Ausgabe 
(6.3.1896) 10
 
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liebenden Natur am meisten entsprach. Bei dieser Parteider sogenannten Vermitilnngsthcologcn blieb er bis zuseinem Tode,^) der am 14. April 1543 zu Nürnberg erfolgte, als er auf dem dortigen Reichstage sich be-fand.^) Die Protestanten wußten diese seine Stellungzu würdigen und hielten sich an ihm fest, weil sie hoffenkonnten, von ihm und seinen Gesinnungsgenossen dieweitesten Zugeständnisse zu erhalten. Bucer meldet demLandgrafen Philipp von Hessen noch im Januar 1540, daßder Bischof von Augsburg zu jenen geistlichen Fürsten zähle, welche zu einer Bergleichung geneigt seien.^)Daher kommt es, daß protestantischen Autoren Christophvon Stadion so sehr wegen seiner Friedensliebe undNachgiebigkeit loben. Aber wie oft er auch darauf drang,daß den Lutheranern die weitesten Zugeständnisse gemachtwürden, so erfüllte er doch immer treu seine Pflichten alskatholischer Bischof und wich nie von dem erlaubten Wegeab. so daß man wohl mit Recht behaupten kann, Stadionblieb der katholischen Kirche treu bis zu seinem Tode.

Die stringmLe Kraft der GotLesbeweise.

Erwiderung.

(Schluß.)

Vielleicht wird St. einwenden, es handle sich nichtum die Bildung des Gottesbegriffes, sondern um dieStringenz des Gottesbeweises, aber er wird selbst wissen,wie enge das Daß und das Was bei Gott zusammen-hängt. Essenz und Existenz fällt zusammen. Wenn ichdaher, kein in jeder Hinsicht vollkommenes Wesen, Gottnicht bloß als Schöpfer der Natur, sondern als Herrdes Geisterreichcs und der sittlichen Weltordnung, alsden persönlichen Gott, mit dem man im Gebet verkehrt,Nachweisen kann, so ist der Gottcsbeweis mindestens indem Sinne, wie ich ihn im Auge hatte, unvollständigund ermangelt der vollen Stringenz. Das ist keineVerschiebung des Streitpunktes. Verschoben hat St. dieganze Frage. Ich hatte die Erscheinung Gottes in derNatur und Geschichte zusammengefaßt, als ich diestringenie Beweisbarkeit dieser Erscheinung anfocht, St.aber sieht von der Geschichte und der geistig-sitttlichenWelt ab.

Das Unglaublichste an Mißverstäudniß wird ge-leistet, wenn St. allen Ernstes die Sache so darstellt,als ob ich der angeführten Bestimmung des vatikanischenConcils über die natürliche Gotteserkenntniß meine an-gebliche Ansicht von der unmittelbaren Gotteskenntnißunterschiebe. Nicht bloß habe ich selbst die Annahmeeiner unmittelbaren Gotteserkenntniß, oder wie St. mitdem scholastischen Ausdruck sagt, einer unmittelbarenPerception deutlich abgewiesen, sondern es lag mir auchder Gedanke vollständig ferne, dem vatikanischen Concilontologistische Anwandlungen zuzutrauen. Ein solcherIgnorant bin ich denn doch nicht, um die Absicht undMeinung des Concils so gründlich mißzuverstehen. Wennich die Erkennbarkeit der Beweisbarkeit entgegenstellte, sosah ich allerdings in der Erkennbarkeit ein weniger, abergering taxirt", wie St. meint, habe ich sie deßwegennicht. Oder sollte daraus, daß ich leugne, man könneden Glauben stricte beweisen, folgen, ich taxire ihn gering?

"°) Jansscn, III. 333.

"°) Braun. III. 350. Zapf, Chr. v. Stadion. S. 94.'") Briefwechsel Landgraf Philipps des Großmüthigen vonHessen mit Bucer. herausgegeben vcn Max Lenz ; I. Theil(Leipzig , 1880) i>a§. 129, ur. 43.

