Ausgabe 
(30.8.1894) 35
 
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die Krone der Gerechtigkeit noch nicht empfangen hatten",nicht den Nimbus in Form der die Ewigkeit, Vollendungund Vollkommenheit symbolisirenden Kreislinie, sondernin Gestalt eines Vierecks, was man dann wohl mitDurandus mit den vier Cardinaltugenden in Verbindungbringen mag. So zeigt uns eine Miniatur aus MonteCassino den hl. Benedikt mit dem runden, den Abt vonMonte Cassino mit dem viereckigen Nimbus.^)

Doch den Menschen war es nicht genug, sich mitdem Nimbus vor oder nach dem Tode bildlich darstellenzu lassen, die Herrscher der Erde wollten auch selbst imLeben ein an die Göttlichkeit erinnerndes Abzeichentragen. Da nun Nimbus und Strahlenkranz hiezuäußerst unpraktisch waren, sammelte man die Strahlensenkrecht stehend auf einem Band oder Reif und hatteso die Strahlenkrone. Auch diese ist griechische Erfindungaus der Zeit Alexanders des Großen. Dadurch, daßman diese Strahlenzinken keilförmig, kürzer und nachauswärts gebogen machte, entstand dann die Zackenkrone.Außer den Herrschern trug auch der Opfernde eine solcheKrone, da ja das Opfer eine eigentlich königliche Hand-lung war. Cäsar trug sie im Theater, Nero ließ sichauf Münzen zuerst damit darstellen?«) Nach Augustus finden wir sie auch statt des Nimbus für Götterbilderverwendet. Wohl zu unterscheiden sind natürlich davondie Kronen von der Form der päpstlichen. Sie stammenalle von der persischen Tiara, welche eine wirkliche cylinder-förmige Kopfbedeckung war, die allerdings oben auch kurze,stumpfe Zacken oder Niesen hatte. Aber diese sollten keines-wegs Lichtstrahlen vorstellen, sondern waren aus der An-schauung des Pflanzenreiches entnommen.^)

Wir haben nun im Vorausgehenden gesehen, daßdaS Christenthum den Heiligenschein, so christlich er unsvorkommt, nicht erfunden, sondern vielmehr vom Heiden-thum herübergenommen hat. Es war dies möglich, weilsich in diesem Punkt Heidenthum und Christenthum nichtfeindlich gegenüberstanden, sondern im allgemein Mensch-lichen sich die Hand reichten. Denn überall, wo wirden Nimbus treffen, im Heidenthum wie im Christen-thum, in alter und neuer Zeit, ist er der unwillkürlicheAusdruck des gemeinsamen und allgemein menschlichenBewußtseins, daß etwas Höheres, als das Materielle, inuns wohnt, er ist der Ausdruck des allgemeinen Wunschesnach Vergeistigung und Vergöttlichung, er ist, möchte ichsagen, die bildliche Darstellung der Idee des Geistigenund Unsterblichen.

Die socialistische Staatsidee beleuchtet durchThomas von Aquin.

ä. V. I«. Bekanntlich lieben es socialistische Rednerund Schriftsteller sich in ihren Ausführungen auf Stellenaus den Werken des Aquinaten zu berufen. Einerseitsbezwecken sie dadurch, die Ansicht zu begründen, der vonuns Katholiken so sehr gefeierte Kirchenlehrer sei ihrenTheorien nicht fremd; anderseits aber wollen sie so auchdarthun, wie wenig das Christenthum im Stande ge-wesen, die einseitigsten Uebertreibungen des sogenanntenKlasiensystems zu unterdrücken. Demgegenüber ist esgewiß ganz zeitgemäß, wenn der, auch den aufmerk-samen Lesern unserer Beilage, als gründlicher Thomas-kenner wohlbekannte, äußerst rührige Dr. CeslauS

") Kraus l. v. 498.

Stephani I. v. 360.

") Stephani l. o. 360.

