Ausgabe 
(30.8.1894) 35
 
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Der Nimbus.

(Schluß.)

I>. L. ES fand sich also in dem zuletzt erörtertenPunkt kein Gegensatz im Christenthum mit heidnischenAnschauungen, der eine Ablehnung des Gebrauches desNimbus verlangt hätte. Falsch ist demnach, wenn Krenserschreibt:")Um heilige Personen von anderen zu unter-scheiden, verfiel die christliche Kunst vielleicht schon inihrem Anfang darauf, als unterscheidendes Merkmalden Heiligenschein beizugeben", oder wenn Menzel") inseiner Symbolik vom Nimbus sagt:Ganz andere Be-deutung wie bei den Heiden, wo er die Sonnenscheibevorstellt, hat der Nimbus bei den Christen. Hier drückter die Macht des Geistigen im Leiblichen aus, die denLeib gleichsam überfluthet und über ihn hinausstrahlt."Der heidnische Nimbus stellt ebensowenig die Sonnen-scheibe vor denn wie kämen Pluton und Hekate zurSonnenscheibe als in den christlichen Darstellungender ersten Zeit der nicht etwa dem Heiland, sondern demrichtenden Herodes gegebene Nimbus die überfluthendeMacht des Geistigen im Leiblichen bedeutet.

Auch wenn Herradis") sagt: Lumina, csuus oiroo.oaputi sauotorum in inocluin virouli äöxin§unturäogi'Avant guoci luvrivs astsrvi Zploväoris oorovatilruuvtnr. oiroo voro soouväum tormarv rotunäisouti xivAuvtur c^uia clivina xrotootious ut Kontonnininntnr; so ist das zwar vom späteren Standpunktaus eine sehr schöne Symbolik, aber die, welche denNimbus erfanden, und auch die christlichen Künstler,welche ihn zuerst anwendeten, wußten von alledem nichts.

Auch hat er in christlichen Darstellungen zunächstnicht die Bedeutung der Göttlichkeit, sondern ist Zeichender Macht und Jurisdiction, der 2laiostg,3 iivporialis. Indiesem Sinne hat Herodes und der Kaiser Justinian den Nimbus.

Gebräuchlich wurde die Anwendung des Nimbuserst in der Zeit Constantins. Vereinzelt findet er sichaus Goldgläsern aus dem 3. Säculum.

Insbesondere ist es der wunderwirkende Heiland,der mit dem Nimbus ausgezeichnet ist. So bei derHeilung des Gichtbrüchigen, der Brodvermehrung u. dgl.Besondere Erwähnung verdient auch eine Darstellung ausdem Cömeterinm des hl. Petrus und Marcellinus.")Ein Lamm trägt auf dem Rücken das die hl. Eucharistiesymbolisircnde Milchgefäß, welches mit einem Nimbusumgeben ist.

Sehr früh erhielten auch schon die evangelischenThiere den Nimbus, sei es, um sie dadurch als religiöseBilder zu kennzeichnen, sei es, weil man darin im heid-nischen Vogel Phönix ein Vorbild fand.

Interessant ist auch, daß die Gnostiker den Nimbussehr viel verwendeten, so z. B. in der Darstellung derägyptischen Schlangengottheit Kneph.")

Innerhalb des Christenthums ging die morgen-ländische und abendländische Kirche im Gebrauch desNimbus gar bald auseinander. Erstere schrieb nämlichihren Künstlern die Verwendung des Nimbus nicht nurfür alle Heiligen, auch die des alten Bundes, sondernauch für alles Ueberirdische, also auch für das Dämonischevor. Der kleinliche byzantische Hofgeist aber machte sich

") Kreuscr, der christl. Kircbcnbau. II, 87.

») Menzel. Symbolik. II. 159 sf.

") Otte, Handbuch d. Kunstarchäol. I, 550.

") De Waal in Kraus' Realencyclop II, 497.

