Nn. 37.
zur Altgsvlirger
13. Keptlir- 1894.
Die Sendlingerschlacht.
xlx Wenn noch einige Jahre vergangen sind, dannist es möglich, das Wissenswerthe der deutschen Geschichtemit Hilfe eines „kombinirten Fahrscheinheftes" einfachauf einer Theatertournee kennen zu lernen. Welch eingroßartiges Bildungsmoment für die Jugend der Zu-kunft und ihren Unterricht in Geschichte und Literatur!Mit 20 Mark — vorausgesetzt, daß das fortschrittlicheBeispiel des schwäbischen „Sandle" unsere Nachahmungfindet — wird man alsdann Wochen lang im Bayer-land umherreisen dürfen. Und wo ist denn eine Stätte,von der nicht irgend etwas „Romantisches " oder „Ge-schichtliches" erzählt wird, wo ist ein Ort, an welchemnicht irgend einmal irgend eine „historische Person" sounvorsichtig gewesen ist, durch irgend einen muthwilligenStreich die Pietät der Nachwelt herauszufordern? Wieviele Stätten und Orte kann es bei der augenblicklichenHausse in der patriotischen Dramatik darum in einigenJahren noch geben, die nicht werden ihr „Spiel" aus-zuweisen haben? Es gilt ja allgemein und mit Rechtals Ruhmeszeugniß für ein Volk, wenn seine dramatischePoesie sich auf seine große Vergangenheit besinnt undlebendigen Antrieb aus der vaterländischen Gesinnungempfängt. Wir spenden deshalb Leuten, wie den wackerenKraiburgern, und Männern, wie unserm edelsinnigenMartin Greif und seinem Genossen OberregisscurSavits, von Herzen ein uneingeschränktes Lob, weil sieihre schauspielerische oder dramatische Begabung in denadeligen Dienst der Vaterlandsliebe stellen. Anders aberbeurtheilen wir den ethischen und ästhetischen Werth sovieler anderer „Spiele", die einzig der Eitelkeit ent-stammen, irgend eine lokale Spezialität aus der Rumpel-kammer der „Romantik" oder „Geschichte" zur Schaubringen zu können, getreulich nach dem Motto des Direk-tors in Göthe's Faust:
„Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So daß die Menge staunend gaffen kann,
Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seid ein vielgeliebter Mann."
„Dilettanten und Philister sind Geschwisterkinder",sagt Niehl in der „bürgerlichen Gesellschaft". Und essind in der That spießbürgerlicher Chauvinismus unddramatischer Dilettantismus meist die einzigen Tugenden,welche aus derartigen Aufführungen erblühen.
Neuerdings wollen nun auch die Sendlinger ihrpatriotisches Schauspiel haben. Sie brauchen ja auf derSuche nach einem dramatischen Stoffe im Buch der Ge-schichte nicht so weit zurückzublättern. Das Gedächtniß anden Opfertod für Fürst und Vaterland, dem sich in der„Mordweihnacht " von anno 1705 im Schatten der Send-linger Kirche eine Leonidasschaar heldenmüthiger Bauerngeweiht hat, verdient wohl in unserer Zeit vaterlands-loser Bestrebungen aufgefrischt zu werden; das Gedächt-niß an die Zeit, als „die seit 4 Jahrhunderten in denGemüthern der Unterthanen zum Naturverhältniß aus-gebildete Gehorsamspflicht und Anhänglichkeit an ihrenLandesherrn" und die Liebe zu dem „im Boden deutscherVolkstreue festgewurzelten Herrscherstamm" (K.A. Menzel,Neuere Geschichte d. D. IX, 359) sich bewährte. DieGeschichtsliteratur zur Sendlingerschlacht ist ziemlich reich,besonders haben sich um sie verdient gemacht ProfessorDr. Sepp (München) und der verstorbene Würzburger Kreisarchivar vr. Schäffler. Zwischen beiden Forschern
schwebte eine lebhafte Controverse über die Geschichtlich-keit des Schmiedes von Kockel, die von Schäfflerbekämpft und von Sepp vertheidigt wurde. Und werder Promotion des Or. I. W. in der Münchner Aulaam 1. März 1889 anwohnte, der konnte Zeuge sein einesinteressanten Nedeturniers zwischen dem Promoventen,welcher eine Thesis aufgestellt hatte, die im SinneSchäfflers den Münchner Literaten Grub er*) bezichtigte,an der Figur des Schmieobalthes tüchtig herumgedichtetzu haben, und zwischen Professor Sepp, der aus demAuditorium heraus von der Redefreiheit Gebrauch machteund einen feurigen Ansturm auf diese waghalsige Be-hauptung ausführte.
