Ausgabe 
(13.9.1894) 37
 
Einzelbild herunterladen

290

balthes nicht bloß der freiheitsdurstige Patriot, sondernaußerdem der für die durch einen Oesterreicher beschimpfteEhre seiner Tochter auf blutige Vergeltung ausziehendeVater. Ob aber dieses Motiv der persönlichen Rachsuchtdazu angethan ist, den Helden uns, wie man es nennt,menschlich näher" zu bringen, ist eine Frage. Jeden-falls schadete es nichts, wenn an der weitausgesponnenenErzählung, die der Schmied von jenem Attentat gibt,etliches gekürzt wäre. Im übrigen wird zweifelsohnedas Stück seinen Eindruck nicht verfehlen.

Man macht jetzt Anstrengungen, um der Degenerationdes Oktoberfestes durch allerlei Programmneuheiten zusteuern. Wie wäre es denn, wenn man dasvater-ländische Schauspiel" allen Ernstes in den Nahmen dieserwohlgesinnten Bestrebungen aufnähme? Wir brauchtenda erst nicht, nach den Worten des verstorbenen GrafenSchack (Einleitung zu CalderonS Werken, 13),die Bro-samen von der Tafel vergangener Zeit" aufzulesen, son-dern uns nur unserer mitlebenden Dichter zu erinnern.Und wenn in München keine Kräfte zu gewinnen find,dann lassen sich vielleicht die Kraiburger oder die Send-linger zu einemGastspiele" bestimmen. Unter den herr-lichen Liedern des unsterblichen Sängers vonDreizehn-linden" befindet sich ein schwungvoller HymnusAn dieVolkspoesie". Er stammt aus dem Jahre 1862 undklingt aus in eine warme Sehnsucht nachDeutschlandsAuferstehungsLage", nach dem Erwachen desaltenSchläfers im Kyffhnuser". An die vaterländische Museaber richtet F. W. Weber die Bitte:

Sing' unsern Ruhm: dein Liedcrborn

Erfrischt den kranken Muth der Schwachen;

Sing' unsre Schmach, um Scham zu Zorn

Und Zorn zu Thaten anzufachen!"

Der Osternigg und der Kirchtag von Göriach im Gailthal (Oberkiirnten).

Von Cölestin Schmid.

(Fortsetzung.)

Am nächsten Morgen zog ich schon frühe den Hügelhinan, von dem der Gvriacher Kirchthurm durch die Lückendes wallenden Thalnebels Ausschau zu halten anfing.Die Kirchengemeinde Göriach umfaßt vier Ortschaften.Zum Fcstgotiesdicnst vereinigt man sich in der gemein-samen Dorfkirche, das Uebrige spielt sich in jeder Ort-schaft gesondert ab. Etwas unterhalb der Kirche weitetsich der Dorfplatz von Göriach uneben um eine mächtige,uralte Linde. Nebenan aus dem Wirthshaus ließ sichbereits die Dorfmusik mehr lustig als feierlich hören.Den Klängen derselben nachgehend, fand ich droben aufdem Tanzboden die ganze Burschenschaft des Dorfes,hemdärmelig, mit der officiellen Virginia im Mundwinkel,versammelt. Ich stieg zur Kirche hinauf. Auf demPlatze vor derselben hatte sich bereits ein ganzer Jahr-markt entwickelt. Von allen Seiten her zogen dieBurschen und die Schönen des Thales; schon von weitemher hob sich die bunte Tracht der Auf- und Abziehendenauf dem mattgrünen Wiesengrunde scharf ab. Die Glockenbimmelten mit hartnäckiger Ausdauer, aber von einem Be-ginn des Gottesdienstes schien noch lange nicht die Redezu sein. Nur die gebrochene Gestalt des Dorfpfarrershuschte von Zeit zu Zeit forschend durch das Gewirre,um bald wieder zu verschwinden. Um so freundlicherund voller beschienen allmählig die Sonnenstrahlen denbunten Kram von Buden und gleißenden Kostbarkeiten.

