Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkärnten ).
Von Cölcstin Schmid.
Nur ungefähr 250 in überragt der Osternigg das1700 in hoch gelegene Gebiet der Uggowitzer und Feist-ritzer Almen, welche sich auf den grasreichen, südlichenFortsetzungen der Karawankenkette ausdehnen. Aberglühend brütete es in dem geschürften Felshange, an demder Weg hinanklimmt. Noch zeigte sich an geschütztenPlätzen manch zartes Alpenblümchen, wie die alpinePrimel, Nelke und das gelbe Veilchen; doch die Königinder Höhen, das Edelweiß, ließ kraftlos den verblühtenStern hängen. Dafür tauchte nun, oben auf der Schneidedes Grates, in weiter Ferne ein erhabenes Bouquct auf,mit riesigen Diamanten besetzt, die in der Mittagssonneflimmerten: Hafnereck, Großglockner , GroßvenedigerlMächtig über ihre Umgebung emporragend, leuchteten sievom Norden herauf wie entschwundene, zeitferne Gebildeder Göttersage, glitzernd und blendend, aber über dieWolken der Erde in reine, unnahbare Himmelstiefentauchend, die von dem kleinlichen, boshaften Gewürze derZeitgeister nichts wissen, die nur dem jugendlich frischen,phantasievollen Sinne des jungen germanischen Volkes,feinen sehenden Führern sich offenbarten. Es wird nichtohne Grund sein, daß gerade in dem stürmenden, sehn-suchtsvollen 18. Jahrhundert der Großglockner zum ersten-mal von dem edlen Fürstbischof von Salm erstiegenwurde. So berückend das unendliche Berggewirre desOstens zieht, so zart verwoben die Luftlinien des Südenswinken, bis vom Po heraus, so wendet sich das Augedoch immer wieder zu den drei bläulich-schimmerndenLichtkegeln, gegen die weder die finstern Bergdämonennoch die Feuermächte des Südens etwas vermögen. Dichtvor uns gegen Nordwesten aufragend, zeigt sich das grau-röthliche Gestein des isolirt stehenden Dobratsch, breit,massig im Aufbau, mit spärlicher Cultur, mit seinenGraten und wilden Wänden auf das Gailthal hernnter-drohcnd, wie ein schatzbehütender Drache. Im Jahre1347, zur Zeit des schwarzen Todes, stürzte der ganzeöstliche Felsenhang des langen Rückens ab. Dadurchwurde der Ausgang des Gailthales versperrt, die Gailschwoll zu einem See an. Im Ganzen gingen 17 voll-ständige Ortschaften zu Grunde. Schließlich brach sichdas Wasser bei Arnoldstein Bahn gegen die Schlitzn, undder fruchtbare Schlammboden wurde bald wieder angebaut.Aber noch jetzt liegt es über der Gestaltung der Thal-scenerie mit ihrem schwerfälligen Gewässer wie Erinnerungan jene Zeiten. Das ernste, unheimliche Gepräge derDobratsch-Wände kann nur geeignet sein, diese Stimmungnoch zu verstärken. Großglockner und Dobratsch: dieGötter sind verschwunden, haben sich vor dem vernünft-igen Sinn der Zeit in ihren Himmel zurückgezogen, dieDämonen, die unheimlichen Naturmächte haben ihre Machtungeschwächt behalten, sie zwingen zum Glauben an sie.Mag der moderne Zeitgeist Hotels und Telegraphen-stationen auf den Rücken des Ungeheuers bauen, manch-mal rührt der Drache seine Pratzen, dann wehe seinerUmgebung und all den vernünftigen Aufgeklärten, diemit ihm zu thun haben. Nicht umsonst stehen gerade auf demLuschari und Dobratsch mehrhundertjährige Volksheilig-thümer, und der Glaube, der sie in diese blauen Höhenhinaufgestellt, der weiß auch heute noch, waS er vondem Dobratsch, dem Thorwächter zwischen karnischen undMischen Alpen , zu halten hat.
