfte, und bald benutzte ich die erste Lücke zwischenden Buden, um mich, dem Mokkaduft folgend, in einesder vielen kleinen Cafes zu verziehen. Da gab esStühle ü !a Boulevard. Von da aus konnte ich dassüdliche Treiben in ehrerbietiger Entfernung betrachtenund hatte dabei noch die besondere Genugthuung, daßan meinem Horizont auch das Knoblanchlager sichtbarwar. Während ich mir mit etwas eigenthümlichen Ge-danken dessen gewaltige, von der südlichen Sonne freund-lich beschienene Umrisse und die Käufer betrachtete, diewohlgefällig mit ihrer Beute abziehend seinen Hinter-grund belebten, gesellte sich mir ein deutscher Beamter ausPoutafcl zu, der mich auf einen Weinkeller aufmerksammachte. Das war geeignet, meinen südlichen Studieneinen feierlichen Abschluß zu geben.

Wir blieben bald vor einem der niedrigen, schmutz-igen Häuser stehen, über dessen Thüre auf einem alters-eutkräfteten, schiefhängenden Firmenschild zu lesen war:

Ia zur Wohlleben". OuLa§nr>. bedeutet

Schlaraffenland, die Uebersetzung des Wirthes war sehrwohlmeinend, mit italienischen Nachklängen. Ein paar

nicht ungefährliche Treppen führten in ein sehr mäßigbeleuchtetes, unterirdisches Lokal. Allwählig entwirrtensich mir in dem zutraulichen Dämmerlicht, das durcheinige Gucker hereinfiel, die Gegenstände meiner Um-gebung als einfache Brettergerüste, um die herum aufkleinen Fässern sitzend Zechende jeder Sorte, aber mitunverkennbar italienischem Gepräge, sich drängten. Anden graubraunen Wänden glitzerten einzelne herabrinnendeWafferstreifen, die Decke schien sich in ein undurchdring-liches Geheimniß von grauen, braunen und schwarzen Farb-töuen hüllen zu wollen. Im Hintergründe aber ragten,von den schräg herabdringenden Lichlrcflcxen umspielt,vier gewaltige Weinfässer, ein Durcheinander von Natioual-küse und der unvermeidlichen Salami bescheiden zu ihrenFüßen. Sie enthielten Veuetianer und Jstricr, den Literzu 20 Kreuzer! Es dauerte nicht lange, so gaukelte mirder schwarzrothe Trank immer mehr sich verwirrende Bildervor. Bald glaubte ich in meinen Träumen alle die schönenheroischen Bilder von der Decke des Münchener Naths-kellers vor mir zu haben, bald huschten wie Schatten-bilder bergauziehende Wallfahrer vorbei, deren Wegejedoch anstatt der Stcindümme unendlich scheinende Knob-lauchlager schützen mußten. Bald verwandelten sich auchdie Wallfahrer in lauge Züge selbstbewußt schreitender Obst-männer und schienen dann unter dem Wogen schwüligerDünste als Holzbuden sich breit an die Straße zu stellen,zwischen denen aus ringelnden Dünsten keifendes, lachendesVolk aufzutauchen begann. Da zog es in Schwärmen überdie Grenzbrücke, eine Völkerschlacht begann, ich stak mittenim Knäuel. Ich erinnerte mich, daß ich klassisch gebildetsei, und betete zum lluxitsr O^tnrnus Hnximus. Dasah ich weit in der Ferne die Tempel der römischenBurghöhe blinken, Merkur kam, hinter einer Wolketauchte heiß und glühend die Sonne hervor, das ganzeBild zerfloß in einen goldigen Nebel, der sich wonnigund strahlend endlos zu dehnen schien. Das waren dieletzten Strahlen der sinkenden Sonne, die durch dieLücken zwischen den Weinfässern hereinfielen. Ich hattegerade noch soviel Zeit, in höchster Eile den Zug nachTarvis zu erreichen.

Hast du, mein Leser, schon einen Dom oder Buch-illustrationen aus dem romanischen Mittelalter gesehen sDa schauen dich gar seltsam an allen Ecken und EndenDrachen und Ungeheuer, Neste deS überwundenen Christ-Heidenthums, gähnend, geheimnißvoll an. Das Christen-thum hat sie zu fratzenhaften Portalwächtcrn, zu Dach-speiern, zur Bildumrahmnng herabgedrückt, aber da sindsie, wenn auch nur als Staffage. Aus der tiefen christ-lichen Symbolik selber aber taucht auf einmal der Volks-humor in Form eines entsprechend postirten Affen, desTodes oder Teufels als komischer Figuren auf. Dasist ungefähr die Form, wie sich der erste Volksglaube inunverdorbenen Gebieten erhalten hat. So findet er sichnoch in den geheimen Winkeln des bajuvarischen Volks-lebens, so noch in versteckten Thälern der deutsch -öster-reichischen Alpen, so vor allem noch in jenen gemischtenGebieten, wo sich unter der feinen deutschen Cultur -schichte der couservative Untergrund slavischen Volksthumsfindet.

Gar, wenn noch Elemente des alpinen Italien dazu kommen! Und so gleitet der Blick unwillkürlich,ohne künstliche Macherei, von der zwerghaften Komik desJnhrmarktsgetriebes wieder empor zu den Höhen desLuschari, der vom Norden her freundlich, aber mit um! so höhern Jdeenaffociationen winkt. Dasselbe natürliche