Ausgabe 
(6.9.1894) 36
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 36

6. Zeptbr. 1894.

Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst .

Jahresmappe.

Wenn die Vereinsgabe des Vorjahres schon durch»schlagenden Erfolg erzielte, so daß Blatter aller Richt-ungen sich lobend und anerkennend über die Publikationäußerten, so darf Heuer die Gesellschaft in Rücksicht aufihre neueste Publikation siegesgewiß in den Wettstreitmit allen derartigen Unternehmungen eintreten.

Die Organisation der Gesellschaft, die Jurywahlinsbesondere verbürgten, daß etwas Tüchtiges geleistetwürde, aber auch die Erwartungen begeisterter Freundedes Unternehmens wurden übertroffen.

Schon der Umfang der Publikation konnte wiederum ein Bedeutendes erweitert werden. Es sind darinzwar nur 10 Tofeln, gegen 12 Tafeln des vorjährigenHeftes, dafür aber im Texte noch 12 Illustrationen.Gerade letzterer Umstand ist besonders zu. begrüßen. Esist dadurch das instruktive Moment der Mappe besserins Licht gerückt und hat zugleich der Gesammteindruckder Mappe auch mit Rücksicht auf die Anordnung undelegante Ausstattung des Textes wesentlich gewonnen.Schon beim Aufschlagen der Mappe tritt uns also einFortschritt entgegen, und ist hier die mühsame Thätigkeitdes ersten Schriftführers, Herrn Inspektors S. Staud-hamer, der wohl hierauf zunächst einwirkte und aus dessenFeder der ausführliche, fleißig ausgearbeitete Text stammt,in rühmender Weise zu erwähnen.

An der Spitze des Textes ist auf einem eigenenWidmungsblatte dieebenso erfreuliche als aufmunterndeThatsache" verzeichnet:Seine Königliche Hoheit derPrinz-RegentLuitpold von Bayern , an welchemdie Kunst gleich allen idealen Bestrebungen einen uner-müdlichen und weisen Förderer besitzt, hat die deutscheGesellschaft für christliche Kunst mit seinem Beitritt be-ehrt." Somit erscheint die heurige Mappe auch als einebescheidene Huldigung an den erhabenen Protektor derMünchener Kunst.

Im Folgenden erhalten wir sodann einen Commentarzu den einzelnen Reproduktionen, Aufschlüsse über Lebens-verhältnisse und Thätigkeit der Schöpfer der abgebildetenWerke, theils Neues, theils eine Ergänzung der Notizenin der vorjährigen Mappe bietend. Reizende Tert-illustrationen erläutern das Gesagte noch deutlicher. Wirkönnen uns nicht versagen, ganz besonders aufmerksamzu machen auf die vorzügliche technische Ausführung derReproduktionen, sei es in Kupferdruck oder Phototypie.Herr Obernetter hat sich mit diesemjüngsten Erzeuguißseiner Anstalt" nicht nur neuen Ruhm, sondern vorallem auch Dank und Anerkennung seitens der Gesell-schaft verdient, da man durchweg wahrnimmt, daß derInterpret eifrigst bemüht war, bei der Uebersetzung indie Sprache deS einfarbigen Druckes dennoch der Klar-heit und Schönheit des Urtextes möglichst nahe zukommen. Man erkennt unschwer, daß hier nicht nurdas Geschäftsinteresse maßgebend war, sondern aufrichtigeLiebe zu der Sache.