") Stephane l. o.

darin geltend, daß man den Nimbus je nach Rang undWürde des Heiligen in verschiedenen Farben malte. AufJudas entfällt Hiebei ein schwarzer Nimbus.") Im Abend-land dagegen wurde der Nimbus immer mehr zum eigent-lichen Heiligenschein. Freilich findet sich auch in einerMiniatur aus dem 10. Säculum der Teufel mit demNimbus. De Waal möchte hierin eine Ironie er-blicken.") Es scheint aber näher zu liegen, der Zeichnerhabe damit die Macht des Höllenfürsten ausdrückenwollen. Vielleicht dachte er keines von beiden undahmte einfach ein byzantinisches Vorbild nach.

Kleinere Verschiedenheiten und Unterscheidungen bil-deten sich indessen auch im Abendlande aus. So kommtder dreieckige Nimbus ausschließlich Gott dem Vater, dermit dem Labaron geschmückte Gott Sohn, der mit einemeinbeschriebenen Kreuze Gott Sohn und dem hl. Geist,niemals aber einem Heiligen zu. Die Mutter Gottesund der hl. Johannes Nepomuk haben einen aus Sternenzusammengesetzten Nimbus, erstere als Ltolla Llaris,letzterer, weil über seinem Leichnam in der Moldau siebenSterne sichtbar gewesen sein sollen.

Bis zum 12. Säculum war der Nimbus eine feineKreislinie, im 12. und 13. wurde er dicker und schwerer;im 14. und 15. pflegte man ihm den Namen des betr.Heiligen einzuschreiben, im 16. wurde er so grob undschwer,") daß erwie ein Mühlstein auf dem Hauptelastet". In Italien umgab man die Figur Christi undder Muttergottes häufig mit einem mandelförmigenStrahlenkranz, rvaväorla genannt. Dieser Gebrauchverpflanzte sich auch nach Deutschland , wo man in derForm der manäorlg, die eines Fisches, des SymbolesChristi , erblickte.") Statt der strengen Form des Nim-bus und Strahlenkranzes verwendete die sich von steifenFormen immer mehr befreiende Malerei der Renaissanceverschwommene Lichtschimmer, Regenbogen, Glorien auSlichten Wolken, Tauben oder Engclsköpfen, unterließ esauch manchmal ganz den Heiligenschein beizugeben undsuchte den übernatürlichen Charakter besonders im Gesichts-ausdruck darzuthun. Die neueste Malerei verschmäht denNimbus keineswegs, und es ist wohl nicht zu viel be-hauptet, wenn man sagt, daß sie ihn manchmal garnöthig hat, da sonst niemand in diesem oder jenem Bildeinen Heiligen suchen würde, wenn uns nicht der bei-gegebene Nimbus mit Gewalt diese Vorstellung auf-drängen würde.

Um das im Vorausgehenden versuchte Bild von derBedeutung und Anwendung des Nimbus zu vervoll-ständigen, erübrigt uns nur noch, den Gebrauch desselbenbei noch lebenden Personen kurz ins Auge zu fassen.Ein solcher Gebrauch entstand erst in der späteren römischenKaiscrzeit. Ein indoskythischer Fürst Namens Oerki sollder erste gewesen sein, der sich mit dem Nimbus dar-stellen ließ?") Später galt er dann ganz allgemein alsunerläßliches Attribut der königlichen Würde. In Ge-orgien hat sich noch im 17. Säculum der Scha Abbasmit dem Nimbus malen lassen?')

Auch das Christenthum gestand lebenden Personenden Nimbus zu. Aber es gab denen, dieden Kampfnoch nicht gekämpft, den Lauf noch nicht vollendet und

">) Menzel l. o. II, 159.

") Kraus 1. o.

") Otte I. o. 551.

") Kreuscr I. o. I, 742.

i°) Stephan! I. «r. 360.

«) Stephan! I. o. 360.