275
stammen. Auf den zarten, empfänglichen kindlichen Or-ganismus vermag jedenfalls auch eine dem ärztlichen und nochmehr dem Laienauge verborgene vorübergehende Krankheitder Eltern ansteckend zu wirken, besonders wenn äußereBedingungen hiezu beitragen. Es hat z. B. fast jederMensch (o/,o der Gestorbenen) Tuberkeln. Aber diesezeigen sozusagen ein Streben nach Heilung, wenn diesenicht durch äußere Einflüsse gehemmt oder unmöglichgemacht wird. Es können unter besonders günstigenUmständen die Eltern oder eines von beiden mit einerKrankheit behaftet sein und doch das Kind nicht an-stecken; die faktische Ansteckung des Kindes braucht nichtvon den Eltern herzurühren. So sehr ich daher auchvon meinem Standpunkte aus zur Erzeugung eines all-seitig gesunden Geschlechtes die allseitige Gesund-heit der Eltern betonen muß, so halte ich doch eineunbedingte Uebertragbarkeit (Erblichkeit) ausgeschlossenund glaube, daß unter entsprechender Vorsicht und unterAnwendung der rechten Mittel auch von kränklichenEltern gesunde Kinder stammen können. Worin dieseMittel hauptsächlich bestehen, werden wir weiter untensehen.
Werden die schädlichen äußeren Einflüsse durch nichtsgehemmt, können sie ihre volle Wirksamkeit entfalten, dannvermögen sie ein an sich ganz gesundes Leben in seinenersten Stadien gavz oder theilweise zu verderben. Diegenaue Periodicität der behaupteten Erblichkeit hat zudemnoch niemand festgestellt, sie wird einfach im allgemeinenangenommen, über ihren Verlauf im einzelnen schweigtman sich aus oder gibt eine Art Regellosigkeit derselbenzu. — Nach meiner Anschauung läßt sich sogar dieUebertragung der primären Verrücktheit, bei der doch jedeVererbung im eigentlichen Sinne von Hause aus aus-geschlossen ist, ganz gut erklären. Ich finde die primäreVerrücktheit darin, daß zwar die Organe an sich gesundsind, aber in verkehrter Weise gebraucht werden. Danun die Seele des Menschen als geschaffener Geist nie-derer Ordnung bedingt ist, und zwar sowohl in ihrerAusbildung überhaupt als auch hinsichtlich der scientifischen,moralischen und socialen Richtung, so kann ich es mirganz gut erklären, daß ein Kind, welches im Hause unterdem beständigen Einflüsse eines Menschen mit nach irgendeiner Beziehung abnormer Geistesrichtung steht, sich indiese Richtung allmählig sozusagen hineinlebt. NervöseEltern machen ihre Kinder nervös, mögen diese von Naturaus noch so gesund sein. Ja die Erfahrung geht nochweiter: Nervöse Lehrer beeinflussen ihre Schüler; selbstin höheren Erziehungsanstalten, wo es sich um Candi-daten im Anfang der zwanziger Jahre, also im Stadiumder Vollendung der körperlichen Ausbildung handelt, kannder nervöse Vorstand seine Untergebenen anstecken, ins-besondere wenn er beliebt ist und als allseitiges Musterder Nachahmung gilt.