Der Inhalt der Mappe ist im Einzelnen folgender:Vollblätter: 1) St. Martinsktrche in Chicago , vonArchitekt Beckerin Mainz; 2) Entwurf zu einer Brücken-kapelle, von Architekt Wetterwald in Gebweiler imElsaß , Möbelmagazin; 3) Modell zu einem Marien-altar, von Bildhauer Busch in München , Augusten-

straße 75/0 N.; 4) Brunnenmodell, von BildhauerGamp in München, Schillerstr. 26/R.; 5) Madonna mit Kind, von Bildhauer Pros. Heß in München ,Louisenstr. 17/1.; 6) L. 08 L von Bild-

hauer Waders in München , Schillerstr. 26/N.; 7) Er-innerungsbild an denseligenGrnfcnLudwigvon Arco-Zinneberg, von Maler Baumeisterin München , Augustenstr. 29/1. N.; 8) Altargcmälde,von Maler Pros. vonDefreggerin München , Königin-straße 31; 9) St. Pantaleon, Kranke heilend,von Maler Feuerstein in München , Schwanthalerstr.33 R. II.; 10) Chorbogenbild, von Maler Fuge!in München , Heßstraße 4/1V.; Bilder im Text:1113) Studien, zu Engeln ( Nr. 7), vonBaumeister; 14) Rast auf der Flucht nachAegypten, von Maler Benz in München ; Schiller-straße 26/11. N.; 15 u. 16) Studienköpfe zumChorbogenbild ( Nr. 10), gemalt von Fuge!;

17) Modellstudie zu einem Schriftgelehrten, gezeichnetvon Maler Locher in Btünchen, Adnlbertstraßc 76/1.;

18) Martyrium des heiligen Vitus, von Maler

Müller-Warth in München , Theresienstr. 81; 19)Religion, von Maler Schleibner in München ,Zieblandstr. 16/IV.; 20 u. 21) Profil- u. Vorder-ansicht der Rosa ( Nr. 6), von Waderö;

22) St. Magdalena, von Maler Walch in München ,Atelier in der Akademie der bildenden Künste .

Die Perle der ganzen Mappe ist WaderL's Rosamxotäoa,, ein Madonnenideal, wie es wohl zu keinerZeit inniger, erhabener und keuscher gedacht wurde.Esdürfte unwidersprochen bleiben, wenn mau seine .Uoonrn^tiou' als die bedeutungsvollste Frucht seines Geniusbezeichnet." Mit Recht führt der Text die innigen WorteWalthcrs von der Vogelweide an:

Maria, Magd, du hochgelebte Frau, du süße,. i.

Dein Schöpfer, Vater, Kind ist z» dir eingegangeni

Uns allen Heil, daß du ibn hast empfangen!

Den Höhe, Breite, Tiefe, Läng' umfinge nimmermehr»

Dein kleiner Leib, mit süßer Keuschheit barg ihn der."

Diesem reiht sich würdig derMarieunltar" vonGeorg Busch an. Tritt uns in jenem Werk die ent-zückende Schönheit, die keusche Erhabenheit des Madonnen-ideals selbst entgegen, so in diesem der ganze poesievolleReiz der Marienverehrung. Zu einem solchen Werkgehört ein warm empfindendes Gemüth, unverdrossenesStudium der Natur und ein bedeutendes Können. .. .Diese Kindergestalten muthen uns an so frisch wie Lucadella Nobbia's, aber sie sind nichtnachempfunden",sondern aus dem Innern herauscrfnnden und in un-mittelbar der Natur abgelauschten Typen zum Ausdruckgebracht; so der Text; darum meinen wir aber, sie seienrecht und echt deutsch , und recht und echt innig, wie ebenvon Georg Busch . Die feinen Detailaufuahmcn imText erhöhen noch den Genuß der beiden genanntenWerke. Von malerischen Werken dürfte sich diesen inganz origineller Weise Baumeisters Erinnerungsbild andie Seite stellen. Hier ist es wohl am Platze, an diebesten Marienbilder des Mittelalters zu erinnern, dennwas Schongauers Pinsel angestrebt, haben wir hier voll-endet vor uns. Und wieder ist es eine neue Seite derMariendarstellungen, Maria erscheint hier als Hoffnungder Sterbenden, als Trost der Wittwen. Und welchein Frieden im Antlitz dieses Todten.

' Ein hübscher Zufall ist, daß in dieser Lieferung so