Ausgabe 
(13.12.1894) 50
 
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wartet hatte:den Unterschied zwischen der verändertenund unveränderten Konfession habe der Teufel erfunden".

Tilly war bereits vor Magdeburg , als er erfuhr,der Schwede habe sich gegen Frankfurt gewandt; er brachsofort auf, es war aber schon zu spät. Frankfurt undMagdeburg zugleich zu belagern, hätte eine Theilung derMacht verlangt, und eine getheilte Macht hätte zu nichtsausgereicht. Er legte sich also mit seiner ganzen Machtvor Magdeburg und hoffte zuversichtlich, Gustav Adolfwerde sich jetzt in offener Seeschlacht mit ihm messen,wenn er Magdeburg retten wollte. Und jetzt wirdMagdeburg der Mittelpunkt des Interesses für dendeutschen Krieg.

Wir wollen auch hier kurz halten. Magdeburg !Tillh! Der jahrhundertlauge Missethäter, bis er endlichin unserm Jahrhundert doch von der ihm auf- und an-gedichteten Missethat rein gewaschen wurde.

Der Administrator von Magdeburg war VerbündeterSchwedens , und die Stadt suchte allein Heil und Segenbei Gustav Adolf. Warum dieser nicht sofort zu Hilfeeilte, wird wohl ein Räthsel bleiben, glaubhaft ist, daßer sich fürchtete, mit Tilly offen zu kämpfen. Letzterermachte Magdeburg ausdrücklich aufmerksam darauf,daßes auch nicht die allergeringste Ursache habe zu einer Wider-gesetzlichkeit und daß es unnöthiger Weise zu den Waffengegriffen". Dreimal forderte Tilly zur Uebergabe auf,umsonst, er läßt seine Batterien ein fürchterliches Feuergegen die Stadt eröffnen, umsonst. Ein Theil willKapitulation, aber Falkenbcrg will nicht, denn der Freund,der Schwede, muß ja zu Hilfe kommen, aber derFreund"kommt nicht er rückte ja gegen Wittenberg . Falkenbergliest einen Brief vor, den er vom Schweden vor einerStunde erhalten habe und worin letzterer versichert, erwerde sofort zum Entsatz kommen; der Brief war ge-fälscht. Ein Prediger erzählt dem Volke, einen Engelhabe er im Schweigen der Nacht die Wachen und Wälleumwandeln sehen, und dieser habe ihm verkündet, Magde-burg werde aus dem Kampfe mit dem alten Ruhme her-vorgehen. So bethörte lutherischer Fanatismus undschwedische Lügekunst das arme Volk.

Wir übergehen der Kürze halber die Verhandlungenim Kriegsrathe, Magdeburg wird eingenommen und ge-plündert. Daß es an sehr vielen greulichen Scenennicht fehlte, ist selbstverständlich bei der damaligen Sol-dateska und bei der großen Erbitterung der Soldaten,bald brennt die Stadt an fünfzig bis sechzig Stellen,aber nicht Tilly hat hiezu Befehl gegeben, denn esbrannte zu gleicher Zeit in manchen Stadttheilen, wohindie Kaiserlichen noch gar nicht gedrungen waren. GustavAdolf wollte Magdeburg nicht retten, aber er hat dieStadt zerstört durch die Verrätherei des SchwedenFalkenberg , er wollte Tilly als Massenmörder hinstellenund für alle Zeiten brandmarken, er wollte den Reli-gionskrieg, den er so unumgänglich nothwendig zu seinenehrgeizigen Plänen brauchte, in Deutschland mit allerund voller Gewalt entzünden. Und der Fanatismusder Demagogen und Prediger wollte nicht, daß die Stadtin die Hände desgottverdammten Liguisten" falle.Tilly rettete zudem ja die herrliche Domkirche und anderehervorragende Gebäude durch seine Vermittlung allein;er schonte Hunderte und aber Hunderte vor dem Unter-gang durch seine striktesten Befehle, er der Mord-brenner! Wohl soll der Schwede auf die Kunde vonMagdeburgs Fall geweint haben, Thränen sind oft einesehr billige, auch eine sehr heuchlerische Waare, und er

