74
die Befugnisse des Papstes nicht, diese Punkte könntenur ein Concil zugestehen. „Doch", entschuldigt ihnVergerio, „ich glaube, daß der Bischof von heiligem Eiferdazu bewogen werde, weil ich sah, daß er sicherlich sehrfür diese Angelegenheit begeistert war."
Das Zeugniß Vergerio's ist nun allerdings nichtallzu beweiskräftig, da derselbe später selbst zum Pro-testantismus übertrat. Aber damals war er noch ka-tholisch und kämpfte noch für die katholischen Interessen,und insofern können wir aus seinem Zeugniß entnehmen,daß auch Stadion ernstlich für das Wohl der alten Kircheeintrat und daß er mit jenen Zugeständnissen, von denener freilich seit 1530 trotz ihrer Verwerflichkeit nicht mehrabstand, nur das Beste derselben im Auge hatte, in derHoffnung, durch dieselben die Protestanten zur katholischen Religion zurückführen und so Friede und Einigkeit herbei-führen zu können. Sicherlich spricht auch sein Rath,das Concil nicht in einer deutschen Stadt abzuhalten,für ihn; denn wäre er protestantisch gesinnt gewesen, sohätte cS ihm ja erwünscht sein müssen, daß Luther denSieg davontrage; und dies wäre in einer deutschen Stadt,wo die Protestanten ihren Einfluß auf das Concil hättenausüben können, leichter möglich gewesen als anderSwo.Auch verwarf Christoph die Abstimmung der Laien beimConcil und nahm so dem Protestantismus einen großenTheil von Stimmen weg.
Bedeutend ungünstiger jedoch lauten andere Berichteüber Stadion, und nach diesen könnte man wirklichglauben, er sei durch und durch Anhänger Luthers ge-wesen. Er scheint nämlich bei jeder passenden Gelegen-heit feine uns wohlbekannten Anträge zur Ausgleichungder Uneinigkeiten in Deutschland vorgebracht zu habenund für dieselben energisch eingetreten zn sein. Nament-lich scheint er den Abendwahlkelch, die Priesterehe unddie Muttersprache in der Liturgie verlangt zu haben, unddiese Forderungen sind in der That dazu angethan, denVerdacht zu erregen, Christoph sei wirklich ein Begünstigerder Neuerer und ein Anhänger des Protestantismuswenigstens der Gesinnung nach gewesen. Die ungünstigenBerichte aber hierüber fallen um so schwerer ins Gewicht,als sie von tadellos katholischen Männern, von den erstenVertheidigern der katholischen Kirche geschrieben sind. Soäußert sich Held, Neichsvicekanzler und kaiserlicher Orator,im Jahre 1539 über Christoph, daß er sehr von Eras-mus angesteckt sei, namentlich im Punkte der Priester-ehe.^) Dasselbe beklagt auch Dr. Johann Eck in einemBriefe an Aleander mit den Worten: „Ich bedaure, daßder ausgezeichnete Fürst so viel in den Schriften desErasmus gelesen hat, aus welchen man zwar großensprachlichen Nutzen ziehen kann, die aber sehr verderblichfür ein christliches Leben sind." Noch ungünstigersind die Aussagen der päpstlichen Legaten über Stadion.In einem Berichte Morone's an den Cardinal Farnesevom 2. Juni 1540 heißt es: „Der Augsburger Bischofwird mehr als Lutheraner, denn als Katholik angesehen.Offen sagt er, man solle die Communion unter beidenGestalten, die Priesterehe, die Abhaltung des Gottes-dienstes in der gewöhnlichen, nämlich in der deutschenSprache zugeben, obschon ich dieses gegen die Auctorität
Ebb. 393 nr. 153.
Nuntiaturberichte aus Deutschland , I. Abth., IV. Bd.,pax. 389: susxieor, esso sxisooxuw LuAnstannm iokeotuwab Lraswo, prassortim sugsr uuxtiis gaeer-lot.am.
