Spiritismus und Theosophie.
Von
Charles Saint-Paul.
Dem aufmerksamen Beobachter neuer Strömungenkann es nicht entgehen, daß in der Gegenwart die Kampfes-liga gegen den Materialismus sich in einer Weise ver-breitet, welche erwarten läßt, daß derselbe binnen Kurzemden Todesstoß erhalten wird. Die hypnotischen Forsch-ungen der Neuzeit haben zur Anerkennung der Mental-suggestion, der rein geistigen Gedankenübertragung ohnephysische Vermittlung, sowie der Phänomene geführt,welche in das Gebiet des sogen. Somnambulismus ge-hören, und von denen das Hellsehen eines der be-deutendsten ist.
Ueberdies sind durch die Forschungen der „Loeietxtor Ikeseareli" in England und der ihr ver-
wandten psychologischen Gesellschaften in Deutschland , vor-nehmlich in München und Berlin , die Geistererschcin-ungen, das Fernwirken Sterbender und Verstorbener,in Tausenden von Fällen constatirt worden, die speciellin dem Werke der berühmten Psychologen Gurney, Myersund Podmore nkdantasius ok dirs lüving" dargelegtwurden. Ja sogar gewisse von den Spiritisten be-hauptete Phänomene sind auf dem letzten internationalen„Psychiker"congreß in Chicago zur Sprache gebrachtworden, und bedeutende Gelehrte haben die Möglichkeitderselben zu erweisen versucht. Wenn also hiedurch dieThatsache hervortritt, daß in der antimaterialistischcnBewegung der Gegenwart bedeutende Kämpfer sich be-finden, die ein wissenschaftliches Bollwerk gegen denMaterialismus errichtet haben, so finden wir doch leideranderseits eine Masse ungebildeter, leichtgläubiger undverdächtiger Spiritisten an derselben betheiligt, die sichbei der gegenwärtigen Ausbildung des Spiritismus be-reits zu einer Art Cultus der Professionsmedien vereinen,bei denen, da sie meist um Geld arbeiten, Betrug ausErwerbsrücksichten meist nicht ausgeschlossen ist, undderen Eeistesprodukte vielfach auch an ihrer geistigenZurechnungsfähigkeit zweifeln lassen.
Was den mediumistischen Betrug anbelangt, so findeIch soeben im „Figaro" (vom 10. November 1894) eineStudie von dem bekannten Mitgliede der Pariser „Oroupaä'Ltnclss Lsotörliuss", Charles Chincholle , in welcherer Mittheilung von der kürzlich vollzogenen Entlarvungdes „berühmten" amerikanischen Mediums Mrs. Williams,das einige Herren nach Paris kommen ließen, macht.Da dasselbe auch in Berlin Vorstellungen geben sollteund daselbst von einigen Spiritisten unglaubliche Reklamefür seine Experimente gemacht wurde, *) so glaube ich desaktuellen Interesses halber die Hauptpunkte des Berichtesim „Figaro" hier einschalten zu sollen.
Mrs. Williams ist nach demselben in Amerika imRufe bedeutender mediumistischer Kraft. Sie „verdient"daselbst bedeutende Gelder mit ihren Experimenten; be-sitzt in New-Iork drei Hotels und überdies 750,000 Fr.Baarvermögen. Trotzdem war ihr die neue Welt nichtgroß genug für ihre Thätigkeit; sie wollte auch in deralten ihren Ruhm und ihr Geld vermehren. So schriebsie nach Paris , ob sie dort Vorstellungen geben könne.
Der „Ehrensekretär" der Vereinigung „Sphinx" daselbstgab sogar vor kurzem eine eigene Broschüre über dieses Meviumheraus.
und kam auf den Bescheid, daß, falls neues und ernstzu nehmendes geboten werden könne, sie angenehm sei,in die französische Hauptstadt mit ihren! Impresario, M.Macdouald. Vorerst wurde eine Privatsitzung bei Mme.de . . . arrangirt, während welcher Mrs. Williams, diein großer Toilette erschienen war, dem Herzog von H.versprach, eine seiner Verwandten erscheinen zu lassen,die mit ihm dann sprechen werde. Sie setzte sich dannauf einen Stuhl im Dunkelkabinet, das bei so vielenspiritistischen Säancen hergestellt wird, da angeblich oiemeisten Geister das Licht nicht ertragen können, und be-zeichnete dem Herzog die Stelle, wo seine Verwandte sichzeigen würde. Derselbe sah auch wirklich bald eine Handund küßte dieselbe, auch hörte er eine Stimme, die zuihm sagte: „Ich bin hier." Sie schien von der Stimmeder Mediums verschieden Zu sein. Plötzlich aber bemerkteer, da das Licht nicht ganz abgedreht war, daß der Sessel,auf dem das Medium sich niedergelassen hatte, währendder Erscheinung leer war. Dieses mußte jedoch seineEntlarvung gefürchtet haben und zeigte sich wieder aufseinem Stuhle, ehe man eingehendere Prüfungen an-stellen konnte. Die Versammlung schöpfte aber Miß-trauen, und man wollte sich mit ihm nicht mehr ab-geben.
Sie versprach nun einigen Pariser Psychologen eineSsance in ihrer Privaiwohnung zu geben, bei öer Ma-terialisationen (Verkörperungen von Abgestorbenen) mitwechselnden Lichterscheinungen sich zeigen würden. Beider Sitzung, die am 31. Oktober gehalten wurde, undbei der die Eintrittspreise zwischen 10 und 25 Fr.variirten, hoffte man vielfach auf bedeutende Phänomene.Diejenigen aber, welche Verdacht geschöpft hatten, trafendie Bestimmung, einen Entlarvungsversuch, sobald sichder Augenblick dazu bieten würde, vorzunehmen. Einerder Herren aus der Versammlung äußerte im Verlauseder Sitzung den Wunsch, einen verstorbenen Arzt zu sehen,und dieser kam angeblich mit seiner Tochter. Alssich die Erscheinungen zeigten, stürzten einige Herrenaus dem Publikum auf sie, den Manager der Mrs.Williams und letztere selbst zu, während ein andererLicht machte.
Da entdeckte man nun das Medium, welches Kleiderund Schuhe ausgezogen hatte, um besser schwindeln zukönnen. Der gewünschte und herbcigeeilte Arzt ent-puppte sich als ein Weib, das sich als Btann verkleidethatte. Die zweite Erscheinung aber zeigte sich alsPuppe, über die ein Schleier geworfen war und derenGliedmnßen die Betrügerin durch Gummibänder mitder linken Hand bewegte. In der rechten hatte sie eineSchnur, mit welcher sie den Lichtapparat regulirte, derihr zur Beleuchtung ihrer „Geister" diente.
Das Medium stieß, als es sich entlarvt sah, einenSchrei aus und wollte sich in ein anstoßendes Gemachflüchten. Aber einer der Herren, die aus dasselbe los-gestürzt waren, Mr. Lcymarie, der Direktor einer spiritist-ischen Zeitung, zwang es, zurückzukehren und sich öffent-lich beschämen zu lassen. Man sammelte alle Gegen-stände, die ihr zu ihren „Experimenten" dienten. Siehatte dieselben in einem kleinen Sack unter ihrem Rockeverborgen, wenn sie vor dem Publikum erschien. ImDunkelkabinet kleidete sie sich dann um, entleerte denSack und spielte mit der Puppe und, wenn nöthig, mitihren Helfern „Geist". Es kam ihr Hiebei sehr zu