Maria Schneider unter obigem Titel ineigenem Schriftchen (S. 98, 8", Paderborn 1894,Bonifatius-Druckerei) den Mißbrauch des HI. Thomasseitens der Socialisten brandmarkt. Eingehend weist dergelehrte Herr Verfasser nach, und zwar durch ausführ-lichere Darlegung der Lehre des Aquinaten selbst, daßalle derartigen, socialistischerfeits gebrachten Belegstellengemäß der ganzen Anschauung des hl. Thomas vonvornherein entweder durchaus auf Fälschung beruhen, oderauf Unkenniniß der von ihm gebrauchten Ausdrücke, oderendlich auf der Loslösung einzelner Sätze aus dem Zu-sammenhange.

Die einschlägige Lehre des hl. Thomas enthält zu-dem, auch abgesehen von den augenblicklichen Angriffenauf dieselbe, so viel wirklich Nützliches und Frucht-bringendes auf socialem Gebiete, daß sich auch darumeine genauere Wiedergabe überaus empfiehlt. Der Aquinateläßt einzig die Vernunft sprechen. Was die reine Ver-nunft über die menschliche Gesellschaft und deren Beschaffen-heit sagt, das untersucht Thomas. Nur durchaus stich-haltige Gründe sollen gelten, und zwar Vernunftgründe.Deshalb hat auch der Verfasser gerade die Politik deshl. Thomas, d. h. dessen Erklärungen zu dem ent-sprechenden Buche des Aristoteles, zu Grunde gelegt, undnicht die Summa oder dessen Schrift äs re§iininsxrinoixum. Da kann sich jeder, schon durch die äußereGestalt eines Comwentars zu Aristoteles , überzeugen, daßhier in keiner Weise die Offenbarung maßgebend ist,sondern die reine Stimme der natürlichen Vernunft, wiesie in allen Menschen wiedertönt, welche nur ernst aufsie achten wollen. Daraus folgt ein weiterer Vorzug,welcher die Darlegungen des hl. Thomas auszeichnet und,zumal für unsere Zeit, recht praktisch macht. Thomasstellt sich auf rein natürlichen Boden. So breitet sichdenn gar leicht vor unsern Augen das weite Gebiet aus,auf welchem das positive Gesetz die Natur zu vollendenberufen ist.

Der Hauptzweck vorliegender Schrift ist, besondersin den für die gesellschaftliche Ordnung unserer Tagewichtigen Punkten, die sichere Lehre des berühmten Fürstender Scholastik klar vorzulegen. Keine verknöcherte Staats-ordnung wird von St. Thomas vertheidigt. Das Gutein unsern heutigen Staatengebilden hebt er vielmehrschon nachdrücklich hervor. Auch schält er los den ge-sunden Kern in den Bestrebungen des Socialismus, so-weit dieser nicht eine Sekte sein, sondern das geordneteZusammenleben der Menschen befördern will.

Nach einer Einleitung über den Zweck der staat-lichen Ordnung werden in 4 Kapiteln der Reihe nachbehandelt: die zwei Hauptklassen im Staate, dieErwerbsquellen, die Familie, Widerlegungdes Com munismus. Zuerst wird in jedem Kapitelder entsprechende Text aus Thomas vorgelegt und darangelegentliche Bemerkungen und Vergleiche angeschlossen.Vor allem betont St. Thomas die natürlichen Prin-zipien des staatlichen Zusammenlebens. Natur ist ihmnie das voll genügende Prinzip für das einzelne Seinund Wirken. In der heutigen Redeweise deckt der Aus-druckNatur" alle Verlegenheiten. Jeder gebraucht ihndeshalb, wie es ihm gerade paßt. Bei Thomas ist deut-lich ausgedrückt, wie sich jemand bei Behandlung socialerFragen auf die Natur berufen kann. Sie ist das Ge-meinsame in allen Menschen. Neben der Natur unter-scheidet Thomas im Menschen noch ein anderes Element:jenes, durch welches der Einzelne unter die Natur hinab-