Gerade dasjenige, was man nach Ueberwindung vielerZweifel uns Kämpfe sich endlich errungen hat, denGlauben und die Gnade, wird man um so höher schätzen,je weniger diese Güicr sich ohne weiteres von selbst ver-stehen. Wäre der Glaube so selbstverständlich, dannwäre er kein Verdienst mehr.

Damit will ich nicht bestreiten, daß den Glaubens-wahrhciten, angefangen von Gottes Dasein bis zur Gött-lichkeit der Kirche, ein hoher Grad von Evidenz eigen ist;nach der Ansicht vieler Dogmatiker sogar der höchst-mögliche Grad, der alle andern Wahrscheinlichkeiten über-trifft, es hat mich gewundert, daß St. nicht dieseEvidenz gegen mich ins Feld führte. Aber diese Evidenzist eine innere, geistige, sie ist, wenn ich mir denkühnen Ausdruck erlauben darf, eine subjcctive Gewiß-heit. Der Ausdrucksubjektiv" hat für viele einenschrecklichen Klang: was subjcctiv ist, scheint Herrn St.und andern unsicher und werthlos zu sein. Darummeint er wohl auch, ich taxire die Erkennbarkeit Gottesaus dem Geiste gering, weil die Erkenntniß Gottes nachmeiner Ansicht subjcctiv sei, ja ich lasse den Christen-glauben überhaupt bei Seite schieben, weil er eine bloßesubjcctive Anschauung fei.

Hier liegt allerdings der große Differenzpuukt zwischenSt. und mir, und ich muß daher schon näher auf ihn ein-gehen. ES ist auch der Punkt, den mein angefochtenerAussatz zumeist im Auge hatte. Ich wollte das innere,wenn man will das subjective Kriterium insLicht setzen. Um das dort Gesagte nun weiter zu er-gänzen und gegen die aufgetauchten Mißverständnissesicher zu stellen, muß ich etwas weiter ausholen undzwar in einem zweiten mehr sachlichen Artikel, der auchauf die Wunderfrage näher eingehen wird.

Zunächst nur noch ein paar Kleinigkeietn. St.,meint, ein Idealist stehe eigentlich mit sich selbst immerim Widerspruch, da er im Leben die Theorie verleugnenmüsse. Aber so einfach ist die Sache doch nicht; daswas man so gewöhnlichLeben" oder noch kräftigerpraktisches Leben" nennt, bildet keinen Gegengrundsowenig, wie dergemeine Menschenverstand". Derkommt bei jeder erkenntnißtheoretischen Studie gleich inVerwirrung. Der Vorwurf der Tollheit oder Narrheitvollends ist doch zu kategorisch. Wie leicht kann derkritische Idealismus" den Spieß umdrehen und denDogmatismus" aus's Korn nehmen, ohne daß er deß-halb ungläubig zu fein brauchte, hat St. dasLobder Narrheit " von dem gläubigen ErasmuS noch nichtgelesen? Es gibt viele gläubige Idealisten, es sei nurder Oratorianer Malebranche und Berkeley genannt.Selbst Fenelon war angesteckt vom cartesianischen Idealis-mus. Vermuthlich hält St. alle Idealisten, vor allemden Hauptvertreter Kant , für Atheisten, da er sie alleunter die Thoren rechnet, die die hl. Schrift meint.War denn Kant ein Atheist? Oder war es JacnhtHermes, Kühn?

Daß St. in seinem Schlußpassus nur das wieder-holt und nicht einmal vollständig wiederholt, was ichschon gesagt hatte denn ich habe auf das wichtigeNietzsche-Symptom hingewiesen, ist wohl aus einemErinnerungsmangel zu erklären. Aber gefreut hat'S mich,daß er doch trotz seiner metaphysischen Sicherheit zur Moralseine Zuflucht nehmen mußte, um die Gottesleugnung zuerklären. Damit gibt er indirekt selbst zu, daß derMetaphysische Beweis in seinem Sinne nicht ganz aus-reiche und daß mgn den Gott der Moral darüber