Ausgabe 
(22.11.1894) 47
 
Einzelbild herunterladen

373

König wieder zu unterwerfen, der ihm daraufhin zurEntschädigung für das entgangene Herzogthum die Mark-grafschaft in der böhmischen Mark übertrug, *") gleichwieer dessen Bruder Liutpold zum Markgrafen in der Ost-mark bestellte. War es doch nur ein Gebot der Klug-heit, wenn Otto II. das alte Geschlecht der Scheyern wieder begünstigte, um ein Gegengewicht gegen die über-mächtig gewordenen Herzoge von Bayern zu schaffen,nachdem sein eigener Vetter sich als unzuverlässig er-wiesen hatte. Aus dem gleichen Grunde geschah es,wenn der Kaiser um dieselbe Zeit Bertholds SchwagerPabo die Burggrafschaft von Negensburg und dem Sohnedes im Jahre 947 verstorbenen Herzogs Berthold, Heinrichdem Jüngeren, das Herzogthum Körnten verlieh, währendein anderer Arnulfinger, Heinrich, der Sohn des Mark-grafen Burkhard und einer Tochter des Herzogs Arnulf ,schon seit 973 Bischof von Augsburg war?")

So sehen wir das Haus Scheyern noch vor EndedeS 10. Jahrhunderts aufs Neue kräftig emporblühen.Das Geschlecht der Babenberger dagegen hat sich vonjenen Niederlagen, die es in den Jahren 903 und 906erlitt, nicht mehr erholt. Die meisten seiner Besitzungennebst der Stammburg Babenberg waren königliches Gutgeworden/") und gerade dieser Umstand machte es Heinrichd. Hl. im Jahre 1007 möglich, seinen Lieblingsplan,die Gründung eines Bisthums Bamberg , ins Werkzu setzen.^)

Ziehen wir die Folgerungen aus obiger Annahme,so sind es folgende:

Nicht Babenberger, sondern Scheyern (Liuipoldinger)waren es, welche die Grenzen der Ostmark in siegreichenKämpfen gegen die Ungarn bis zur Leitha hin erweiterten

Erzbischof Friedrich von Salzburg überwies ( sog. Salz-burgerhof. abgebrochen im Herbste d. I. 1893).

Dieselben Würden und Grafschaften hatte schon BertholdsAhn Liutpold inne gehabt, s.Diüninlcr, Gesch. d. ostsränk. ReichesBd. III S. 395 A. 1. Jin I. 979 machte Markgraf Bertholdzu Magdeburg dem Kaiser Otto II. wegen seines Verfahrensgegen Gero bittere Vorwürfe, f. Mnetinar. Obrou. III, 7.

") Auch Wiltrudc, die Wittwe dcö HerzogS Berthold , er-hielt im I. 976 auf Verwendung der Kaiserin Theophano ihrWiitwengut wieder zurück, s. oben A. 8. AuS dem Umstände,daß sowohl Otto von Schwcinfnrt, als Markgraf Adalbert(ch 1055) und dessen Sohn Ernst (ch 1075) im Besitze vonGütern waren, welche einst Herzog Arnulf dem Kloster Tegern-see geraubt hatte (s. die beiden Tegcrnsecr Gütcrverzcichnisse vomI. 1030 gedr. bei S. Günthncr, Gesch. d. literar. Austastenin B. Bd. I S. 142 f. und 1060 gedr. LIcm. Bo. VI,162 s.), dürfen wir ebenfalls schließen, daß der gemeinsameStammvater beider Linien in Bayern gelebt und dem bayrischenHerrscherhause nahe gestanden haben müsse, zumal die von jenenererbten Güter großentheilö in der Nähe der StammburgScheyern liegen (so Jlmmünstcr, Kollbach, Geroldshausen ,Paunzhausen , Niernödorf, Neichertsbausen, Hcttenshausen) undes nicht wahrscheinlich ist, daß Herzog Arnulf diese Besitzungeneinem anderen Hause, als seinem eigenen (seinem Sohne Arnulf )zugewendet habe.

-°) S. Dümmler, Gesch. d. ostsränk. Reiches Bd. III S. 526u. 542. Am 27. Juni 975 schenkte Otto II. die Stadt Babcn-berg seinem Vetter Heinrich II. S. Llon. Lo. XXVIII a, 201 s.