schwor, diese That an den Urhebern zu rächen, er verstandeben den alten Satz nach seiner ganzen und vollenWahrheit:Die Welt will für den Narren gehaltensein!" Er heuchelt dem Kurfürsten von Brandenburg ,daß so vieler Christen Blut geflossen und er habe nichthelfen können, er droht mit seinem Abgang nach Schweden ,wenn ihm nicht alsbald die protestantischen Stände bei-treten; Tilly's Macht ist zu schwach, um sofort offensivgegen den Schweden vorzugehen, neue gebildete Regi-menter waren nicht für ihn bestimmt, sondern für denneu erwachenden Wollenstem und seine Partei, die Geg-nerin des liguistischen Feldherrn.

Wie Gustav Adolf den Bogislaw überlistet hatte,so überlistet er jetzt den Herrn von Brandenburg , welchesLand sich dem Schweden unterwarf und für den Unter-halt des schwedischen Heeres sorgte.

Gustav Adolf ging bei Tangermünde über die Elbe und bezog ein festes Lager bei Werben, Tilly lag ihmgegenüber, und wieder kam es zu einer offenen Feld-schlacht nicht; der Schwede ging bei Wittenberg zumzweitenmale über die Elbe . ES folgte die Schlacht beiLeipzig. Die Schweden siegten; deredle" Kurfürstbrannte durch, Tilly wurde dreimal verwundet. Es wardie erste bedeutende Schlacht, die Tilly verlor, die kaiser-liche Sache stand schlecht. Jetzt ruft der Schwede laut:unsere Sache gilt der Religion", und nicht mehr er-scheint er gewissen Deutschen als der nordische Eroberer,sondern als der neue Heiland des unterdrückten Glaubens,und sie rufen dem Schweden ein Vivat! zu, denn derGewalt weicht füglich auch die Ueberzeugung. Alsbaldwurde Halle schwedische Stadt aus Zwang, und so ginges bei demBefreier" Deutschlands ruhig weiter. DerGrundplan war jetzt:die Sachsen sollten den Kaiserin Böhmen und Schlesien angreifen, die Schweden aberdurch Thüringen nach Franken vordringen, den Pro-testanten in Süddentschland Luft machen und die Staatender katholischen Fürsten erobern, damit man füglich dasSchicksal des ganzen Reiches in die Hand bekäme, dieLiga Zerschmettern uvo dem Protestantismus durch dieWahl eines römischen KönigS (!!) von dieser Partei einentscheidendes Uebergewicht geben könne." So schreibtBecker. Hütte er nichtschwedischer Kaiser" schreibensollen? Er deutet es wenigstens als Meinung an undhätte gar nichts auszusetzen, wenn es so gekommen wäre.

Nach verschiedenen Zügen, kleineren Attaquen kamder Schwede nach Würzburg , aus welcher Stadt derBischof geflohen war. Die Stadt ergab sich nach kurzemWiderstand, das Schloß wurde erstürmt, und GustavAdolf setzte eine schwedische Landesregierung ein und ließsich huldigen. Die Büchersammlung der Jesuiten ließ ereinpacken und schenkte sie der Universität zu Upsala . DieJesuiten hielt der Schwede überhaupt für seine eigent-lichen Feinde. Dies bewies er schon in Erfurt , wo erdenselben sagte,er wisse mehr von ihnen, als sie dächten,ihre Pläne seien schlecht, ihre Wege krumm, ihre Grund-sätze gefährlich." Ja, was hatten denn die Jesuiten ge-than? was konnten sie denn gethan haben? Sie lebtenmit allen im Frieden, bis der Schwede kam und denUnfrieden brachte; weil er den Religionskrieg erzwingenwollte, deßwegen mußten die Jesuiten gesündigt haben.Es ist wohl nicht besonders merkwürdig, daß die Angstvor den Jesuiten auch auf diejenigen in vollem Maßebis heute übergegangen ist, welche nicht höher schwöre»,als auf denVater" Gustav Adolf.

tScbluk folgt.)