Darunter waren besonders auffallend ganze Reihen vonLebzelterbnden, deren Schätze sich in alle möglichenWinkel mythologischer und symbolischer Deutsamkeit ver-loren: vor jeder stand ein Hackblock mit Beil. Da istein alter Volksbrauch im Spiel. Auf dem Block wirdnämlich ein lebzeltenes, unbescheiden großes Herz aufzwei Hiebe durchhauen, und zwar so, daß Derjenige das-selbe gewinnt, dessen Hiebe sich in einer geraden Liniefortsetzen.

Es war bereits gegen 10 Uhr, da ließ sich Musikvon der Dorfgasse herauf hören, und gleich darauf er-schienen, hinter der Musik einherzieheud, hemdärmelig,rauchend, die Burschen von Göriach . Während sie sichheroben im Kreise um die fortspielende Musik postirten,folgten auch die Burschen von Draschiz mit Musik, undzu gleicher Zeit ließ sich von Achamiz herüber eine dritteMusikbande mit dominirender großer Trommel recht deut-lich hören. Zuletzt erschienen die Trellacher. Währendder ganzen Zeit hatten sämmtliche anwesende Musikcorpsnebeneinander mit der ganzen Wucht ihrer Kunst gewett-eifert, was ganz rührend zu dem Glockengebimmel paßte.Die berühmte homerische Volksversammlung konnte nichtmehr an elementaren Sinneseindrücken geleistet haben:nur zeitweise unterbrach das Schnadahüpfl irgend einesBurschen das Getöse.

Endlich ging es in die Kirche. Da die Predigt inslovenischer Sprache gehalten wurde, zog ich mich alsbaldwieder auf den Friedhofplatz zurück und erkämpfte mirdie höchste Stufe einer Freitreppe. Von da bot sich nundas anmuthige Bild von ungefähr 200 auf der Mauerzwischen den Grabsteinen sich lagernden Thalbewohnerinnen.Den düstern Nahmen des heiteren Gemäldes bildeten dieimmer noch nebelumwallten Hänge des Osternigg undDobratsch. Die Thaltracht besteht in einem faltig ge-bügelten Rock, der, nur bis zu den Knieen reichend, diemeistens auffallend zierlichen Unterfüße sehen läßt. Auch.die seidene, bunte Schürze ist gefältelt. Die weißenStrümpfe sind halb durch hohe, verzierte Schnürstieflettenverdeckt. Das Mieder ist nur auf dem Rücken ganz ge-schlossen und macht da den Eindruck eines unzerstörbarenPanzers, auf der Vorderseite läuft eS in zwei Halt-bänder aus. Zwischen diesen ist ein seidenes Brusttuchhinaufgespannt, das am Halse von einer Spange festge-halten wird. Eine breitfaltige, weiße Krause legt sichum den Hals, ebensolche um die Handgelenke. Um dasin reichen Flechten gelegte, von Bändern durchzogeneHaar schlingt sich in kühner Weise, etwas nach rückwärtsgeschoben, ein buntfarbiges seidenes Tuch. Vielfach hangtunter demselben ein banddurchflochtener Zopf hervor, deran dem Gürtel festgemacht wird. Es gibt kaum Farben,die nicht da oder dort bei dieser Tracht vertreten wären.Gewöhnlich sind es deren 45, und zwar habe ich die-selben vielfach mit einer geradezu klassisch-harmonischenWirkung zusammengestellt gesehen, die alle Berechnungendes Wiener Ningviertels übertraf. Meistens sind dieFarbennuancen gedämpft hell, und man kann sich dabeiohne Phantasterei in den hellen, farbenreichen Orientversetzt fühlen. Das sechs Stunden lange windischeGailthal ist auch die einzige Gegend, die den Fremdenmit all den Phantasiern des trachtenreichen Tiroler- undKärntnerländls nicht enttäuscht. Ebenso haben sich auchnur da noch uralte Volksspiele wie das Kufenstechen derberittenen Burschen erhalten.

Der Gottesdienst war beendet, nach allen Richt-ungen strömt die Menge auseinander. Während die