^) Im I. 940 übergab Adalbert, Graf von Altenbnrg (beiBamberg), dem Kloster Fulda den Ort Theres , s. vronllo,Draclit. chnlä. S. 139 (wird von F. Stein a. a. O. S. 127 s.bestricken). Dem babenbcrgischen Geschlecht gehörten noch an:Poppo I., Bisch, von Würzburg (941961), und sein BruderHeinrich, Erzb. von Trier (956964), ferner Poppo II. , Bischvon Würzburg (961934), und wohl auch die Grafen Adalbertim Radenzgau und Adalhard im Rangau, welche (nach deinSturze des Mkgrf. Heinrich) in Urkunden Heinrichs d. Hl. ausd. I. 1007 u. 1008 (s. Hcybcrgcr, lohnograxbia. obrou. Labeu-boiK. diplomatioa, LmnberAao 1774 p. 58, 64, 77). Zugrößerer Bedeutung ist es aber nie mehr gelangt.

und die deutsche Cultur nach Osten trugen, wie ja auchdie Bayern in der Lechfeldschlacht im Jahre 955 denAusschlag gegeben hatten (s. Widukind III, 48). EinScheyer war jener unglückliche Herzog Ernst von Schwaben,der im Streit um sein Erbe Burgund gegen seinen Stief-vater, König Konrad II., erlag und von den Bayern obseiner Tapferkeit im Liede verherrlicht wurde; "") Scheyern sowohl Leopold d. Hl., der Stifter der Klöster Heiligcn-kreuz und Klosterneuburg, dem die Stadt Wien ihrenersten Aufschwung verdankt, als auch seine Söhne Leo-pold IV., Herzog in Bayern (1139 1141), HeinrichJohsomirgot, für den Barbarossa als Ersatz für Bayern ein eigenes Herzogthum Oesterreich mit ausgedehntenPrivilegien schuf, und trotz seiner Abneigung gegendie Wittelsbacher Bischof Otto von Freising , der zuden bedeutendsten Geschichtschreibern des Mittelalters zählt;Scheyern jener Leopold V., der Richard Löwenherz aufdem Dürrenstein gefangen setzte und das erhaltene Löse-geld zur Ummauerung Wiens verwandte, wie auch dessenSöhne, die Herzoge Friedrich I. und Leopold VI. , dieGönner des bayrischen Minnesängers Walther von derVogelweide; 2 ") Scheyern endlich Herzog Friedrich II. derStreitbare, der Mongolenbesieger, mit dem dieser Zweigder Liuipoldinger im Jahre 1246 im Mannsstammeerlosch, und sein Schwestersohn Friedrich von Baden (äux ^ustrias"), welcher als treuer Gefährte des jungenKonradin, dessen Mutter ebenfalls eine Wittelsbacherinwar, im jugendlichen Alter von 19 Jahren zu Neapel auf dem Schaffot verblutete (12. Okt. 1268).

Mithin erfährt die Geschichte unseres Negenten-hauses durch unseren Nachweis keine unwesentliche Be-reicherung.

Es erübrigt noch, den Stawmbaum dieser Scheyern in einer genealogischen Tabelle übersichtlich zusammen-zustellen. Dieselbe folgt in nächster Nummer.

Die Chronologie des hl. Willibaldnach der Klosterfrau von Heideuheim a. H.,einer bayer. Schriftstellerin des VIII. Jahrh.

Von I. N. Scefried.

In den Bruchstücken aus der Ostroiwlogia, IVilli-dalcima *) habe ich den Nachweis erbracht, daß die Eich-

"") S. Pez ci. a. O. VI, 2, 13 Bries des Gr. Berthold III. von Andechs (s-1088) an Abt Nnpert von Tcgernsee (j- 1086):-eoueeclas inibi lidsllnin tsrckouioum äs bezogen Lrnssteii,clonse vsloeius soridatnr midi; guo zrorseriyto eoutiuno re-wittotnr tibi.«

°°) Unverständlich ist, waS Frz. Pfeiffer in seiner Ausgabeder deutschen Classiker des Mittclalterö Bd. I Eiuleitg. S. XXIVüber Walther von der Vogelweide sagt:Also doch ein Oester-reichcr (richtiger: Bayer). Freilich nicht ganz so, wie Lachmanngemeint hat, sondern nur in dem Sinn etwa, wie man wohlzuweilen den Hans Sachs einen Bayer nennt." Wie? sollteder berühmte Germanist nicht gewußt haben, daß die Nürn-berger einen bayrischen Dialekt sprechen und daß die BezeichnungMittelfrankcn auf das Gebiet von Nürnberg und Eicbstätt an-gewandt keine Berechtigung hat. Wurde doch Nürnberg inmittelalterlichen Urkunden geradezu Xorieum oaotrnm, d. h. dieBayerubnrg, genannt (weil im bayrischen Nordgau liegend),gleichwie jenes Norithal, in welchem Walihcr geboren ist, Xorieg,vallis, d. i. Bayernibal, hieß. Niemand wird daher mit Rechtdie Zugehörigkeit dieser beiden Dichter zum Bayernstamme be-streiken können, so wenig dies bei Wolfram von Escheubach. dersich Parcival III, 153 selbst zu den Bayern rechnet, dem Darr-häuser, Kürcnberger, den Dichtern des Nibelungenlieds, derKndrnn, des NolandSllcds, der Kaiserchronik und vielen anderenmehr möglich ist.

') Beilage zur Augsburger Postzeitnng 1893 Nr. 495Lund Separatabdruck.