Den tieferen Grund dieser Uebertragung erkennenwir, wenn wir das fast einzige Mittel zu ihrer Ver-hinderung näher in's Auge fassen. Dieses Mittel ist ein-fach möglichster Wechsel. Das Gesetz des Wechsels,der Differenz, zieht sich durch das gesammte organischeLeben, den Menschen mit eingeschlossen, hindurch, reichtsogar hinauf bis zur geistigen Thätigkeit des Menschen.Es läßt sich zwar nicht als Grundgesetz aufstellen, aberes ist ein sekundäres Gesetz von weitesttragender Be-deutung. Bleiben wir beim Menschen stehen! Es be-herrscht seine Nahrung (auch die beste wird zum Ekelbei beständiger Wiederholung), seine Vergnügungen
und Erholungen, seine Sinnenthätigkeit (ein-förmige, dauernde oder sich ständig wiederholende Reizestumpfen ab und werden zuletzt ganz wirkungslos), seinegeistige Thätigkeit (dauernde Einseitigkeit derselbenbewirkt bleibende Einseitigkeit, stumpft das Interesse unddie Empfänglichkeit für anderes ab, macht pedantisch undstört die geistige Harmonie), ja sogar den Wechselselbst. Wird dieser beständig, wird er zur Ruhe-losigkeit, ist er nicht compeusirt durch ein Moment derRuhe und Stabilität, dann stumpft er ebenfalls ab undführt zur Blastrtheit oder auch zu nervöser UeberreizungWie eine kränkliche Pflanze durch Versetzung an einerneuen Standort sich vielfach erholt, so auch der Menschdurch den Wechsel. Darum wechselt der Arzt mit derArznei und der Nahrung, ja wo es sein kann mit demAufenthaltsort seines Patienten. Aus ihrem Nomaden-leben, also aus dem beständigen Wechsel, erkläre ich mirdie Erhaltung der Kraft der Urväter trotz der Heiratheninnerhalb derselben Familie. Man beachte sogar, wie imLaufe der Zeit sogar die Natur selbst (um diesen einmalgebräuchlichen Ausdruck beizubehalten) für die Aenderungin der Nahrung sorgt. Die altbaperische Bevölkerunghält sich heute viel weniger an die Ernährung von fettenMehlspeisen wie vor 30 Jahren. Man weist, um dasVerderbliche der Heirathen in zu eng gezogenen Kreisennachzuweisen, gewöhnlich auf die höheren Gefellschasts-schichten hin. Aber selbst diesen Hinweis kaun ich nichtvoll gelten lassen. Ich glaube nämlich, daß die Ver-derblichkeit solcher Heirathen in den höheren Gesellschafts-schichten sich noch viel mehr geltend machen würde, wennnicht denselben der weiteste und ausgiebigste Gebrauchdes Wechsels in den verschiedensten Beziehungen hinsicht-lich der Ernährung, des Aufenthaltes, der Beschäftigungu. s. w. zu Gebote stünde. Ich bin der Ansicht, daßsich diese Verderblichkeit in den tieferen Schichten ebenwegen der Unmöglichkeit des Wechsels thatsächlich nochweit mehr geltend macht, als in den höheren. Der that-sächliche Zustand entzieht sich hier wegen der Schwierig-keit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit der statistischenZusammenstellung unserer auch nur einigermaßen genauenund sicheren Erkenntniß. Ich komme also auch von meinerAnschauung aus zur Forderung einer möglichsten Aus-dehnung der gegenseitigen Heirathsbezirke; ich möchtedieselben nicht bloß auf die verschiedenen Stämme undVölkerschaften eines Landes, sondern, soweit es ohnesonstige Nachtheile geschehen kann, über die verschiedenenNationen ausgedehnt und selbst da noch einen bestimmtenWechsel eingehalten wissen. Neben dem eigentlichen Zweckewürde sich gewiß noch eine ganze Reihe moralischer, so-cialer und politischer Vortheile ergeben.
Die Quintessenz meiner Anschauung möchte ich dahinzusammenfassen, daß sie die entsprechenden Thatsachenhinreichend erklärt, den wissenschaftlichen Anforderungenvollständig genügt und dazu den Trost einer verhältniß-mäßig leichten und vollständigen Heilbarkeit der etwa vor-handenen Belastung gewährt. Auf einen Punkt muß ichschließlich noch aufmerksam machen: Etwa vorhandenegeistige Abnormität wird vielfach nicht früh genug be-achtet, und wenn dieses, vielfach vernachlässigt und durchdas Benehmen der Umgebung, sei eS durch Mißbrauchzu Scherzen, sei es durch abstoßende Zurückhaltung, ge-steigert, anstatt gemindert. Frühzeitige Versetzung ineine andere Umgebung ist in der Regel sowohl in ma-teriell-leiblicher als in geistig-persönlicher Beziehung dieGrundbedingung einer sicher zu erhoffenden Heilung.