Ebd. xag. 582: voleo, oxtimnm xrinoigem (so. op.LvA.) tauta logässs ir> Lrnsmo, gnia, ex esus scrixEs xotostguw reäirs eisgautior Untz'ua, ssä uou wslior vita.
des Apostolischen Stuhles und des Concils erklärte." E)In einem andern Schreiben vom 27. Juni 1540 meintMarone, man könne den Bischof unter diejenigen zählen,die sich offen Lutheraner nennen können. Und Servilstgeht in einem Briefe an Farnese vom August 1540 nochweiter und behauptet, Christoph sei noch schlimmer als einLutheraner?°°)
Es ist nun nicht zu leugnen, baß Christoph vonStadion in seinen Zugeständnissen zu weit ging, und derUmstand, daß er immer wieder für dieselben eintrat,mußte bei jenen Männern den begründeten Verdacht er-regen, er sei selbst überzeugter Protestant. Doch wennman sein sonstiges Verhalten betrachtet, dann muß manvon ihm sagen, er war Katholik und ging in seinen Zu-geständnissen nur deßhalb so weit, weil er glaubte, einsEinigung sei nur mehr auf diesem Wege möglich. Aller-dings ist ein anderer Grund, warum er daran festhielt, auchder Umstand, daß er jene Ansichten von Erasmus über-kommen hat; doch ist er deßhalb noch nicht ausgesprochener,überzeugter Anhänger der neuen Lehre. Uebrigens gestehtMarone selbst in einem Berichte an Farnese zu, daß seinUrtheil über den Bischof von Augsburg ein zu strengesgewesen sei. Er schreibt im Jahre 1542: „Der Bischofvon Augsburg ist ein Mann von guten Geistesanlagen,mit reicher Erfahrung und mit mehr Gelehrsamkeit, alsgewöhnlich bei den deutschen Bischöfen und Fürsten ge-funden wird. Er hat sich bei mir entschuldigt, daß ervon manchen und vielleicht auch in Nom für einenLutheraner gehalten werde, was jedoch nicht der Fallsei, wenn es auch den Anschein gehabt habe; was er ge-than, habe er nur um des Friedens willen für seinVaterland gethan; er sei der Ansicht, der Verlust anSeelen wäre ein kleinerer, wenn man den Lutheranernin einigen Punkten, wie in der Ausspendung der Com-munion unter beiden Gestalten, nachsehen würde. Anderskönne man das Volk nicht im Gehorsam erhalten.'"^)
Wie wir soeben gesehen, ist es nicht gar leicht,Christoph von Stadion richtig zu beurtheilen; doch pro-testantisch gesinnt war er nach meiner auf Grund dervorausgehenden Darstellung gewonnenen Ansicht nicht,wenn ich ihn auch nicht einen stets entschiedenen Sohn derkatholischen Kirche nennen möchte. Jedenfalls ist seinAnschluß, sein Vertrauen auf den freidenkerischen Eras-mus von Rotterdam zu tadeln; denn feit er sich an diesenHumanisten angeschlossen hatte, zeigte er auch seine großeNachgiebigkeit gegen die Protestanten, die auf ihn denVerdacht zog, als wäre er ihr Gesinnungsgenosse. Seiter sich des Erasmus Ansichten angeeignet, gehört er zujener Mittelharter, die immer noch hoffte, eine Einigungmit den Protestanten herbeiführen zu können. Und andiesem Gedanken hielt er sich fest, da er seiner fried-
Nuntiaturbericht Giovanni Morones vom deutschen KonigShosc 1539—1540, bearbeitet von Dr. Franz Dittrich.herausgegeben von der GörreSgesellschaft (Paderborn , 1892):
134, nr. 69.
l") Ebd. xag. 177, nr. 96.
Ebd. pax. 195, Beil. I: xiü ebs Imtbsrauo.lEinmor, Llau. Vat. nr. 06XXX1I, xag. 402: Nvosoovo e buowo öi brisn ingsgno, äi inolta, esxerienM stil piü äotto ebs Äa tra i vssoovi xrineipi äi Cermania.8. 8ignoris. elogo ibtta uns. exonsirtions ebs ä'o.Ionni ed korsö8, Kowa si» teunto xsr Imtberano, il ods cüos non sussrs,bsnobs 8in stato öi Miors xsr Irr xaes äsila sua xatria, sdI>or ininors ästrimsnto äoli' anims ki äovessu eonosäsrsgualobs 6088 n Imtksrani onms ssssiniill eausa 1a eom-inunions snb ntragno, ssuna ta gnals von si possono oon-iLllors xoxnli in oküoio.