Horch, da dringt es bebend zu uns an den Hängenherauf. Es ist verhallendes Glockengeläute aus dem tiefunten zwischen Osternigg und Dobratsch gebetteten Gail-thal I Heitere Ruhe liegt über der still abgeschlossenenMulde mit ihrem milden, gleichmäßigen Sonnenlichte;nur goldgelbe Getreidefelder und zeitweise dunkler Erlen-und Birkenbusch unterbrechen das Sattgrün des Wiesen-teppichs. Dazwischen in unzähligen Windungen ein grau-schwarzes Band, auf dem von Zeit zu Zeit schimmerndeLichtreflexe auftauchen. Das ist die Gail, deren Wasserzwischen ödem Ufergebüsch träge von Tümpel zu Tümpelschleichen. Auf den endlosen, hügligen Ufermatten aberlagert sich Dorf neben Dorf, verlieren sich Weiler undEinödhöfe wie weiße Flecken gegen die Thalwände.Gegen Süden ist in unbestimmten Umrissen der Haupt-ort des 14 Stunden langen Thales zu erkennen. Erist der ganz deutsche Markt Hermagor, mitten im Thale als Markstein zwischen deutschem und «indischem Volks-thum gelegen. Nur eine Viertelstunde seitwärts gelegen,bildet Potschach den letzten vorgeschobenen Posten derSlovenen.
Doch jetzt hinunter ins Thal: denn morgen ist Kirch-tag in GLrjach! Und zwar ein echt windtscher Kirchtag,in der alten Form, mit den alten Liedern und Trachten— und das zwei Tage und Nächte hindurch! Und dann:wer kennt Körnten, ohne von den schönen, tanzlustigenGailthalerinnen gehört zu haben? Und wer je einmalin Tirol und Kärnten alte Tracht und Sitte suchengeht, der wird sie fast nur mehr im Gailthal finden!
Mir war das auf dem Kirchtag von Thörl-Maglern,welches an der Mündung des Gailthales in das Canale-Thal liegt, deutlich geworden. Aus beiden Thälern strömtendie Besucher des Festes zusammen: dort Volksthum undVolkstracht, hier alles Alte verwischt und darüber sichbreitend nivellirende moderne Civilisation! Dafür aberauch im Gailthal ein wenigstens zu 40 schönerMenschenschlag und Mädchengesichter, die manchmal anitalienische Bilder erinnern. Als Erklärungsgrund beiderErscheinungen bot sich mir immer wieder nur das eine:der slovcnische Untergrund des Thales. Mit besondererHartnäckigkeit hatte sich hier nicht nur das Heidenthum,sondern auch das Slaventhum gegen die hereinbrechendenchristianisirten Germanen gehalten. Als die christlichedeutsche Cultur dann doch endlich siegreich eindrang, dascheint sie nicht zerstört, sondern sich als feine, befruchtendeKruste über den zähen Urstoff gezogen zu haben. Sosind auch jetzt noch die Schulen des untern, «indischenThalzuges zweisprachig, die eigentliche Volkssprache aberist und bleibt das Slovenische. Nebenbei sprechen dieWindischen vom 12. Jahre an ganz gut deutsch undmanche auch italienisch. In ähnlicher Weise hat derdeutsche Cultureinfluß mäßigend auf den slavischen Typuseingewirkt. Aus dieser Mischung erklären sich die nebendem Extremen des Slavischen, das sich noch ganz gutverfolgen läßt, auftretenden schöngeschnittenen Gesichts-züge besonders bei der weiblichen Bevölkerung. Aehnlichesist ja schließlich bei allen Nacen- und Nationalitäts-mischungen der Fall. So habe ich einmal ein wahresIdeal hinreißender Zierlichkeit und Graziösität in einemjapanisch-englischen Mädchen gefunden. Andrerseits er-klärt sich aus dem conservativen Grundcharakter desSlovenenthums das zähe Festhalten an den altenBräuchen. Am allerwenigsten oder höchstens ein miß-verstehendes Interesse für derartige Dinge fand ich beiden „gebildeten" deutschen Elementen des Thales, Lehrern