Von den dramatischen Bearbeitungen scheint die vonGustav Adolf Müller den Beifall der Sendlingergefunden zu haben. Sie hat den Titel: „Die Schlachtbei Sendling (1705). Historisches Schauspiel in vierAufzügen." Bühl , Concordia. 1892. 8°. 68 S., und ist„den Manen der bei Sendling am Christfest 1705 fürFürst und Freiheit kümpfend gefallenen Helden" gewidmet.„Ich denke es mir", sagt der Verfasser im Geleitsworte,„als eine der schönsten Aufgaben national gesinnterBühnen, in dieser oder einer anderen Gestalt die Idealeder Treue und heldenhaften Liebe eines seines sittlichenWerthes vollbewußten Volkes der Mitwelt wie einmahnend Gedenken vor Augen zu stellen." MüllersStück, ursprünglich für das „reformirte" Oktoberfest be-stimmt und von G. Flüggen bühnengerecht gemacht,fußt auf einem verwandten Drama von Pros. Sepp:„Der Jägerwirth und die Sendlingerschlacht."Drama in vier Akten mit einem Vorspiel: „Die Haber-feldtreiber". 2. Auflage. München , Lindauer. 1891.8°. 15, 107 S., es steht aber durch Wohllaut der Verseund Adel der Sprache unserer Meinung nach weit überseinem Vorbilde, wenn auch Sepps Dichtung einige rechterhebende Partien auszuweisen hat. Die vielumstritteneund niemals, selbst nicht in Lesfings Dramaturgie, rechtgelöste Controverse über die Befugniß des Dichters, großehistorische Begebenheiten durch kleine, freierfundene Anek-doten zu verdunkeln, bezw. zu erhellen, kommt auch inMüllers Drama zur Geltung. Bei ihm ist der Schmted-
*) Zu seiner literarischen Qualifikation diene folgendescharlatanartige Inserat in der „Bayer. Staatszeitung" Nr. 40(1832 April 15.): „Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung werdeich, gestützt von mebrercn Kunstfreunden, Dienstags den 17.April 1832 im großen Saale zum schwarzen Adler eine Vor-lesung religiösen, vaterländisch-geschichtlichen und erbauendenInhaltes auszugsweise aus mehreren vollendeten Manuskripten,mit musikalischen Produktionen ausgestattet, zu halten, unddieselbe auf 2 bochgefällig anzugebende religiöse Vortragsstoffeals rhetorischer und lyrischer Improvisator zu beschließen, mirdie Ehre nehmen. Unter den Vortragsstoffen vaterländisch-geschichtlichen Inhaltes ist ein historisches Familien- und Kriegs-gemälde betitelt: Der starke SchmiedbalthcS zu Kochel (nach dervon mir der Oeffcntlichkeit mitgetheilten historischen Forschungabgebildet aus dem Kirchengemälde zu Sendling ) in seiner Werk-stätte und als Anführer der bayerischen Hochländerbauern amCbristtage 1705, nach einem schriftlichen Aufsätze im Kalender1734, welchen mir der nun verstorbene Lehrer Anton Bichl-mayr zu Kochel bchändigte, gezeichnet. Mit musikalischer Zwischen-beglcitung auf dem Fortepiano von dem 11jährigen MusikzöglingPeter Cavallo. AIS ein Eingcborner Bayerns rechne ich mitunbegränzter Zuversicht aus einen zahlreichen Zuspruch undwerde micb bestreben, dieser stützenden Theilnahme mich fernerals vaterländischer Historiograph und Schriftsteller würdig zumachen. München , am 14. April 1832. Ferdinand JosephEruber, Privatdozent und Schriftsteller."